Von Knöpfen und Münzen

Nach fast neun Monaten hat sich bei mir endlich ein Knopf gelöst.

Auf der Chirurgie war es mir egal, wenn mal irgendwas nicht so geklappt hat, wie ich es wollte. Der Chef musste beim Eingriff kurzzeitig übernehmen, weil mir irgendein Handgriff partout nicht gelingen wollte? Na und? Ist ja keiner perfekt, und ich sowieso nicht.

Auf der Anästhesie fiel es mir lange unglaublich schwer, die nötige Gelassenheit aufzubringen. Der dritte Venenzugang hintereinander, der nicht klappt. Schon wieder eine Intubation verbockt und im Magen gelandet. Und warum habe ich heute so unglaublich Mühe, die Nadel im Ultraschallbild darzustellen für den Nervenblock? Letztes Mal ging’s doch total einfach!

Die Unterassistenten muntere ich auf, wenn sie eine Blockade haben. Es ist einfach so und geht uns allen gleich, manchmal klappt nichts. Manchmal bringt man tagelang keinen Zugang hin, und dann plötzlich flutscht es wieder. Ohne Grund. Ist einfach so. Kann man nichts machen. Auf die Zähne beissen und nochmal probieren, so geht das. Erfolg ist, einmal mehr aufstehen, als man hingefallen ist. Bla bla bla. Mir selbst habe ich das viel zu lange nicht gegönnt.

Ich will nicht einfach Anästhesistin werden, ich will eine richtig, richtig gute Anästhesistin werden. Ich will, dass es klappt, und manchmal will ich es ein bisschen zu fest. Zuviel Selbstkritik, zu wenig Gelassenheit. Verbissen vielleicht, verbohrt.

Am Anfang war die Lernkurve noch so wahnsinnig steil. So viel zu erfahren, zu merken, auswendig zu lernen. So viele kleine Erfolgserlebnisse. Die fallen jetzt alle weg, und es bleiben nur noch die grossen Meilensteine – und die lassen auf sich warten.

Ich wurde immer müder, immer verkrampfter. Am Abend war ich zu erschöpft, um noch gross zu lernen, kam um Sieben nach Hause und musste um Neun schon wieder ins Bett, wenn ich am nächsten Tag wieder fit sein wollte.

Aber dann, gerade, als ich dachte, ich werde das nie hinkriegen, da plötzlich ging’s. Die Gelassenheit, an welcher ich so verkrampft gearbeitet hatte, war plötzlich einfach da. Plexus nicht so gut geklappt? Ach, nächstes Mal dann wieder. Beim Bereitlegen die Hälfte vergessen? Hab wohl einen schlechten Tag, morgen mach ich das besser. Keine Ahnung, woher plötzlich diese Ruhe in mir kam. Im Schweizerdeutschen sagt man: „De Zwänzger isch abegheit“.

Und schliesslich war da die Einleitung, in welcher wir den Patienten partout nicht intubieren konnten. Erst ich nicht, dann meine Oberärztin nicht, dann scheiterte sie sogar mit der Videokamera. Der vierte Versuch klappte schliesslich, aber der kleine Ballon zum Abdichten ging an den Zähnen kaputt, und wir mussten den Tubus noch austauschen. Die sonst so vertraute innere Aufregung, die ich in solchen Situationen bisher zähmen musste, war weg, und die beiden Physiotherapiestudenten, die bei der Einleitung dabei waren, werden wohl nie erfahren, wie kritisch die Situation gewesen war.

Jetzt kann ich endlich durchatmen.

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3 Kommentare zu „Von Knöpfen und Münzen“

  1. Sicherheit gewinnt man nur durch dauernde Übung.

    Ich hör beruflich hin und wieder mal:
    „Das kann doch nicht so leicht sein, wies bei dir aussieht!“
    Geht mir runter wie Öl. Und stimmt. Vor fünf Jahren noch hätte ich mich in manchen Situationen eingesch….bis über beide Ohren.

    (Nein, bin kein Mediziner. Aber ähnlich skurill kanns bei mir auch zugehen….)

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  2. Und ich habe nach dem ersten Satz an einen „Button“, also so ein Übergangsteil zwischen Bauchdecke und Magen für Sondenzugang, gedacht. Und mich gefragt, wieso der sich denn „endlich“ gelöst hat…

    Jaja, immer erst zu Ende lesen! 😉

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