Das Plüschtier

Ich lerne Frau Brauchli kennen. Frau Brauchli ist 94 Jahre alt, sehr dement und hat sich bei einem Sturz den Schenkelhals gebrochen. Nun soll sie von uns einen „Block“ erhalten, eine Spritze im Bereich der Hüfte, damit sie weniger Schmerzen hat.

Vom Chirurgen werden wir gewarnt: Die Patientin habe die Angewohnheit, zu schlagen und zu beissen. Na super – auf Nadeln reagieren demente Patienten ja ohnehin nicht so gut. Verständlicherweise, schliesslich ist es ja auch nicht lustig, wenn man aus komplett unerklärlichen Gründen plötzlich von völlig fremden Menschen mit Nadeln geplagt wird. Wir gehen also zu zweit hin, ein Kollege und ich, damit einer wenn nötig die Patientin festhalten kann.

Frau Brauchli liegt friedlich auf der Pritsche in der Notfallkoje. Sie beantwortet Fragen grundsätzlich mit „jaaaaaa“, und schüttelt uns beiden motiviert die Hand. Fest an sich gedrückt hält sie eine Plüschkatze.

Während mein Kollege den Block vorbereitet, versuche ich, mich mit Frau Brauchli zu unterhalten. „Kontaktaufnahme“ nennt man das – schauen, wieviel und welche Kommunikation möglich ist.

„Ist das Ihre Katze?“

„Jaaaaaa“ Sie drückt das Plüschtier fest mit beiden Händen an sich.

„Die ist aber süss, wie heisst sie denn?“

Frau Brauchli schaut mich einen Moment lang sehr konzentriert an. Dann streckt sie mir die Katze entgegen.

„Oh, darf ich sie nehmen?“ Ich nehme das Plüschtier auf den Arm und streichle seinen Kopf. „Das ist aber lieb, vielen Dank!“ Ich gebe ihr die Katze zurück. Frau Brauchli sieht stolz aus, sie nickt ununterbrochen, hält die Katze vor ihr Gesicht und stupst die Plüschnase gegen ihre eigene.

Wir beginnen mit der Schmerzspritze: Zuerst erfolgt die örtliche Betäubung. Das ist unangenehm und brennt. Während mein Kollege sticht und spritzt, bin ich bereit, Frau Brauchlis Hände festzuhalten, sollte sie sich wehren oder auf die sterile Fläche fassen. Doch Frau Brauchli bleibt ruhig. Sie liegt während der ganze Prozedur völlig zufrieden da, ohne mit der Wimper zu zucken. Sie streichelt die Katze, spielt mit ihren Vorderpfoten, stupst Plüschnase gegen Menschennase. Dazu gurrt sie leise vor sich hin und plappert unverständliche Laute, bis wir schliesslich fertig sind und uns verabschieden.

Das war zweifellos mein Highlight der Woche.

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3 Kommentare zu „Das Plüschtier“

  1. Danke für diesen Beitrag! Mein geliebter Grossvater hatte als Demenzpatient einen Plüschbären im Bett. Leider ist mein Grossvater schon lange tot – aber der Plüschbär sitzt jetzt bei mir im Bücherregal.

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