Feierabend? Fehlanzeige.

Einer der Vorteile der Anästhesie ist, dass man keine langen Briefe und Berichte, keine Kostengutsprachen und sonstigen Krankenkassenkram machen muss. Auch die Gespräche und Visiten fallen recht zahm aus: Ein Aufklärungsgespräch, eine postoperative Kontrolle.

Auf den Stationen ist das natürlich anders. Visiten sind ein- bis zweimal täglich. Einmal mit Patient, einmal nur mit Pflege. Es fällt eine riesige Menge administrativen Krams an. Berichte schreiben, Berichte aus anderen Kliniken anfordern, mit dem Hausarzt konferieren. Gespräche mit dem Patienten und ihren Angehörigen über den aktuellen Stand, über Ziele, Anschlusslösungen, langfristige Planungen. Absprachen mit der Logopädie, dem Sozialdienst, der Physio- und Egotherapie. Alles muss dokumentiert werden.

Eines Abends, es ist etwa halb Sechs, gehe ich noch kurz auf einer Station vorbei. Ich möchte Ilenya, eine chirurgische Kollegin, die vor einem Monat erst frisch angefangen hat, noch über einen Patienten informieren, bei dem es eine Besonderheit während der Anästhesie gab. Ich finde sie den Tränen nahe im Stationsbüro, Telefon am Ohr. Eine weitere Kollegin redet auf sie ein, unterstützend, aufmunternd und beruhigend. Ich setze mich dazu und warte.

„Nein, echt, ich mach das nicht!“, ruft Ilenya in den Hörer. „Die Frau hat fünf Töchter und ich hab heute schon Gespräche mit zwei davon geführt! Einzeln! Ich mach nicht fünf Gespräche mit fünf Töchtern, die sollen sich untereinander absprechen!“

Die Kollegin sitzt daneben und nickt bekräftigend. „Das ist nicht deine Aufgabe!“

„Sag der“, fährt Ilenya fort, „keine Ahnung. Sag ich bin nicht mehr da, oder ich hab keine Zeit.“

Sie hängt auf, atmet durch und schaut mich an. „Du hast gute Nachrichten, oder?“

„Was ist denn los?“, frage ich zurück.

„Ja, da ist diese alte Patientin, die wurde vor einer Woche hier an der Schulter operiert. Die hat fünf Töchter. Alle wollen wissen, wie es jetzt weitergeht, alle haben Fragen. Aber alle kommen einfach irgendwann, verlangen ein Gespräch, das geht dann eine halbe Stunde oder so… Und ich hab noch eine ganze Station voll weiterer Patienten, und musste noch in Ops! Ich hab doch keine Zeit für den Scheiss!“ Die Kollegin und ich nicken verständnisvoll. Eine Station zu führen, macht keinen Spass.

Wir besprechen unseren gemeinsamen Patienten. Sie bekommt eine kurze Info über den Narkosezwischenfall und dessen Konsequenzen – keine, was sie unheimlich beruhigt – da klingelt ihr Telefon nochmal. Ilenya nimmt ab, hört kurz zu, seufzt und sagt „okay.“ Dann hängt sie wieder auf und lässt die Schultern hängen.

„Die Tochter hat der Pflege gesagt, sie wolle jetzt sofort mit der Stationsleitung sprechen. Und die geht dann wahrscheinlich direkt zum Chef. Nein danke. Ich muss da jetzt hin.“

„Ich seh dich nachher zum Sport, ja? Um Sieben?“, fragt die Kollegin noch.

„Mach halb Acht, ich glaub Sieben reicht mir nicht“, murmelt Ilenya, bevor sie mit hängenden Schultern das Büro verlässt.

Wir bleiben zurück und können nur den Kopf schütteln.

Für die Chirurgen beginnt der Tag schon vor sieben Uhr. Sie gehen auf Station für eine „Blitz-Visite“, während derer dringende Probleme besprochen werden, welche über Nacht angefallen sind, und erledigen noch den dringendsten Papierkram. Danach haben sie Rapport und gehen anschliessend entweder in den Ops oder für eine richtige, ausgiebige Visite auf Station.

Natürlich ist der Tag für Ilenya um halb Sechs noch nicht zu Ende. Sie muss noch für Morgen die Ein- und Austritte fertig vorbereiten, Austrittspapiere anfertigen und kontrollieren, die Arbeit ihrer Uhus überprüfen, Diagnosenlisten anpassen. Dieses Angehörigengespräch wird sie sicher eine Dreiviertelstunde zurückwerfen.

