Neulich im Netz

Wer Schweizer Fernsehen kennt, der kennt vermutlich auch die „Arena“. Für diejenigen, die kein Schweizer Fernsehen haben: Die Arena ist eine Fernsehsendung, in welcher sich Politiker (und andere Personen, die eine Meinung haben, zu welcher sie gerne lauthals und öffentlich stehen möchten) um einen Moderator scharen und sich dann zu einem bestimmten Thema gegenseitig eine Stunde lang anpflaumen, unterbrechen und nicht zuhören.

Ich ertrage die Sendung im Schnitt etwa zehn Minuten, tue sie mir aber meistens doch an, wenn es um Gesundheitsthemen geht. Zwischendrin brauch ich dann gelegentlich eine Pause und ein Kissen zum Reinschreien und -boxen. So, wie am letzten Freitag zum Thema „Gesundheitssystem auf der Intensivstation“ – was, um Himmelswillen bitte, was tun wir denn nur gegen die jährlich steigenden Krankenkassenprämien?

In der Runde stehe Politiker und eine Vertreterin des Krankenkassenverbands. Lasst uns mal raten, wieviele  von denen im Gesundheitswesen tätig sind. Na? Genau. Keiner. Krankenkassen zählen nicht, die sind schliesslich der BöFei.

Irgendwo in der Ecke sitzen ein Arzt und eine Vertreterin des Patientenschutzes. Eine gelungene, ausgewogene Kombination, Vertreter der Ärzteschaft und Vertreter der Patienten. Zwei Stimmen, die in dieser Diskussion unbedingt gehört werden müssen – auf der Ersatzbank. Naja. Dazu sitzen im Publikum wild durcheinandergewürfelte Menschen, sozusagen Zivilisten, allen Alters.

Das Thema sind, wie gesagt, die seit Jahren stark ansteigenden Krankenkassenprämien. Es geht um eine ganze Menge an Vorschlägen, die derzeit wie Herpesbläschen aus der Haut der politischen Landschaft hervorspriessen, die alle eine supergute Vorstellung haben, wie wir ein krankes System wieder gesund und billig machen können.

Und dann geht’s auch schon los – die erste Hutschnur reisst schon nach fünf Minuten, bis zu meinem ersten Schreikrampf geht es ein bisschen länger.

Gut gefallen hat mir das Statement: „Alle sagen, ja, man muss etwas ändern, aber dann kommt das Aber: Dieser Vorschlag passt mir aus diesen und jenen Gründen nicht.“ So werde nie eine Lösung gefunden. Dem kann ich nur zustimmen – man sollte Vorschläge generell einfach akzeptieren und möglichst schnell umsetzen. Die Diskussion um Vor- und Nachteile ist doch bestimmt total sinnlos, und Fehler sind immer von vornherein klar ausgeschlossen – insbesondere, wenn die Vorschläge von komplett ahnungslosen, unbeteiligten Bürogummis kommen, die in ihrem Leben noch nie die Überlegung machen mussten, ob sie sich den nächsten Arztbesuch leisten können.

In der ersten halben Stunde wird vor allem über Arztbesuche diskutiert. Als ob die das Teuerste in unserem Gesundheitssystem wären. Als ob die steigenden Kosten allein auf dem Mist der ambulanten Patienten wachsen, die wegen „Bobos“, unnötigem Kleinkram, einen Arzt aufsuchen. Und ja, darüber hab ich mich ja auch schon oft genug aufgeregt. Hier zum Beispiel. Ja, das ist ein Problem – aber natürlich beileibe nicht das einzige.

Dagegen spricht ein anderer Politiker: Also er kenne imfall niemanden, der wegen einem „Bobo“ einen Arzt aufsuche. Menschen wollen nicht krank sein, heisst es dann, sie wollen nicht zum Arzt, sie gehen nur, wenn sie unbedingt müssen. Dazu hat er wahrscheinlich eine breitangelegte Befragung seiner selbst, seiner Mutter und seiner Ehefrau geführt. Wer so etwas sagt, disqualifiziert sich meiner Meinung nach gleich selbst von der Diskussion, denn er hat offensichtlich noch nie im Spital oder in der Praxis gearbeitet, geschweige denn jemandem zugehört, der das tut.

Auch sehr schön gefiel mir die Forderung, der „Leistungserbringer“ (sprich: Arzt) solle Patienten, die keine Behandlung brauchen, einfach nicht behandeln. Darüber muss ich dann schon ein bisschen lachen. Und ein bisschen schreien.

