Gewichtige Argumente

Frau Matic kommt für eine Gallenblasenoperation. Sie entspricht den meisten der klassischen Lehrbuch – „5 F“: female, forty, family, fat“, sprich, sie ist um die vierzig Jahre alt, hatte schon Familienmitglieder mit Gallensteinen und ist übergewichtig. Nur „fair“, also hellhäutig und blond, ist sie nicht.

Das Hauptproblem hier ist das „fat“, denn sie hat einen BMI von 44. Das weiss sie auch. Sie hat Angst.

Sie möchte alles ganz genau wissen. Ihren Fragen nach zu urteilen, hat sie sich zumindest ein bisschen vorbereitet. Sie hat eine ungefähre Vorstellung von möglichen Problemen während einer Narkose. Dank ihrer Logorrhö – sie spricht wie ein Wasserfall, und schafft es sogar, auf geschlossene Ja/Nein-Fragen gefühlte 10 Minuten zu antworten – und den detaillierten Infos, die sie verlangt und die ich ihr natürlich gerne gebe, sitze ich eine knappe Dreiviertelstunde bei ihr.

Schliesslich komme ich auf die allgemeinen Risiken der Vollnarkose zu sprechen, sprich Aspiration von Mageninhalt bei Nichtnüchternheit, Lippenverletzungen, Zahnschäden oder Halsschmerzen nach Intubation und so weiter. Irgendwann unterbricht sie mich.

„Wissen Sie, vor der Operation haben mir alle total Angst gemacht. Sie haben gesagt, du bist eine Hochrisikopatientin mit deinem Gewicht, es kann sein, dass du die Narkose nicht überlebst, das ist gefährlich… Alle hacken sie auf meinem Gewicht rum! Und das hilft einfach nicht!“

Ich hab bisher noch kein Wort zu ihrem Gewicht gesagt, aber eigentlich ist das ein guter Einstieg. Nur, was sag ich da?

Natürlich ist sie ein Hochrisikopatient mit ihrem Gewicht. Sie wird schwieriger zu beatmen sein, wird keine Sauerstoffreserven haben. Die Lungenbläschen werden kollabieren. Der Blutdruck wird schwieriger zu halten sein. Sie wird viel mehr Medikamente brauchen, weil die meisten fettlöslich sind, wacht langsamer wieder auf, fängt schwerer wieder an, zu atmen. Und das ist erst der Anfang.

Aber was nützt das? Es ist der Abend vor der Operation. Die Patientin ist ohnehin schon völlig verängstigt. Das wird bis morgen sicher nicht besser, wenn ich ihr jetzt alles aufliste, was schiefgehen könnte. Sie muss wissen, welche Risiken bestehen, aber sie muss trotzdem einigermassen entspannt in den OP kommen. Und die magische kleine Entspannungs-Wunderpille namens Midazolam kann ich ihr leider nicht angedeihen lassen, weil die Gefahr besteht, dass sie darunter schon nicht mehr ausreichend atmet.

Schliesslich sage ich ihr, dass selbstverständlich Risiken bestehen, die sie nicht hätte, wenn sie 50 kg leichter wäre. Ich nenne die wichtigsten davon und erkläre ihr im selben Atemzug, was wir tun können, um sie zu verringern oder besser zu kontrollieren.

Dazu betone ich auch, dass dies unser täglicher Brot ist. Dass wir wissen, was wir tun, und sie jede Sekunde der Operation begleiten und überwachen werden. Am Ende bin ich nicht ganz überzeugt, sie wirklich beruhigt zu haben, aber ich habe auch das Gefühl, getan zu haben, was ich konnte.

