Schneller ist nicht besser

Ein dringender Auftrag erreicht mich von meiner Oberärztin:

„Mir hat derade der Orthopäde Bescheid gegeben. Auf dem Notfall ist eine Frau mit gebrochenem Sprunggelenk, die sie ganz dringen jetzt noch machen wollen, bevor es anschwillt. Du musst da sofort hingehen, damit wir die schnell auflegen können.“

Auf dem Notfall erwartet mich das Chaos. Patienten stapeln sich schon ausserhalb der Kojen, das Wartezimmer ist voll. Im Büro der Chirurgen herrscht Hektik. Die zuständige Assistenzärztin ist nirgends zu finden, genausowenig wie jegtliche Informationen zur Patientin. Die ist schon über 80, ich glaube also kaum, dass sie keine Diagnosen und Medikamente hat. Doch es sind keine Berichte vorhanden, keine Einträge im Anamneseformular, nichts.

Das nervt mich. Wenn ich schon was betäuben soll, möchte ich die Infos und Befunde gerne haben.

Ich finde heraus, dass die Patientin halbprivat versichert ist. Theoretisch sollte also jemand von meinen Kaderärzten bei ihr vorbeigehen. Ich versuche das kurz zu organisieren, aber es hat niemand Zeit. Na danke.

Ich spreche die chirurgische Oberärztin an. Die ist genauso gestresst wie alle anderen und speist mich ab mit „Öhm, gebrochenes Sprunggelenk rechts, keine Ahnung, frag halt die Assistenzärztin.“

„Die ist nicht da, und sie hat nichts aufgeschrieben.“

„Tja dann frag halt die Patientin selber.“

Ich rolle mit den Augen. Das ist nicht mein Job. Und Zeit dafür hab ich eigentlich auch nicht, denn auch mein Wartezimmer ist nicht leer.

Ich gehe also schon ganz schön genervt in die Notfallkoje.

„“Guten Tag Frau Weber, mein Name ist Gramsel, ich bin Narkoseärztin.“

Frau Weber schaut mich schockiert an. „Wie? Narkose auch noch?“

„Nun ja… Ich habe gehört, Ihr rechtes Sprunggelenk sei gebrochen und Sie bräuchten eine Operation.“

„WAS? Gebrochen? Wirklich? Oh neiiiiin…?“

Okay, das ist maximal ungünstig. Mist.

„Hat denn noch niemand mit Ihnen geredet?“

„Nein! Gebrochen, sagen Sie?“

Ich entschuldige mich. So mit der tür ins Haus zu fallen, ist eine Zumutung für die Patientin. Und für mich. Es ist nicht das erste Mal, dass es passiert, aber es nervt mich jedes Mal extrem. So sollte es einfach nicht laufen.

„Ich schicke Ihnen einen Chirurgen vorbei, okay? Der wird Ihnen noch alles erklären.“

„Das wäre nett.“

Ich gehe zurück ins Büro der Chirurgen und nehme die Oberärztin zur Seite. „Die Patientin wusste noch nicht mal, dass was gebrochen ist. Geht mit ihr reden und ruft mich bitte, wenn ihr fertig seid.“

Das ist ein klassisches Beispiel von zuvielen Köchen, welche den Brei verderben. Am Röntgenrapport wurde das Röntgenbild von Frau Weber gezeigt, woraufhin der diensthabende Spezialist gleich gesagt hat, er möchte sie gerne noch machen. Die Patientin ist schliesslich halbprivat versichert, das möchte er gerne abrechnen können. Aber es ist inzwischen fast 16Uhr, und er möchte gerne irgendwann nach Hause, deswegen macht er uns Druck.

Mit dem Notfall hat er aber nichts direkt zu tun. Die dort arbeitenden Ober- und Assistenzärzte sind nicht am Rapport, weil sie auf dem Notfall alle Hände voll zu tun haben, und können sich nicht äussern. Die Information, dass das Röntgen erst 10 Minuten alt und die Patientin daher noch nicht darüber informiert ist, kommt entsprechend nicht.

Die Patientin hat es nicht gerade mit Fassung getragen und sich bei der Geschäftsleitung beschwert. Ihr gutes Recht.

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