Ja, ich auch

#MeToo. Darüber haben in letzter Zeit alle gesprochen. Überall war es zu lesen, überall wurde diskutiert.

Ausser bei uns.

Bei uns in der Klinik redet man nicht über sexuelle Belästigung. Warum? Weil niemand wirklich diese Büchse der Pandora öffnen will. Lieber unter vorgehaltener Hand über seine letzten Erfahrungen klagen, einen aufmunternden Schulterklopfer erhalten, auf die Zähne beissen und weitermachen.

Die meisten von uns Assistenzärztinnen haben diesbezüglich Erfahrungen gemacht. In der Chirurgie steht man oft eng aufeinander und hat mit narzisstischen „alte Garde“-Chirurgen zu tun. Strenge Hierarchien, Einstellungen aus dem neunzehnten Jahrhundert, der unvermeidbare körperliche Kontakt während Operationen und die völlige berufliche Abhängigkeit vom Goodwill der Oberen bilden den perfekte Nährboden für diesen abscheulichen Mikroorganismus.

Da gibt es die „unabsichtliche“ Berührung von Brüsten oder Po. Klar, kann mal passieren, denkt man, während man eng um den offenen Bauch des Patienten steht. Beim zweiten Mal kann man es sicher auch noch gelten lassen. Beim fünften Mal beginnt man sich vielleicht unwohl zu fühlen. Nach dem zwanzigsten Mal will man nur noch duschen.

„Ich weiss ja nicht, wie Sie so im Bett sind, aber am Operationstisch müssen Sie etwas aktiver sein“, durfte sich vor ein paar Wochen eine Medizinstudentin anhören.

Ich hab mein Fett kürzlich auch weggekriegt.

„Das ist ja wie im Kino hier“, findet der Operateur, als wir den Saal verdunkeln, damit er auf dem Bildschirm besser sehen kann, was er mit seinen Instrumenten im Bauch macht. „Gehen Sie gern ins Kino, Frau Gramsel?“

„Klar!“

„Ach , sie mögen’s wohl dunkel, wie? Ins Kino gehen und dann hinten rumknutschen?“

„Ähm… Nein?“

„Wie? Sie knutschen im Kino nicht rum?“

„Ich gehe normalerweise ins Kino, um mir den Film anzusehen.“ Nicht, dass es dich irgendwas angehen würde.

„Ach… Dann würden Sie sich wohl eher als brav beschreiben?“

Die Grenze war für mich längst überschritten. Das Gefühl ist schwer zu beschreiben – Ekel, Wut, Hilflosigkeit, Scham. Da sind noch  mindestens vier andere Personen im Raum, die meine Reaktionen mitbekommen. Und danach wahrscheinlich darüber tratschen werden. Ausserdem ist das hier ein leitender Arzt – wenn der mich nicht mag, bekomme ich vielleicht weniger Baucheingriffe. Oder sie werden mühsamer, wenn ein schlechtes Arbeitsklima herrscht.

Die Devise lautet wohl „Gute Miene zum bösen Spiel machen“.

„Klar“, gebe ich zur Antwort, und hoffe, dass der Sarkasmus bis auf die sterile Seite rüber trieft. „Total brav.“

„Wo gehen Sie denn hin, wenn Sie knutschen wollen?“

Ich wünschte, mir wäre irgendwas Schlagfertigeres eingefallen. „Na aber aber, das ist doch kein Gesprächsthema für den Ops“, schelte ich ihn lachend. Nach Lachen ist mir nicht zumute, aber ich habe das Gefühl, ohne Humor nicht aus der Sache rauszukommen. Nach weiteren Nachfragen und mehreren „Nein“ meinerseits einigen wir uns darauf, dass wir wohl nie erfahren werden, wo Frau Gramsel zum Knutschen gerne hingeht.

In der Garderobe spricht mich später die chirurgische Oberärztin darauf an und meint: „Du hast gut reagiert. Den darfst du einfach nicht ernst nehmen.“

Als er bei der nächsten Operation zufällig meine Hand unter dem Tuch streift, die ich schützend über die Nase des Patienten halte, damit er seine schweren Instrumente nicht drauf legt, stöhnt er: „Ooooh jaaaa Frau Gramsel, das hat sich ja sooo gut angefühlt. Das sollten wir öfters machen. Könnten Sie nicht vielleicht kommen und meine Hand halten?“

„Nein“. Kurz und knapp – ich hoffe, das reicht.