Frau Matic schliesst unser Gespräch mit den Worten: ‚Jaja, mir ist ja schon klar, dass mein Gewicht ein Risiko ist. Aber was ist mit all den alten, kranken Leuten? Die haben viel mehr Risiken!‘

Mir wird klar, dass sie überhaupt nicht verstanden hat, worum es geht. Es kommt nicht darauf an, ob die 95jährige Oma mit dem schwachen Herzen und den mumifizierten Nieren ein grösseres Risiko hat – wichtig ist nur ihr eigenes. Es nützt ihr nichts, wenn der 80jährige demente Opa mit der Blutarmut schlechter dran ist. Wenn bei ihr etwas schiefgeht, dann ist das so, und weder die Oma noch der Opa haben irgendeinen Einfluss darauf.

Wenn man Sorgen hat, etwas Bestimmtes könnte sich schlecht auf eine medizinische Behandlung auswirken, sollte man sich überlegen, was man tun kann, dies zu verringern oder zu vermeiden. Nicht, was es noch schlimmer machen könnte. Nicht, wohinter man sich verstecken könnte, mit den Fingern in den Ohren im Stil von ‚lalala ich kann dich nicht hören‘.

Frau Matic hat ihre Operation überstanden. Ich habe die postoperative Visite genutzt, ihr zu erklären, wo die Probleme lagen, um ihr nicht das Gefühl zu geben, es hätte keine gegeben und alles sei gut.

Ich habe ihr nicht geraten, Gewicht zu verlieren. Das überlasse ich den Chirurgen, dem Hausarzt, wem auch immer. Ich finde, das ist nicht meine Aufgabe.

Ich mach einfach nur Narkosen. Egal, wer vor mir auf dem Tisch liegt.

Die Welt retten kann jemand anders.

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3 Kommentare zu „Gewichtige Argumente“

  1. “Wenn man Sorgen hat, etwas Bestimmtes könnte sich schlecht auf eine medizinische Behandlung auswirken, sollte man sich überlegen, was man tun kann, dies zu verringern oder zu vermeiden.”

    Das ist aber genau Frau Matics Problem… Frau Matic hat die Sorge “etwas Bestimmtes könnte sich schlecht auf eine medizinische Behandlung auswirken” und kann akut, in genau dem Moment, an diesem Bestimmten nichts ändern. Frau Matic kann vielleicht langfristig daran arbeiten, die Problematik zu verringern oder zu vermeiden, das hilft ihr aber in dem Moment nicht, in dem sie vor dir sitzt..
    Du, als Anästhesist, kannst dir Gedanken über die Auswirkung auf ihre medizinische Behandlung machen und dir überlegen, was du tun kannst, um Probleme zu verringern oder zu vermeiden, ihr könnt aber beide, akut, nichts an der Grundproblematik ändern.

    Ich bin vor drei Wochen operiert worden und dem Anästhesisten bis heute dankbar über das Vorgespräch. Himmel ja, ich bin fett (mein BMI liegt um die 34), nicht, dass wir nicht drüber gesprochen haben. Aber er hat genau eins gesagt, was mir persönlich geholfen hat (wobei da auch jeder anders ist). “Das haben wir alles schon viel schlimmer gesehen. Dafür sind wir ja da.”
    Ich habe zehn Jahre gebraucht, um langsam aber sicher so fett zu werden, in Anbetracht dessen, dass ich nach einem Unfall orthopädisch versorgt werden musste, hätten wir aber vermutlich genau so lange warten müssen, bis mein BMI irgendwo im “Normalbereich” gelegen hätte. Weiß ich, dass mein Übergewicht ein Problem bei Narkosen sein kann? Ja. Ich brauche aber in dem Moment – in dem man eh allem ausgeliefert ist – die Rückversicherung, dass es zwar gewisse Probleme geben kann, dass vor mir aber ein kompetenter Mediziner sitzt, der genau weiß, wie er damit umzugehen hat.

