Kleine Kanüle, grosse Wirkung.

Im Aussendienst. Mein Telefon klingelt, es ist einer der Anästhesiepfleger.

„Ich hab gerade eine Anmeldung für eine dringende Blutentnahme erhalten, kannst du da hingehen? Station GT1.“

Ich bin gerade mitten in einem Gespräch, verspreche aber, da gleich danach hinzugehen.

Ich betrete das Stationszimmer. „Ihr habt wegen einer dringenden Blutentnahme gerufen?“

Die zwei Pflegenden im Zimmer ignorieren mich, bis ich mich räuspere, dann dreht sich einer um. „Ich weiss von nix, sorry.“ Und wendet sich wieder dem Computer zu.

Das hasse ich und akzeptiere es generell auch nicht. Wenn ich schon extra auf die Station komme – reiner Goodwill, denn eigentlich werden solche Patienten zur Überwachungsstation bestellt und dort der Auftrag ausgeführt – erwarte ich, dass man bereit ist. Dass jemand bereitsteht und mich kurz brieft worum es geht, das Material bereitlegt und ich so einfach nur noch kommen, zustechen und wieder gehen kann. Und ich erwarte, dass sich wenigstens irgendwer darum kümmert, und ich mir nicht alles selber zusammenreimen und -suchen muss.

„Na dann geh ich wieder“, ich zucke mit den Schultern. Der Pfleger meckert mir irgendwas hinterher. Ja, ich weiss, dass er nicht zuständig ist, aber es kann ja nicht so schwer sein, seinem Team kurz zu sagen, worum es geht. Auf mich warten noch 10 Schmerzpatienten, die ich visitieren muss, im ganzen Haus verteilt, und diverse angemeldete und spontane Sprechstunden. Ein bisschen Starallüren erlaube ich mir manchmal schon.

Als ich den Gang entlang watschle, klingelt mein Telefon wieder. „Hey, hier ist Dora vom GT1, kommst du für den Zugang?“

„Also eine Blutentnahme hat man mir-“ weiter komm ich nicht.

„Wir sind im Zimmer 12. Komm schnell, die Patientin ist im hypovolämen Schock.“

Das heitert mich ja jetzt nicht grade auf. Wie bitte? Dann tut die in den Schockraum oder so, was soll ich denn bei der? Holt halt jemand kompetentes?

Ich eile ins Zimmer, und treffe dort auf die Dora sowie eine Oberärztin, einen Assistenzarzt und einen Uhu. Ganz schön viele Leute für ein so kleines Zimmer. Ich werde freudig begrüsst.

„Schön, dass du da bist. Wir brauchen einen Zugang, sie braucht Flüssigkeit und der bestehende Zugang läuft nur, wenn man dran zieht.“, klärt mich die Oberärztin auf. Dora steht tatsächlich neben der Patientin und zieht an der rosa Kanüle. Die Infusionslösung tröpfelt zaghaft. Der Blutdruck ist 65/40, Puls 105. Ich ziehe den Mantel aus und mache mich an die Arbeit.

Der Schlüssel ist Geduld. Nach einer Weile präsentiert sich eine Vene am Vorderarm, aber sie ist kurz und verschwindet dann in der Tiefe. Und der Rest ist mir zu fein. Bleibt mir wohl nicht viel übrig. Ich lege eine Kanüle, befestige die Schläuche. Läuft wie eine Eins. Wir atmen auf.

Wir lassen die Flüssigkeit zügig laufen. Und schon nach kurzer Zeit bessert sich der Druck, marginal, aber immerhin.

„Meinst du, du kriegst auch noch eine Blutentnahme hin?“, fragt die Oberärztin.

Ich zucke mit den Schultern. Sollte schon gehen. Die Kanülen zur Blutentnahme sind viel feiner als die Venenkatheter, und damit reichen auch die feinen Venen aus. Inzwischen organisiert die Oberärztin die Verlegung in die Intensivstation.

Nach der Blutentnahme verabschiede ich mich. Die Oberärztin bedankt sich, und ich verlasse das Zimmer mit einem guten Gefühl – das Gefühl, Teil eines Teams zu sein, einen wertvollen Beitrag geleistet zu haben.

Ein schönes Gefühl, das man in diesem Beruf nicht wahnsinnig oft empfindet.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s