Nehmen wir das Beispiel aus meinem oben verlinkten Blogbeitrag: Eine Frau schickt mit morgens um halb 6 ihren Ehemann vorbei. Sie hat ihm gerade eine Zecke entfernt und möchte, dass ich nachschaue, ob alles draussen ist. Dem würde ich dann entsprechend einfach sagen: „Nein, ich behandle Sie nicht. Das ist kein Notfall.“

Der Punkt ist, ich entscheide nicht, was sich für den Patienten wie ein Notfall anfühlt. Viele Patienten, die auf den Notfall kommen, haben auch das Gefühl, dass sie einer sind – weil sie keine medizinischen Fachkräfte sind, die das beurteilen können. Wenn ich denen sage, sie brauchen (und erhalten) keine Behandlung, dann gehen sie woanders hin. Und nochmal woanders. Bis sie die Hilfe bekommen, die sie erwarten, selbst wenn diese Hilfe nur aus einem „keine Angst, das ist nichts Schlimmes“ besteht.

Was ist nun mit den anderen Patienten? Die, welche vorbeikommen aus Langeweile, aus „ich war sowieso grad in der Nähe“, aus Bequemlichkeit weil der Hausarzt erst um 13 Uhr aufmacht?

Klar, da könnte man was rausholen. Aber ehrlich: Wer soll die denn bitte erziehen, und wie? Wenn ihre Mama und ihr Papa das nicht hingebracht haben, wie soll das denn irgendwer sonst erreichen? Soll das vielleicht der Staat in die Hand nehmen müssen? Oder der Arzt? Ich bin nicht hier, um (im Idealfall) erwachsenen Personen zu erklären, warum sie für eine bereits entfernte Zecke nicht auf den Notfall kommen können. Nicht mein Job. Sorry.

Ich könne Bücher über die Sendung schreiben – aber vielleicht lass ich das lieber. Das ist echt schlecht für meinen Blutdruck. Alles in Allem war es jedenfalls eine Menge heisse Luft, mit vereinzelt vielleicht sogar vielversprechenden Ideen, die irgendwo zwischen zu grossen Egos und lautstark hervorgebrachter Ahnungslosigkeit untergingen.

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3 Kommentare zu „Neulich im Netz“

  1. Wie immer sehr informativ und gleichzeitig unterhaltsam geschrieben, allerdings bin ich jetzt schon neugierig, was denn aus deiner Sicht die untergegangenen vielversprechenden Ideen aus der Sendung gewesen sind? Wenn unser neuer Gesundheitsminister nicht gerade wieder Schlagzeilen in fremden Ressorts macht, haben wir in Deutschland ja eine ähnliche Diskussion und Problematik: Angefangen von stark gestiegenen RTW-Einsätzen, übervollen Notaufnahmen bis hin zu Pflegenotstand und hauptsächlich für die Klinikbilanzen nötigen Operationen – von der Frage der Bürgerversicherung ganz zu schweigen.
    Die Schweiz gilt hierzulande neben Norwegen übrigens immer wieder als gutes Vorbild, wo Vieles viel besser gelöst sei.

    Einen erhöhen Blutdruck hatte ich übrigens gestern auch: Die EVP-Fraktion im EU-Parlament möchte ab 2024 die Forschungsausgaben im Bereich der Krebsforschung verdoppeln. Für mich als Forscher eine an sich gute Nachricht, wäre sie nicht direkt mit dem unhaltbaren Versprechen verknüpft worden, dass es ab 2040 in Europa keine Krebstoten mehr geben dürfe. (http://www.eppgroup.eu/de/press-release/EPP-Group-to-double-EU-spending-on-cancer)

    Selbst wenn es tatsächlich irgendwann für alle Entitäten spezifische und wirksame Therapieformen geben sollte – besonders Krebsimmuntherapien (z.B. Antikörper oder sogar personalisierter adoptiver Zelltransfer wie bei CAR-T) haben einen stolzen Preis. Spätestens dann wird es also wieder eine ARENA zu steigenden Krankenkassenbeiträgen geben müssen…

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  2. Bei den meisten *offenkundig* eingebildeten Notfällen kommt bei mir immer wieder der Wunsch hoch, den Patienten den Einsatz/ die Versorgung vollständig in Rechnung zu stellen…
    So die Variante „eingewachsener Zehennagel“ oder auch sehr gerne „Sodbrennen“ nachts um halb Vier mit großem präklinischem Notfallbesteck…
    Gleiches bei den nicht- Notfällen auf den Notaufnahmen.

    Das in Niederösterreich praktizierte Modell der Verzahnung von Notruf und telefonischer Gesundheitsberatung ist m.E. nach ein guter Ansatz.

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