Teilnarkosen für alle!

 

Das Schweizer Magazin Beobachter hat einen detaillierten Artikel über Teilnarkosen geschrieben. Darin sind die einzelnen Verfahren detailliert beschrieben, mit Vor- und Nachteilen und Wirkung. Auch ein namhafter Experte äussert sich, von welchem ich auch selbst schon einen Vortrag geniessen durfte. So weit, so gut.

Ich muss allerdings sagen, ich hab trotzdem ziemlich den Kopf geschüttelt.

Begonnen hat es mit dem Titel: „Operation läuft, Patient wach“. Hand hoch, wer dabei zuerst an Teilnarkosen denkt – okay – und jetzt Hand hoch, wer dabei an Horrorgeschichten von Patienten denkt, die während Narkosen wach werden und alles mitbekommen, aber sich nicht bewegen können. Das bin doch nicht nur ich, oder?

Dann die Dramatik im ersten Satz: „Eine Vollnarkose ist vielen unheimlich.“ Wer mein Blog schon nur gelegentlich verfolgt, weiss, dass Ängste vor der Narkose weit verbreitet und meine Kollegen und ich mir dessen durchaus bewusst sind. Aber: Tatsächlich ist den meisten Patienten die Teilnarkose unheimlicher.

Eine Vollnarkose stellen sich die Meisten relativ einfach vor. Einschlafen, aufwachen, vorbei. Was kann dabei schon gross schiefgehen? Naja, vielleicht ausser diesem grässlich gefürchteten Aufwachen während der Narkose. Aber sonst? Im Fernsehen sieht das immer so leicht aus.

Aber wach sein während der Narkose? Mitbekommen, vielleicht sogar sehen, was gemacht wird? Hören, was gesprochen wird? Ich habe sehr oft Patienten, denen das absolut nicht geheuer ist, insbesondere jüngere und/oder solche, die regelmässig Drogen konsumieren.

Wenn ich für eine Teilnarkose aufkläre, dann muss ich die schlimmsten Dinge erzählen. Man sticht mit einer Nadel irgendwo rein. Wer, bitteschön, mag denn Nadeln? Niemand. Und was man da alles verletzen kann – Gefässe, das gibt einen Bluterguss, oder den Nerv selbst, dass man davon vielleicht sogar eine Lähmung davonträgt? Bei Blöcken im Halsbereich erzähle ich, dass man die Lunge verletzen kann, dass Nerven mit einschlafen können, die das Zwerchfell oder das Gesicht versorgen. Das klingt doch alles ganz grässlich, das will doch keiner!

Tatsächlich liegt die Kunst darin, den Patienten so aufzuklären, dass man ihm nicht noch Angst vor der gewählten Methode macht. Die Risiken, so sage ich, sind wirklich extrem klein. Ich muss sie erwähnen, aus rechtlichen Gründen, aber passieren tut wirklich fast nie etwas. Wir haben ja den Ultraschall, betone ich, damit sehen wir ganz genau, was wir tun und können das Risiko minimieren.

Bei der Spinalen kann ich den aber auch nicht bringen, denn diese wird ohne Ultraschall gemacht, ausser in ganz schwierigen Fällen bei sehr dicken Patienten. Sobald man die Wirbel gut tasten kann, ist das Stechen meist auch kein Problem. Aber die Angst vor der Querschnittlähmung sitzt tief, sobald der Patient die Worte „Nadel“ und Rücken“ hört. Dabei haben auch von meinen erfahrenen Kollegen diese Komplikation kaum je gesehen. Was ausnahmsweise vorkommen kann, ist, dass ein Kribbelgefühl bleibt, aber das verschwindet meist nach ein paar Tagen, sehr selten mal erst nach ein paar Wochen.

Tatsache ist, wenn ich anfange mit „Diese Operation kann man in Voll- oder in Teilnarkose durchführen“, dann reagieren deutlich mehr Patienten mit „Nein, also eine Teilnarkose kann ich mir überhaupt nicht vorstellen“ als mit „Eine Vollnarkose kommt für mich nicht in Frage.“

Nun kommt das Aber: Genauso, wie sich nicht jeder Patient für eine Vollnarkose eignet, eignet sich auch nicht jeder Patient für eine Teilnarkose. Zuerst mal muss man stillhalten können. Man muss sich damit abfinden können, dass ein oder mehrere Körperteile sich anfühlen, als wären sie nicht mehr da. Das ist auch eine Art Kontrollverlust, und, wenn ich den Berichten meiner Patienten glauben darf (und das darf ich, die wissen es besser als ich), eine gewöhnungsbedürftige Sache.

