Neulich im Netz

„Hypnose ist in Schweizer Spitälern auf dem Vormarsch“ –  titelt Watson.ch, und legt gleich noch einen drauf: „Wie mit Hypnose in Schweizer Spitälern die Prämienexplosion gestoppt werden soll“

Was je nach Vorurteilen komplett lächerlich oder unglaublich innovativ daherkommt, ist bereits seit Jahren im Gespräch. Dank Hypnose soll der Patient entspannt genug sein, um die Operation anstatt in Vollnarkose auch in Teilnarkose oder örtlicher Betäubung durchzustehen. Daher eine erste Relativierung: Ganz ohne etwas geht es nicht.

Eine Narkose besteht (ganz grob) aus zwei Teilen: Ausschaltung von Schmerz und Ausschaltung des Bewusstseins. Mit Hypnose würde man den Bewusstseinsteil aus der Narkose rausnehmen.

Wer hier regelmässig liest, weiss schon lange: Eine Vollnarkose braucht es für viele Eingriffe gar nicht, eine Teilnarkose, zum Beispiel die Betäubung eines Arms oder Beins, reicht völlig aus. Voraussetzung ist, dass der Patient für die Dauer der Operation schön still liegen kann.

Tatsächlich, auch bei uns im Team haben wir zwei Oberärztinnen, die aktuell eine solche Ausbildung machen. Die beiden verstehen Hypnose allerdings auch nicht als Ersatz, wie es im Artikel suggeriert wird, sondern eben als Ergänzung in allen Bereichen. Nicht nur während der Operation, sondern auch rundherum, zum Beispiel vor einer Vollnarkose, damit er ruhiger einschläft, oder beim Legen eines schwierigen Zugangs beim verängstigten Patienten.

Jetzt, wie „stoppen“ wir damit „die Prämienexplosion“? Es senke Kosten, wenn man weniger Vollnarkosen macht. Na, soviel scheint irgendwie klar, es braucht weniger Equipment, man muss weniger Medikamente geben, braucht weniger Personal. Oder?

Tatsächlich muss für jede Operation mit Anästhesiebegleitung immer das volle Equipment vorhanden sein, denn nur so ist man für den Notfall vorbereitet. Man stelle sich vor, es gäbe einen Vorfall, zum Beispiel einen Herzstillstand, und der Anästhesist steht zwar daneben, kann aber nichts machen, weil er keine Beatmungsmaschine oder keine Medikamente dabeihat.

Des Weiteren: Was ist denn das Teure an der Operation? Der Anästhesist (der für mindestens 4 Narkosen gleichzeitig zuständig ist)  und der Anästhesiepfleger, die Medikamente im Wert von 50 Franken in den Patienten schütten? Oder ist es vielleicht doch der Chirurg, seine zwei Assistenten, eine OP-Pflege am Tisch und eine sonst im Saal als Handlanger? Das Gerät für Klammernähte, bei welchem ein Set allein schon 100 Franken kostet, die Prothese für 10’000 Franken und so weiter?

Dann braucht es ja doch einen Anästhesisten für die Teilnarkose. Für die örtliche Betäubung nicht, klar. Aber will man denn echt das Risiko eingehen, dass während der Operation niemand dabei ist, der im Notfall handeln kann? Unsere Chirurgen beantworten sich diese Frage so: Wenn es ohne Anästhesist geht, brauche ich es nicht im OP-Saal durchzuführen. Also brauche ich auch die Infrastruktur nicht, und führe den Kleineingriff in einem dafür eingerichteten Raum ausserhalb der OPs durch.

Übrigens, von wegen Zeit und Ressourcen: Die Krux an der Teilnarkose ist, sie ist technisch und zeitlich deutlich aufwändiger als eine Vollnarkose. So ein Block braucht auch Material, Medikamente, Menschen. Es braucht einen Anästhesisten plus eine Assistenz, allein geht es nicht – wie bei einer Vollnarkose. Es braucht Erfahrung, gutes Teaching – es ist deutlich einfacher eine Vollnarkose (unter normalen Umständen) durchzuführen, als eine Regionale zu stechen. Der Zeitbedarf ist schwieriger abzuschätzen, er variiert je nach anatomischen Gegebenheiten, Kooperation der Patienten, Erfahrung und Tagesform des Anästhesisten…

Und es bräuchte natürlich eben Fachpersonal für Hypnose, sprich dafür ausgebildete Anästhesisten oder Anästhesiepfleger. Natürlich könnten auch medizinische Laien die Hypnose durchführen. Aber dann braucht es ja trotzdem jemanden, der das Ganze überwacht, medizinische Probleme sofort erkennt und sie beheben kann.

Das kratzt nun alles nur ganz oberflächlich an der Problematik, und ich könnte noch viel mehr schreiben. Aber das soll jetzt erst mal genügen.

Wie so häufig gilt auch hier: Wenn die Lösung so einfach erscheint, dann hat man sie meistens nicht gründlich genug beleuchtet, und/oder schlicht und einfach zu wenig Ahnung.

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2 Kommentare zu „Neulich im Netz“

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