Wer nicht lesen will

Morgens, 7:15. Ich warte an der Schleuse – dem Übergang vom „normalen“ Krankenhausbereich zum OP-Bereich – auf meinen Patienten. Eine Pflegekraft bringt eine Patientin, und alsi sie mich daneben stehen sieht, fragt sie mich: „Wartest du auf Herrn Steiger?“ Als ich bejahe, fährt sie fort: „Der hat um halb Sechs noch ein halbes Glas Orangensaft getrunken.“

Über Nüchternheit, über die Notwendigkeit der Nüchternheit und über die Gefahren der Nicht-Nüchternheit hab ich mich hier ja auch schon ausgelassen. Wir informieren die Patienten im Vorgespräch, dass sie 6 Stunden nichts essen dürfen, und bis zwei Stunden vor der OP noch insgesamt ein Glas Wasser trinken dürfen.

Wir geben auch extra ein Infoblatt ab, in welchem steht: Sie dürfen bis 6 Stunden vor Eintritt ins Spital noch etwas Kleines essen (dabei ist „6 Stunden“ fett gedruckt, und ich umkreise das auch immer noch nachdrücklich). Bis 2 Stunden vor dem Eintritt für den Sie noch maximal 3dl Wasser trinken (dabei ist „“ Stunden“ fett gedruckt und auch das umkreise ich jeweils und unterstreiche die 3dl Wasser).

Auf diesem Infoblatt stehen auch noch andere Infos, zum Beispiel, was man alles mitnehmen soll, oder wo man sich vor und nach der Operation wegen welchem Problem melden kann. Das geben wir den Patienten beim Vorgespräch mit nach Hause.

Zudem bekommen alle Patienten einen Brief nach Hause mit dem Operationsdatum, auf welchem steht: Bitte kommen Sie am Morgen nüchtern, das heisst, nichts essen und nichts trinken.

Und jede Woche haben wir einen oder mehrere Patienten, die es trotzdem nicht auf die Reihe kriegen. In der Regel rege ich mich darüber gar nicht mehr auf.

Herr Steiger hat Glück gehabt, mein Kaderarzt ist in Festtagsstimmung und lässt das halbe Glas durchgehen. Allerdings werden wir die Narkoseeinleitung so gestalten, als wäre er ein nicht nüchterner Notfall. Das heisst Tubus anstatt Larynxmaske und Einleitung unter allen Vorkehrungen des Aspirationsschutzes.

Als Herr Steiger bei uns auf dem Tisch liegt, kommt der Kaderarzt dazu und spricht nochmal mit ihm. „Das war keine so gute Idee“, informiert er ihn, und erklärt ihm, dass er ein höheres Risiko hat, Magensaft in die Lunge zu kriegen.

Herr Steiger ist beleidigt.

„Also wenn Sie wollen, dass die Patienten mit leerem Magen kommen“, meint er entrüstet, „dann müssen Sie das hat irgendwo aufschreiben, dass man auch nichts trinken soll. Ich dachte, so ein bisschen Saft schadet ja nichts. Dann müssen sie das eben explizit aufschreiben. Kein Saft.“

Und da platzt mir dann der Kragen schon ein bisschen. Leider darf ich ihn nicht rügen, weil er ja kurz vor der Narkose ist und ruhig und entspannt einschlafen soll.

Aber nach der OP kriegt der ja was zu hören.

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4 Kommentare zu „Wer nicht lesen will“

  1. Auf der Anästhesie heisst es bei uns „klare Flüssigkeiten wie Wasser oder Schwarzer Kaffee ohne Zucker/Süßstoff. Keine Milch oder Säfte…“ einer unserer Kunden nahm das sehr genau mit den klaren Flüssigkeiten. Es waren 4dl Vodka pur für ne Spinale. Keine gute Idee mein Lieber. ..

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    1. Das heisst, man muss auch noch ergänzen „klare alkoholfreie Flüssigkeiten“ – langsam begreife ich, warum bei meiner Mutter einmal stand „ausschliesslich Wasser ohne Zusätze“. Da fällt mir nichts ein, wie man das noch umdeuten könnte.

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    2. Meine Herren… 0,4dl 40%igen? Da kann die Anästhesie aber einige andere Wirkstoffe einkürzen… 😉

      Anderseits: Den Klaren sieht ja bekanntlich die Leber nicht, aber bei der Menge sieht man selber nicht mehr so klar. Es sei denn, man hat die fragliche Übung.

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