Wie geht denn so eine Teilnarkose genau?

Regionalanästhesien mache ich inzwischen fast routinemässig – nach wie vor mit etwas Hilfe, aber doch in akzeptabler Zeit. Wie so was abläuft, möchte ich am Beispiel unseres häufigsten Blockes, dem axillären Plexus (axPlex) beschreiben.

Beim axPlex werden die Nerven des Armes betäubt, welche zusammen den Nervenplevus der Achsel (auch Axilla genannt, daraus leitet sich der Name ab). Dafür brauche ich vier: Den Nervus musculocutaneus, den Nervus medianus (von welchem der Musculocutaneus abzweigt), Nervus ulnaris und Nervus radialis. Damit wird zuverlässig der ganze Arm etwa ab Mitte Oberarm lahmgelegt. Das passt zum Beispiel wunderbar für gebrochene Handgelenke.

Der Patient liegt vor mir auf dem Rücken auf dem OP-Tisch. Der zu betäubende Arm ist entweder gerade oder – besser – nach oben abgewinkelt auf eine Armstütze gelagert, als würde er „Hallo“ winken. Mit dem Ultraschall gehe ich zuerst in die Achselhöhle und suche eine Stelle, an welcher ich alle vier Nerven gut sehen kann. Dabei dient mir die grosse Arterie namens Arteria axillaris, welche den Arm mit Blut versorgt, als Leitlinie, denn Nerven gruppieren sich um Arterien wie Anästhesisten um Kaffeemaschinen.

Musculocutaneus und Medianus sind in der Regel leicht zu finden. Den Ulnaris  muss ich meist erst suchen. Das mache ich, indem ich mit dem Ultraschallkopf den Oberarm auf und ab fahre. Den Radialis sieht man häufig sehr schlecht, denn er liegt in Schallrichtung direkt hinter der Arterie, und die Arterie wirft eine Art Schatten, in welchem sich dann der Nerv versteckt.

Wenn ich weiss, was ich ungefähr wo suchen muss, schaffe ich mir sterile Bedingungen. Das heisst: Hände desinfizieren, sterile Handschuhe anziehen, gründliche Desinfektion mit wunderschönem, pink eingefärbtem Chlorhexidin. Ein steriles Tuch mit einem kreisrunden Loch in der Mitte gibt mir ein sauberes Arbeitsfenster und rundherum eine schöne, saubere Fläche zur Ablage. Auch der Ultraschall bekommt einen sauberen Plastikanzug. Dann gilt’s ernst.

Ich suche erneut die beste Stelle zum pieksen (im Idealfall habe ich mir die vorher markiert) und mache mit einer feinen Nadel eine lokale Betäubung, denn das einzig Schmerzhafte ist der Stich durch die Haut. Dann nehme ich eine 8cm lange stumpfe Nadel, an welcher zwei Schwänzchen hängen: Eins ist ein Plastikschlauch, durch welchen wir das Betäubungsmittel spritzen, das andere hängt an einem Nervenstimulator. Dieser gibt über die Nadel elektrische Impulse ans Gewebe ab, und wenn ich in der Nähe eines Nervs bin, beginnen die von diesem Nerv gesteuerten Muskeln zu zucken. Eine zusätzliche Sicherheit zum Ultraschall.

Nun gehe ich mit der langen Nadel zu jedem Nerv einzeln. Ich sehe dank dem Ultraschall  in Echtzeit, wie ich die Nadel bewege und wo sie genau ist. Damit kann ich auf den Millimeter genau steuern, um keine Nerven oder Gefässe zu verletzen. Da die Nadel stumpf ist, kann ich an der grossen Arterie entlang vorbei und schiebe sie weg, anstatt sie aufzuspiessen. Ausserdem ist es weniger schmerzhaft, da sich die Nadel einen Weg durchs Gewebe bahnt anstatt ihn freizuschneiden.

Wenn ich an einem Nerv dran bin, gebe ich meinem Assistenten – aktuell ist das noch ein Kaderarzt, der mich instruiert, es könnte aber auch ein Pfleger sein, wenn ich erstmal selbständig bin – das Kommando, das Medikament zu spritzen. Wir nutzen insgesamt drei verschiedene mit unterschiedlich langer Wirkzeit, welche wir je nach Bedarf kombinieren. Der Assistent zieht erstmal am Stempel der Spritze, um zu sehen, ob er Blut ansaugen kann. Das wäre ein schlechtes Zeichen, es würde bedeuten, dass ich in einem Gefäss drin bin.

Wenn kein Blut kommt, spritzt er milliliterweise vom lokalen Betäubungsmittel. Ich sehe im Ultraschall, wo sich das Mittel verteilt, und kann so je nachdem die Position der Nadelspitze optimieren. So gehe ich von einem Nerven zum nächsten, dafür reicht ein Stich durch die Haut aus, wenn er gut platziert ist. Wenn alle Nerven betäubt sind, ziehe ich die Nadel wieder raus und klebe ein Pflaster auf die Einstichstellen. Fertig.

Nun geht es etwa eine halbe bis eine dreiviertel Stunde, bis die Narkose komplett sitzt. Der Patient verspürt ein Kribbeln in den Fingern, eine sich ausbreitende Wärme. Ob der Block richtig sitzt, teste ich, indem ich den Patienten den Arm hochheben und mit dem Finger auf die Nase zeigen lasse, und indem ich Kältespray auf die Haut sprühe.

Nun muss ich das Ganze nur noch aussitzen. Wir bieten den Patienten Musik an oder lassen sie mit niedrig dosiertem Propofol ein bisschen dösen. Manche brauchen beides nicht und schlafen ein, kurz nachdem der Operateur angefangen hat – sobald ihnen klar ist, dass sie auch wirklich nichts spüren werden. Und nach der Operation sind sie (nach wie vor) wach, müssen nicht noch in die Aufwachstation sondern können direkt ins Zimmer zurück und dürfen viel früher etwas essen als jemand, der eine Vollnarkose erhalten hat. So.

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2 Kommentare zu „Wie geht denn so eine Teilnarkose genau?“

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