Bitte schön stillhalten

Wenn ich einen Nervenblock steche oder einen Schmerzkatheter lege, dann sage ich am Ende immer zum Patienten: „Sie haben das sehr gut gemacht.“

Die Patienten sagen darauf jeweils: „Ich hab doch gar nichts gemacht!“

„Doch“, antworte ich, „Sie haben stillgehalten, das ist der wichtigste Teil.“

Ich weiss, dass Patienten mir das jeweils nicht so abnehmen, aber es ist so. Das brave stille Liegen ist einer der Schlüssel zum Erfolg. Spätestens seit Frau Philipp weiss ich das.

Frau Philipp kam für einen axPlex . Sie sollte eine Handoperation erhalten, qualifizierte aber wegen einer bekannten Epilepsie und wegen zu grossem Umfang der Oberarme nicht für eine intravenöse Teilnarkose, wie sie unsere Handchirurgin bevorzugt.

Dabei würde eine Art Blutdruckmanschette an den Oberarm angelegt und so fest aufgeblasen, dass kein Blut mehr im Arm fliesst. Anschliessend wird in die Vene ein Lokalanästhetikum gespritzt, der Arm schläft ein. Die Wirkung hält weniger als eine Stunde an und ist so unsere kürzeste Form einer Teilnarkose. Leider bei dieser Patientin nicht möglich.

Eine Vollnarkose lehnt die Patientin deutlich ab, also bleibt nur der axPlex. Erschwerend kommt eine psychiatrische Diagnose dazu, die Patientin ist zwar durchaus fähig, medizinische Entscheidungen zu treffen, kommt aber in Begleitung einer Betreuerin, und ist einfach generell so ein bisschen auffällig.

Als sie bei mir auf dem Tisch liegt, habe ich noch nicht viel Erfahrung mit dieser Art Narkose. Vielleicht eine Handvoll habe ich schon gemacht. Ich beginne unter der Supervision einer Oberärztin, doch nach kurzer Zeit meldet sich die Patientin.

„Ich muss auf Toilette!“

„Sie können gleich“, beruhigt sie meine Oberärztin. „Wir sind hier gleich fertig.“

Frau Philipp ist damit nicht zufrieden. Sie beginnt, hin- und herzurutschen und zu zappeln. „Ich muss aber jeeeeeeeetzt!“

Ich habe jetzt also erstens Zeitdruck, zweitens bewegt sich die Patientin fleissig unter meiner Nadel und dem Schallkopf. Ideale Bedingungen für Anfänger. Ich werfe meiner Oberärztin einen verzweifelten Blick zu. Will sie nicht kurz übernehmen? Sie kann das tausend Mal besser als ich, schneller, sicherer. Der Block muss sitzen, eine Vollnarkose steht nicht zur Debatte. Zuviel Druck. Zuviel Stress. Können wir nicht einfach kurz unterbrechen?

Meine Oberärztin sieht das ganz anders. Stoisch schüttelt sie den Kopf und spricht leise auf die Patientin ein, deren Gezappel immer lebhafter wird. Ich atme durch und beeile mich, so gut ich kann. Ein Pfleger holt schon mal die Schüssel für die Patientin.

Wir spritzen die letzten Milliliter des Anästhetikums und ich ziehe die Nadel heraus. „Fertig“, sage ich: Das Signal für den Pfleger. Er positioniert die Schüssel unter dem Gesäss der Patientin, und während ich noch das Pflaster klebe und das sterile Tuch entferne, wird sie ruhiger, bis sie schliesslich still und die Schüssel voll ist.

Die Operation verläuft problemlos. Der Block sitzt – für mich ein kleines Wunder.

Aber auf den Stress kann ich gut verzichten.

Daher danke ich meinen braven, still liegenden Patienten jedes Mal. Sie machen es mir unendlich viel leichter, zu lernen.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s