Dann sind Teilnarkosen auch häufig nicht absolut. Patienten können durchaus noch spüren, dass an ihnen gearbeitet wird. Die Schmerzreize sind ausgeschaltet, aber es kommt immer wieder vor, dass das Gefühl für Druck und Bewegung intakt bleiben. Das Gefühl „Berührung“ vom Gefühl „Schmerz“ zu unterscheiden, wenn man genau weiss, dass da jemand mit Skalpellen oder Bohrern arbeitet, kann mitunter schwierig sein. Insbesondere für Patienten, die ohnehin schon ein schlechtes Körpergefühl haben.

Manchmal bleibt auch die Beweglichkeit vorhanden, oder verschwindet erst mit der Zeit. Die Nerven für die Motorik und die Nerven für Schmerzreize reagieren unterschiedlich auf die Betäubungsmittel. Die Patienten haben dann das Gefühl, dass etwas nicht stimmt, und bewegen demonstrativ, so lange und so fest sie können, was dann wiederum Operateur und OP-Pflege wahnsinnig macht.

Nun, versteht mich nicht falsch. Ich liebe Teilnarkosen. Ich mache sie unglaublich gerne,  finde sie eine fantastische Sache und ich versuche, wann immer möglich, Patienten darauf aufzuklären. Patienten haben häufig völlig zu Unrecht Angst vor Teilnarkosen. Wir sollten viel mehr davon machen – das würde dann wiederum auch die Sicherheit erhöhen, denn je öfters man etwas macht, desto besser kann man es. Ich habe das Glück, in einer Klinik zu arbeiten, an welcher Teilnarkosen zum täglichen Brot gehören, und wir sehen wirklich nur sehr, sehr selten Probleme.

Ich wünsche mir, mehr Patienten wären für Teilnarkosen offen, und dafür ist dieser Artikel wunderbar. Allerdings sollte die Bereitschaft für eine Teilnarkose nicht auf der Angst vor einer Vollnarkose beruhen, sondern auf dem Verständnis, dass es eine in etwa gleichwertige Methode ist mit ihren eigenen Vor- und Nachteilen.

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13 Kommentare zu „Teilnarkosen für alle!“

  1. Teinarkosen für Alle – sehr gut geschrieben

    Eine Erfahrung aus 2 Spinalnarkosen in einem Regionalspital (nicht an mir):
    1. Narkose – am folgenden Tag auf einem Auge erblindet – das Spital verfügt über keinen Spezialisten – als Notfall am Sonntag zum Pikett leistenden Augenarzt gebracht – Diagnose „Grüner Star“ – mit Laserpunktionen wurde der Überdruck im Auge abgelassen – seither in dauernder Behandlung, Stichwort „Augentropfen“ und Kontrollen, weitere Laserbehandlungen !
    Bei der vorhergehenden Narkoseberatung war das Risiko für eine Auslösung des überhöhten Augendrucks nicht erwähnt worden – dies ist uns erst nachher durchs Literarurstudium bewusst geworden. Pech gehabt.
    2.Narkose – durch Auszubildende Aerztin zu hoch oben angesetzt – Atemlähmung – Gegenmittel gespritzt – seither leiden an Asthma.
    Wieder Pech gehabt.
    Und warum werden in Deutschland – im Gegensatz zur Schweiz – Spinalnarkosen viel seltener angewandt ?

    Beides geschilderten Fälle sind wohl selten – aber für den Menschen, den es getroffen hat, tragisch.
    Und – bei medizinischen Behandlungen gibts natürlich keine Garantie auf Erfolg – und bei den Nebenwirkungen manchmal leider auch kein Wort der Entschuldigung und des Trostes.
    „Das Leben ist lebensgefährlich, und das beginnt mit der Geburt“

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    1. Naja.
      Also eine zu hohe Spinale kann erstman jedem passieren, das hat nichts mit Ausbildungsstand zu tun. Wie weit sich das Mittel ausbreitet – und gestochen wird ja schliesslich immer am gleichen Ort – ist eben einfach begrenzt steuerbar.
      Dass man davon ein Asthma davontragen kann, fällt mir sehr schwer zu glauben. Asthma ist eine Erkrankung der Lunge auf äussere Reize, das kommt nicht von den Spinalnerven. Scheint mit, wie gesagt, eher eine Korrelation ans eine Kausalität.
      Ein Glaukom kann auftreten nach Gabe von bestimmten Medikamenten, hier vermutlich Atropin, die aber bei Spinaler nicht routinemässig gegeben werden – und im Bedarfsfall auch bei Vollnarkosen.
      Tatsache ist, sowohl Glaukom als auch Asthma sind mühsame Erkrankungen. Leider kann man aber nicht alles immer auf die Narkose schieben.

