Drama in drei Akten

Frau G. wurde am Darm operiert und hat zur postoperativen Schmerztherapie einen Periduralkatheter (PDK) erhalten. Der kleine Schlauch, der manchen Müttern vielleicht noch in wohlwollender Erinnerung ist, wird am Rücken eingelegt, dort, wo die Nerven aus dem ückenmark nach aussen kommen. Darüber wird konstant über eine Pumpe ein Schmerzmittel gespritzt. Damit „schläft“ der Bauch und Frau G. hat weniger Schmerzen.

Erster Akt: Tobsucht

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SD = Spätdienst, ALV = Auslassversuch, VF = Venenzugang, DK = Dauer(urin)katheter

Kurz nach dem Mittag (Merke: nicht dem Mittagessen, denn das fiel an diesem Tag leider für mich aus, ich steckte bis zum Hals in Sprechstunden) erreicht mich ein verzweifelter Anruf einer Pflegekraft. „Frau G. ist ausser sich“, berichtet sie mir. „Sie will jetzt sofort alle Schläuche draussen haben. Sie sagt, sie brauche den Schmerzschlauch nicht, sie habe ja keine Schmerzen, und verlangt, dass man ihn zieht. Ich hab versucht, ihr zu erklären, warum sie den braucht, aber es hat nichts geholfen.“

Ich entscheide mich also dazu, Frau G. ihren Wunsch zumindest teilweise zu erfüllen. Ich verordne einen Auslassversuch: Die Pumpe wird ausgestellt und dann wird abgewartet. Wenn die Patientin in 6 Stunden noch immer erträgliche Schmerzen hat, kann man den Schlauch ziehen. Normalerweise machen wir das am zweiten oder dritten Tag nach der Operation, aber wenn Frau G. nicht auf uns hören mag und darauf besteht…

Zweiter Akt: Reue

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PCA = Schmerzpumpe, Anä(sthesie) = Ich

Gut zwei Stunden später meldet sich die Pflege wieder: Frau G. hat jetzt stärkste Schmerzen und möchte die Pumpe gerne wieder eingestellt haben. Ich vertröste die Patienten im Wartezimmer und eile auf die Station. Frau G. liegt im Bett, und sie sieht sehr leidend aus. Sie wälzt sich hin und her, Beine angezogen, Waschlappen auf dem Kopf. Mit dem Einstellen der Pumpe ist es nicht getan, ich gebe ihr zusätzlich ein stärker dosiertes Medikament über den PDK und die Pflege spritzt Morphin über die Vene.

Dritter Akt: Einsicht

Als ich Frau G. am späteren Abend erneut besuche, liegt sie wieder ruhig im Bett. Schmerzen hat sie keine. „So schlimm hab ich mir das wirklich nicht vorgestellt“, gibt sie zu.

Ich selber habe gemischte Gefühle. Einerseits finde ich, dass das ganz schlechte Medizin war, was wir da gemacht haben. Die Patientin hatte wirklich sehr, sehr starke Schmerzen, das ist unnötig und der Heilung nicht  förderlich. Ich hätte das irgendwie anders handhaben müssen, eine andere Lösung parat haben müssen. Das ist schliesslich mein Job.

Andererseits hat die Patientin es genau so gewollt. Sie wollte die Schläuche raus haben. Sie hat die Pflege angeschrien. Dann muss sie auch mit den Konsequenzen leben – und so hat sie zumindest gelernt, wozu man ihr den Schlauch gelegt hat. Und zum Schmerzschlauch gehören nunmal der Venenzugang und der Urinkatheter dazu, das ist ein Gesamtpaket. In der kurzen Zeit habe ich einfcah keine Möglichkeit, eine andere Schmerztherapie zu etwblieren, sowas braucht Zeit. Von Hundert auf Null geht nun mal nicht. Ich kann nicht zaubern.

Wir haben den PDK am dritten postoperativen Tag – wie üblich – gezogen. Diesmal ohne grosses Theater.

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7 Kommentare zu „Drama in drei Akten“

  1. Ich verstehe, dass sie Dir leid getan hat und dass Du denkst, dass das nicht der best-mögliche Weg gewesen ist. Ich sehe das allerdings anders. Klar, Ihr wusstet, was passieren würde und sie nicht. Hättet ihr allerdings trotz nicht fruchtender Erklärungsversuche alles gelassen, wie es ist, wäre sie mit Sicherheit noch wütender geworden – mit den entsprechenden Konsequenzen: entweder würde sie Euer Übergehen ihres ausdrücklichen Willens später überall (Medien / Freunde) verbreiten oder eventuell versuchen das Ding selber zu entfernen …
    So hatte sie ihren Willen und danach Schmerzen, aber nicht wirklich negative Folgen – und noch etwas gelernt.

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  2. Dieses Szenario seh ich auch relativ häufig („Ich habe keine Schmerzen, ich lasse jetzt alle Leitungen entfernen“). Manche lernen es nur auf die harte Tour, dass wir doch wissen, was wir tun. Leider ist das Thema „mein Mittag fällt aus wegen Sprechstunde und ich kann hier gerade nicht weg“ für mich fast das tragischere. So entstehen solche Entscheidungen, die nerven und Konsequenzen haben. Vielleicht wäre das frühere Gespräch mit der Patientin fruchtender gewesen. Wer weiss, sehr wahrscheinlich nicht. Aber es nervt einen selber, das ist das zermürbende und das kann unser Job doch sehr unsympathisch machen.

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  3. Wieso, was hätteste denn anders machen sollen? Wer nicht hören will muss fühlen! Das sprach meine alte Uroma immer, wenn jemand alles besser wusste, und meistens hatte sie Recht. Im Stadium der Tobsucht hättest Du der Dame sonst was erzählen können, sie hätt es doch nicht geglaubt.
    Und Du kannst sicher sein, wenn bei der mal wieder eine OP ansteht, glaubt sie vielleicht gleich den Fachleuten.
    Pffffft. Natürlich hat sie keine Schmerzen, deshalb liegt ja das Ding. Aber so weit sollte man dann schon selber denken können.

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    1. Meistens, aber nicht immer. Das Problem ist, man weiss vorher nicht, bei wem es auch ohne DK klappen würde – und niemand würde nach einer grossen Operation einen Harnverhalt, eine gestaute Blase riskieren wollen. Daher gehört bei uns der Katheter zum ‚package deal‘.

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  4. Ich weiß nicht, was du besser hättest machen sollen… vielleicht wäre eine Erklärung bei mehr Zeit gefruchtet, vielleicht aber auch nicht, aber ich schließe mich hier meinen Vorrednern an: Wer nicht hören will, muss fühlen! Wir haben uns in Deutschland für die Variante des mündigen Patienten entschieden. D.h. nach Aufklärung und Beratung entscheidet der Patient und nicht der Arzt was gemacht wird (irgendwelche Notfallentscheidungen und Betreuungsangelegenheiten jetzt mal ausgenommen). Ergo darf der Patient auch nach Expertenmeinung falsch entscheiden. Und muss dann mit den unangenehmen Konsequenzen leben. (In diesem Fall glücklicher Weise nicht einige Tage sondern nur ein paar Stunden, da ja die Schläuche noch drin waren.)

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