    “Frau Matic schliesst unser Gespräch mit den Worten: ‚Jaja, mir ist ja schon klar, dass mein Gewicht ein Risiko ist. Aber was ist mit all den alten, kranken Leuten? Die haben viel mehr Risiken!‘

    Mir wird klar, dass sie überhaupt nicht verstanden hat, worum es geht. ”

    Oder hat sie das vielleicht? Und wollte sie von dir nur ein bestätigendes und beruhigendes) “Genau. Deswegen wissen wir ja auch genau, worauf wir bei Ihnen achten müssen.”
    Frau Matic ist offensichtlich nur übergewichtig. Das ist ein Risikofaktor, sie ist (von deiner Beschreibung her) keine 90jährige multimorbide Patientin. Vielleicht hat sie einfach nur ein bisschen Zuversicht und Beruhigung gebraucht. Dass ihr Anästhesist kompetent ist und alles viel schlimmer sein könnte. Zur Beruhigung ihrer Ängste.

    Und fetten wird ständig vorgehalten, dass wir selbst Schuld sind (klar, wir sind alle gerne fett… oder dumm, zu blöd uns gesund zu ernähren und Sport zu machen quasi, fette sind alle irgendwie minderbegabt, sonst wären sie ja schließlich schlank) und alle sterben müssen (jopp, wie alle anderen auch). In Ausnahmesituationen kommt das hoch. Es hilft, wenn man die Angst nicht unterstützt sondern beschwichtigt.

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    1. Meiner Meinung werden hier zwei verschiedene Dinge vermischt, wobei ich die im Text vielleicht auch nicht besonders gut auseinandergehalten habe: Einerseits das Gespräch vor der Operation, andererseits dasjenige nachher – das ‚wie geht’s jetzt weiter‘, sozusagen.

      Am Abend vor der Operation braucht Frau Matic Rückversicherung, genau wie du sagst. Aus rechtlichen Gründen muss sie wissen, worauf sie sich einlässt, aus menschlichen Gründen braucht sie jemand, der sie so gut es geht zu beruhigen vermag. Wie ich das gemacht habe, ist im Text ausführlich beschrieben.

      Am Tag danach geht es um das Abwehr- und Vermeidungsverhalten. Frau Matic hat ein medizinisches Problem, welches ihr Narkoserisiko erhöht. Genau, wie zum Beispiel ein herzkranker Patient, oder einer mit Diabetes. Im Anästhesiegespräch filtere ich Patienten mit unnötig erhöhtem Risiko heraus. Wenn ein Patient für eine neue Hüfte kommt, aber einen viel zu hohen Zucker hat, kann ich den ablehnen. Dann schicken wir ihn zum Hausarzt zur Einstellung, und er kann zwei, drei Monate später wieder kommen. Kaum jemand hätte daran etwas auszusetzen, nicht einmal die Chirurgen. Man stelle sich nun aber vor, ich würde einen übergewichtigen Patienten ablehnen mit der Auflage, 10 Kilo abzunehmen – das ginge wohl gar nicht, obwohl es prinzipiell um dasselbe geht.

      Bei Frau Matic geht das nicht, die Operation ist dringlicher. Daher nutze ich die Gelegenheit nach der Operation, ihr zu erklären, wo genau bei ihr die Probleme lagen. Jetzt geht
      es nicht mehr um hypothetische Risiken, die bei anderen Patienten höher waren. Sie war überdurchschnittlich lange auf der Überwachungsstation, weil ihre Sättigung schlecht war nach dem Aufwachen. Sie hat Sauerstoff mit der Maske gebraucht, was sie als äussterst unangenehm empfunden hat. Auch während der Operation war ihre Sättigung im unteren Normbereich. Sie ist knapp um einen Sauerstoffmangel herumgekommen.

      Es geht daher nicht um Vorwürfe, um Anschuldigungen, um ‚Dummheit‘ oder ‚iss doch einfach weniger und mach mehr Sport‘. Das wäre dasselbe, wie einem Patienten mit Depression zu sagen, ‚jetzt lach doch mal, dann geht’s dir besser‘.
      Es geht darum, dass sie im Laufe der Zeit wieder Operationen brauchen wird, und bis dahin ihr medizinisches Problem behandeln lassen könnte. Doch das wird sie nicht tun, wenn ich sie in der Einstellung ‚andere Leute haben schlimmere Probleme‘ unterstütze.

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