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  2. Asthma wegen ner hohen Spinalen?
    Die Evidenz würde ich gerne sehen.

    Zum ersten Fall: es kann noch weit mehr geschehen, als wir im den Aufklärunen gedruckt haben und erzählen (auch von chirurgischer Seite). Das ist wie mit den Beipackzetteln, da steht auch über Kilometern mögliche, seltene und sehr sehr seltene Nebenwirkungen (und teils nur „parallel aufgetretene Zustände ohne Kausalität). Würde jeder Arzt dies alles einem Patienten erklären, wenn er ihm ein Medikament gibt, dann wären wir morgen noch nicht fertig.

    Und bei manchen Dingen in der Medizin gibt es Kausalität, Korrelation und Zufall. Auch wegen einer OP können Nebenwirkungen auftreten, ein anderes Medikament, dass in der Narkose gegeben wird (ja auch Teilnarkosen benötigen manchmal z b. Kreislaufunterstützung ) oder allgemein Medikamente, die während des Spitalaufenthalts „aus der Hand“ gegeben werden wie Schmerzmittel oder Blutdruckmedikamente, können Nebenwirkungen und Komplikationen.

    Natürlich steht ausser Frage, dass solch eine Verschlechterung eines Glaukoms (war dies vor bekannt?!) nicht geschehen sollte – doch nicht alle Diagnosen sind bei einem Patienten bekannt und nicht jede Nebenwirkung und Interaktion kann auch von einem Arzt nicht im Kopf behalten werden (womit wir wieder bei den Beipackzetteln wären). Also nicht gleich die Spinale/Regionale verteufeln!

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  3. Tägliche Szene im OP

    Chirurg: „Tut das noch weh?“
    Patient: „ich spüre es!“
    Anästhesie: „spüren kann sein. Aber es darf nicht weh tun“
    C: „Also, tut das weh?“
    P: „ich spüre einen Druck“
    C: „Schmerz?“
    P: “ oben in der Schulter tuts weh“ (Blutsperre beim IVRA z.B.)
    C: „aber wenn ich sie jetzt so mit der Pinzette drücke, tut das WEH am Handgelenk?“
    P: „ich spüre etwas…“
    C: „aber ist es Schmerz. ..?!“
    ….
    Beliebig oft kann dieser Dialog nun wiederholt werden.

    Der Chirurg fängt irgendwann genervt an zu operieren. Anästhesie schaut besorgt über s Tuch. Patient zuckt nicht und döst irgendwann ein. Ruhe für alle. Regionale hat geklappt. Und falls nicht hört man neben dem Tuch irgendwann ein „ich gebe ihnen noch etwas Sauerstoff über die Nase und ein Schmerzmittel über die Vene.“
    Dass ein Block oder IVRA 100% nicht funktioniert, hab ich noch nie gesehen. Aber eben, dass nicht immer alle Nerven schlafen. Nur dann sollte keine Hektik oder genervt es Gemotze aufkommen. Die paar Minuten können wir uns doch nun auch noch nett miteinander unterhalten. Wir alle sind doch ein Team im OP und wollen das beste für den Patienten, nicht in Rekordzeit in der Mensa stehen. Das ist das einzige, was mich an der Regionalen nervt – wenns nicht klappt, ist die Stimmung im Keller. Und das finde ich völlig Unnötig.

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    1. Ich hatte erst kürzlich einen schrecklich nervösen Patienten für eine IVRA, der dann alles kommentieren musste. ‚Das hab ich gespürt, aber hat nicht weh getan… Das hat jetzt ein bisschen gezwickt, aber nicht schlimm, das ist normal, oder… Das hat gedrückt…‘
      Der ging der Chirurgin (und mir) dann so auf den Zeiger, dass ich das Propofol angehängt habe für ein bisschen Sedation.
      Unsere Chirurgen mögen Teilnarkosen generell überhaupt nicht, mit Ausnahme der Handchirurgen. Da muss man schnell einmal das Propofol hervorholen. Und wie du sagst, ist dann die Stimmung meist schlecht, man wird persönlich angegriffen (‚hast du’s nicht auf die Reihe gebracht‘) und Geduld ist ein Fremdwort.