„Warum denn niiiicht“, jammert er. Hat wohl doch nicht gereicht – „nein“ scheint nicht so sein Wort zu sein.

„Ich brauche zwei Hände für die Narkose“, gebe ich zur Antwort. Schlagfertig bin ich nach wie vor nicht.

„Gut gerettet“, meint der zweite Operateur trocken.

Man mag das nun lesen und sagen, ist doch nichts dabei. Harmlose Scherze unter Kollegen. Stell dich nicht so an. Frauen heutzutage verstehen keinen Spass mehr/können keine Komplimente mehr annehmen. Auch in meinem Kopf ist so eine Stimme, die mich rügt.

Falsch.

Wir sind keine Kollegen. Er ist ganz schön hoch in der Hackordnung, und ich ganz schön tief. Wenn er mein Leben zur Hölle machen möchte, dann kann er das problemlos. Möglicherweise könnte er sogar meine Entlassung veranlassen. Das ist ein Abhängigkeitsverhältnis.

Stell dir den fünfzigjährigen Lehrer vor, der seine vierzehnjährige Schülerin vor der ganzen Klasse fragt, wo sie denn gerne knutschen gehe. Gehört sich nicht? Genau.

Am Anfang der #MeToo-Bewegung war der Aufschrei noch gross. Inzwischen ist kaum mehr was davon geblieben ausser Bagatellisierung. „Jetzt kommen die auch noch, die springen doch nur auf den Zug auf, die erfinden das alles doch nur“. Dabei ist es ganz einfach: Wenn du glaubst, soviele Fälle könne es gar nicht geben, warst du nie in so einer Situation oder hast sie ganz anders gehandhabt. Und nur weil es dir egal ist, wenn dir der Starchirurg an die Brüste fasst, heisst das nicht, dass es uns anderen auch egal sein muss.

Die richtige Reaktion auf sowas ist übrigens: „Ich verstehe, dass das für dich unangenehm war. Das ist nicht in Ordnung.“

Das reicht schon. Man muss sich nicht für jemand Anderes entschuldigen, oder ihn rechtfertigen. Wenn ich einen Chirurgen der sexuellen Belästigung beschuldige, beschuldige ich deshalb nicht alle Chirurgen, und wenn das jemand trotzdem persönlich nimmt, ist es sein Problem, nicht meins.

Berichtet mir von euren Erlebnissen, wenn ihr mögt. In den Kommentaren oder gerne auch auf meiner Mail  fraugramsel(a)gmx.ch.

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7 Kommentare zu „Ja, ich auch“

  1. #MeToo… Tatsächlich gehöre ich wohl zu den wenigen weiblichen Medizinern, die bisher vom beruflichen Umfeld tatsächlich keiner spürbaren sexuellen Belästigung ausgesetzt war. Weder von Kollegen noch von den Oberen. Mir ist jedoch bewusst, dass das ein Problem ist und dass sexuelle Belästigung auch in meinem Umfeld vorkommt. (Ich war einfach nur nicht das auserkohrene Opfer.) Aber ich schreibe „vom beruflichen Umfeld“ um mich hier expliziet auf meine Kollegen und Vorgesetzen zu beziehen, nicht „im beruflichen Umfeld“, denn von Patientenseite aus wurde ich:

    – auf den Hintern geschlagen
    – zum einen Blasen aufgefordert
    – bei Knieproblemen wurde mir das Genital mitgezeigt, schwingend, provozierend

    Das sind nur die 3 krassesten Beispiele, die mir spontan einfallen. Mildere sexuelle Belästigung gab es… unzählige. (Und nur so nebenbei für die Immigrationsdebatte (es wird ja leider immer mal wieder beschworen, dass das ein eingewandertes und kein deutsches Problem sei): Die 3 o.g. Beispiele waren alles weiße Männer, laut Nachnahmen eher seit Generationen in Deutschland wohnhaft, zwischen 40 und 50 und keiner von denen hatte eine Erkrankung – weder akut noch chronisch – die entsprechendes Verhalten auch nur ansatzweise entschuldigen würde. Bei den unzähligen kleineren Vorfällen waren natürlich auch Eingewanderte bei. Unter jeder Bevölkerungsgruppe gibts Arschlöcher.)

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    1. Stark formuliert – danke fürs Teilen. Nein, es sind natürlich nicht nur Arbeitskollegen. Ich erinnere mich gut an den 80jährigen entgleisten Diabetiker, ungepflegt, incompliant, alles Unschöne halt. Er hat der 16jährigen Auszubildenden 20 Franken angeboten, wenn sie mit ihm unter die Dusche geht. Schweine gibts wirklich überall.