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  4. hab bisher schon länger mit gelesen und finde es sehr intressant wie und was du so alles schreibst. Bei dem Beitrag hab ich jetzt auch mal eine kleine Erfahrung die ich hier teilen möchte. Hatte im Alter von 10-11 Jahren (genau erinner ich mich nicht mehr) eine Ohren-OP (neues Trommelfell bekommen) bzw waren es mehrere und eine davon war auch unter Teilnarkose. Das Gefühl war schon etwas komisch weil ich durchaus gemerkt hab das da jmd an meinem Ohr rummacht und es hat sich auch irgendwie so angefühlt als ob da jmd mit nem stumpfen Messer oder so probiert zu schneiden und das “Geräusch” war auch sehr komisch,
    Würde aber jetzt auch Teilnarkose nehmen wenn es der Arzt empfiehlt, hab aber persönlich auch kein Problem mit Nadeln oder Spritzen.

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  5. Spannend das zu lesen. Dann war es bei meinem ungeplannten Kaiserschnitt also wirklich so dass ich irgendwie noch gespürt habe wie es drückt und zieht. Und den Pinsel mit dem Desinfektionsmittel habe ich deutlich gespürt, da wurde ich auch mal kurz stressig, ich konnte mir nicht vorstellen dass der Rest dann nicht spürbar sein kann.. Aber ich habs nachher mehr auf meine Nerven und die Medikamente geschoben. Ich hatte vorher panische Angst vor einer Spinalanästhesie, mehr wegen dem „fehlenden Körperteil“ als wegen anderem (ich hatte das mal ca 20-30 Minuten nach einem Snowboardunfall, kein Gefühl mehr in den Beinen.. War nicht witzig). Gut dass das nun so „einfach“ erklärt ist. Ich würde im Übrigen nur noch Teilnarkose wollen.. Ich habe wesentlich weniger Probleme mit dem Magen, mir ist nicht schwindlig und mein Blutdruck bleibt auch eher bei Normal als bei Vollnarkose. In dem Sinne bin ich dem unfreundlichen Chefarzt der Anästhesie schlussendlich sehr dankbar. War gut gemacht, ich habe die „Geburt“ mitbekommen(das ist unendlich wichtig, es ist so schon schwer zu realisieren) und meine Angst abgebaut und nicht so gelitten wie sonst bei Narkose.

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  6. Kaiserschnitt mit PDA – war für mich körperlich nicht so schön. Mir war sehr übel und der Kreislauf ist in den Keller gesackt. Ich war sehr mit mir selber beschäftigt und konnte mein Kind nicht wirklich in Empfang nehmen und mich freuen. Und es war sehr seltsam zu spüren, dass da an einem gerüttelt und sonstwas gemacht wurde. Aber tausendmal besser, als sein Kind erst nach einer Vollnarkose zu sehen!

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  7. Viele Handchirurgen wollen auch lieber eine Vollnarkose für ihre Patienten, weil sie damit glauben, schneller zu sein und die knappe Zeittaktung einhalten können. Danke für die immer wieder interessanten Beiträge

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      1. Gut 🙂 Heut kam die Frage auf, inwieweit jemand für sehr simple Geschichten sediert werden kann. Viel kann ich nicht schreiben, da erst passiert, aber: Klient mit Schwerstbehinderung und Platzwunde. Das ganze wurde geklebt, während sich drei Personen auf ihn warfen und mit viel Getöse und Geschrei festhalten mussten. Kein schönes Erlebnis, für niemanden. Lässt sich das irgendwie umgehen oder einfacher, ruhiger für den Klienten gestalten? Konkret: Gibt es eine Art Sedierung, die da hilfreich und vor allem sinnvoll wäre?

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      2. Nun, zu spezifischen Problemen kann und will ich mich natürlich nicht äussern.
        Aber Sedieren kann eine tricky Geschichte sein. Gas, zB Lachgas, erfordert die Mitarbeit des Patienten. Für Propofol gibt es ein paar sehr spezifische Kontraindikationene inklusive zum Beispiel ein nicht sicherer Atemweg oder ein nicht nüchterner Patient. Eine Sedation ist von daher nicht immer möglich.

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