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  2. Entschuldigung, aber so ein Verhalten von Oberen finde ich krank. Die wissen, welche Machtposition sie inne haben und dass sich deswegen niemand traut was zu sagen.

    In meinem ersten Job nach der zweiten Ausbildung (ich hatte nur männliche Kollegen) hat ein älterer Kollege auch mal Anspielungen gemacht. Damals war ich noch zu naiv um mich zu wehren.

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  3. Schlagfertigkeit hilft definitiv. In mehr als einem Sinne:

    Vor vielen Jahren, ganz am Anfang meiner Zeit in der Medizin, war in meinem ersten Haus ein Chefarzt „vom alten Schlage“ an der Macht:
    Chirurg, arrogant (seine Fähigkeiten hättens nicht gerechtfertigt), alt, ungehobelt, Sonnenkönig – wie er im Buche steht halt.

    Eines Tages auf Visite platzt er in ein Patientenzimmer hinein, in dem sich unter anderen eine alte Dame von einer Hüft- OP erholt.
    Der Chef, voll im Redefluss, doziert, geht grußlos zum Bett der alten Dame, reißt die Bettdecke weg und will die Wunde besichtigen/ zeigen. Will. Passiert aber nicht.
    Weil er kräftig eine gefegt bekommt. Sehr kräftig.
    Und die sehr „dezent“ artikulierte Aussage: „Sie Sittenstrolch! Was fällt Ihnen eigentlich ein, Sie ungehobelter Flegel?!? RAAAAAUS, Sie Wüstling!!“
    Chefarzt wird knallrot, stammelt ein wenig und verlässt im Rekordtempo Zimmer, Station und Visite…
    Der Rest der Visite – und der Station (die die „diskrete“ Ansage alle mitgehört hatten) – kugelte sich vor Lachen auf dem Flur.
    Gerüchteweise hat der Chef das Zimmer nie wieder betreten, allerdings waren danach wohl auffällig viele Blumen im Zimmer der Patientin.
    Und seine „bedside manners“ haben sich dem Vernehmen nach auch drastisch gebessert;-)

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  4. Ähnlich wie @MacNordic;

    zugegeben, einen markigen Konter zu bringen ist nicht immer risikofrei. (Als beispiel wäre miir auf „Sie knutschen im Kino nicht rum?“ so eingefallen: „Doch. Aber nur bei langweiligten Filmen. Und nur mit meiner [anwortende Person weiblich] Freundin.) Aber eines habe ich in meiner oliven Phase gelernt – man kommt mit dem größten Mist durch, wenn man nur einen „Anschiss-Vorgesetzen“ hat. Sprich, wenn man sich auf eine klipp und klare Dienstanweisung berufen kann, die zwar total bescheuert, aber nicht rechtswidrig war. So konnte man sich „auf den Befehl“ berufen – und war RAUS.

    Sprich in diesem Fall: Könnten Sie nicht vielleicht kommen und meine Hand halten? Die gerade freie Hand benutzen, und ihn recht stramm an einem Handgelenk zu packen und festhalten. Auf die Frage, was das solle, kann man dann getrost antworten: Ich dachte, das sei eine dienstliche Aufforderung, weil Sie mir beibringen wollten, wie wir beide die OP jeweils einhändig sachgerecht zu Ende führen können. Da Dienstanweisung -> kein „Anschiss“ möglich, Regresse kann man „noch oben“ durchreichen.

    Es wäre sehr wünschenswert, dieses Verfahren gar nicht erst einsetzen zu müssen – aber es ist zumindest besser als immer alles nur zu schlucken. Allerdings erfordert es Mitarbeit, da man auf eine passende Situation „lauern“ muss…

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  5. Keine schönen Erlebnisse.
    Ich muss ehrlich sagen, dass ich mich in meinem momentanen Team sehr wohl fühle. Mit ein Grund ist auch, dass anzügliche Witze immer beide Geschlechter betreffen und ich mich noch von keinem Teamkollegen wirklich bedrängt gefühlt habe.
    Wie schnell das gehen kann, muss ich niemandem erzählen.
    Patientenerfahrungen… Hach ja.
    „Ziehen Sie mir doch mal den Kondomkatheter richtig drüber, Sie sind doch so jung, sie brauchen noch Erfahrung.“
    „Gehen wollen Sie mit mir? Tanzen würde ich gerne mit Ihnen! Ich habe in meiner Jugend immer sehr eng getanzt, ich würde Ihnen das gerne zeigen…“
    Meine schlimmste Erfahrung mit Machtmissbrauch hatte ich beim Busfahren. Es war Sonntag früh, Winter und saukalt. Ich habe in einer größeren Stadt gewohnt und wollte mit dem Bus aus einem Außenbezirk in die Innenstadt fahren.
    Der Bus hat gehalten, ich bin eingestiegen und der Busfahrer sagte „Ach, setz dich doch nach vorne, sonst ist es so leer hier“. Der Bus war wirklich völlig leer und ich hab mich nach vorne gesetzt. Ich wollte nicht unhöflich sein.
    Wo ich denn hin müsse, fragte er. An die und die Haltestelle, antwortete ich. Ich hätte am Hauptbahnhof umsteigen müssen.
    Kriegen wir schon, sagte er.
    Er erzählte mir dann von seinem Gartenhäuschen, dass er hatte. Von seiner thailändischen Frau, die aber nur für ihn koche. Für andere Sachen habe er andere Frauen. Haha.
    Ob ich nicht mitkommen wolle? Heute Abend nicht mit ihnen Essen wolle? Er hätte es schön da, wirklich.
    Währenddessen hielt er an keiner einzigen Haltestelle. Er fuhr sie nichtmal mehr an. Und er fuhr auch nicht mehr Richtung Bahnhof.
    Mir ist der Schweiß in Strömen gelaufen, ich hatte kein Handy dabei, nichts. Ich bin alle Möglichkeiten durchgegangen, aber ich hatte keine.
    Wenn er mich in sein Gartenhäuschen schleppen will, kann er das tun, ohne das es jemandem auffallen würde, ohne das ich mir Hilfe holen könnte. Ich kann nicht raus!
    Er hat weiter erzählt, ich war weiter freundlich. Erzählte was von einer Verabredung mit meiner Mutter, wann anders würde ich aber sehr gerne mal zum Essen kommen, Thailändisch wollte ich schon immer probieren. Usw.
    Ich hatte Panik. Die genaue Zeit kann ich nicht mehr sagen, aber es müssen wohl gut 15 min. gewesen sein. Ob es an meinen Ausreden lag, keine Ahnung. Irgendwann lenkte er auf eine Strasse in meiner Nähe und wollte mich bis vor die Haustür fahren. Ich habe in einer sehr engen Gasse gewohnt, deswegen musste er dann ein Glück weiter oben halten.
    Ich war noch nie so froh, aus einem Bus entkommen zu sein. Und so fühlte es sich auch an: Entkommen!
    Ich habe heute noch Beklemmungen wenn ich daran denke. Ich habe damals nichts unternommen weil ich die Geschichte für zu unglaublich hielt. Ein Stadtbus, der mich mitten durch die Stadt fährt? Der nirgends hält? Das glaubt dir doch keiner! Heute würde ich ihn sofort anzeigen.

    Ich hoffe, dass irgendwann mal eine Generation Frauen kommt, die all diese Erlebnisse nicht wiederholen muss. Und ich hoffe, dass mehr Männer sich trauen einzuschreiten wenn sie Grenzüberschreitungen bemerken.

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    1. Ich hatte so einen Taxifahrer. Er fand mein Lächeln „wunderschön“ und hat mir von seiner Mutter erzählt, mit der er zusammen wohnt, dass ihm Familie wichtig ist und dass er grosses Interesse daran hätte, mit mir die Nächte zu verbringen, ob wir uns nicht einfach hin und wieder völlig zwanglos treffen könnten. Ich war noch nie so froh, hinter dem Beifahrersitz zu sitzen und als er keine 700 Meter von meiner Wohnung verbal immer aufdringlicher wurde, habe ich irgendwann gedacht „Du endest heute Abend noch als Schlagzeile in der Bild“, und ihm immer wieder nur versichert, dass ich ü b e r h a u p t kein Interesse an ihm bzw. einer zwanglosen Sexbeziehung habe. Als wir dann endlich vor meinem Haus standen und ich ins Haus rein bin, hat er noch gewartet, aber ich bin erst auf meine Etage gelaufen, als ich sicher war, dass er nicht mehr vor der Tür steht und somit auch nicht weiss, auf welcher Etage und in welcher Wohnung ich wohne. Es war definitv ein saumässig beschissenes Gefühl, so ausgeliefert zu sein…

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