Am nächsten Tag sehe ich Ilenya beim Mittagessen.

„Na, ging’s noch gut gestern?“

Sie rollt mit den Augen. „Die Tochter, die war total bösartig. Als ich ins Zimmer kam, sagte die zu mir: ‚So, jetzt hab ich lang genug auf Sie gewartet. Ich geh jetzt aufs Klo.‘ Weisst du, in meinem letzten Spital, da hätte ich der was erzählt. Dann wärs mir auch egal gewesen, wenn die sich beim Chef beklagt hätte, ich hätte dem einfach gesagt, die hat n Knall, mein Chef hätte mir geglaubt und fertig. Aber ich bin erst so kurz hier, die Chefs kennen mich noch nicht, ich kann mir das einfach nicht leisten. Also bin ich freundlich geblieben und hab gewartet. Dann hat sie mir zwei Fragen gestellt und dann von sich erzählt, wie sie eben erst einen Auffahrunfall hatte und Nackenschmerzen hat, und sie hätte keine Zeit zum Arzt zu gehen, und ihr gehe es so schlecht und das sei alles so eine grosse Belastung und blabla… Und ich musste der einfach zuhören. Weil die Chefs hier mich noch nicht kennen und mir nicht den Rücken frei halten.“

Manche Leute haben echt einen an der Waffel.

Für alle anderen: Wenn ihr mit dem Stationsarzt reden wollt, macht doch einfach einen Termin ab. Ruft vorher an, sagt, wann ihr vorbeikommt und ob ein Gespräch dann möglich ist – so kann man sich wenigstens drauf vorbereiten.

Und weiter: Familienkoordination ist nicht unsere Aufgabe. Entweder man bestimmt eine Ansprechsperson, welche dann primär informiert wird und die Info an den Rest der Familie weiterleitet, oder man macht – nach Terminabsprache – ein Rundtischgespräch.

Werbeanzeigen

5 Kommentare zu „Feierabend? Fehlanzeige.“

  1. Oha, das ist ja fast schon bösartig (obwohl man der Tochter natürlich nach der reinen Lehre empathisch begegnen und sie wahrscheinlich noch vor dem Hintergrund ihrer Probleme zu verstehen versuchen muss… )! Ein echtes Dilemma für die neue Kollegin. In meinem alten Haus (allerdings Pflegeseite) hätte die Pflege das vermutlich spätestens auf Bitten der Kollegin (naja, zumindest wenn die sich in ihrem Monat nicht wie ein A**** benommen hat) abgewehrt und ungefähr genau deine letzten Absätze formuliert.
    Wie soll das denn sonst auch gehen, spätestens bei (je nach Kulturkreis wirklichen) Groß- oder zerstrittenen Familien…
    Apropos: Halten die Chefs bei euch nach, ob jemand „so spät“ wirklich doch noch da war?

    Gefällt mir

    1. Nun, unsere Arbeitszeit kontrollieren tut natürlich niemand. Wir stempeln (physisch, an einer Stempelstation) ein und aus und visieren am Monatsende dann die Abrechnung, fertig. Wenn jemand deutlich mehr Überstunden hat, als die anderen, fällt das aber natürlich auf.

      Gefällt mir

  2. Mich macht das wirklich fassungslos. Das IST bösartig. Ich bin angehende Lehrerin und kenne das aus der Schule ähnlich. Bei Problemen mit den zukünftigen Genies wird gerne mal Fachleiter, Klassenleiter, Direktor etc. einberufen. Und wehe man funktioniert nicht nach den Wünschen – dann ist der Anwalt schneller in der Schule als das man auf drei zählen kann. Persönlich noch nie in krasser Form erlebt aber Kollegen berichten immer wieder ….
    Mein Großvater liegt übrigens auch im Krankenhaus gerade, seine Söhne schalten jeden Abend eine Telefonkonferenz so dass jeder informiert ist. Geht doch bei der heutigen Technik ziemlich gut. Mich nervt dieses zur-Obeigkeit-rennen so dermaßen.

    Gefällt mir

    1. Meine Mutter war 43 Jahre lang Lehrerin und sie hat diesen Wandel zu „wir stellen den Lehrer in Frage und zur Not mit Anwalt“ miterlebt.
      Bei ihr ging das leider so weit, dass ihr letzter Schulleiter einfach eingeknickt ist und meine Mutter ihre letzten 4 Dienstjahre an einer anderen Schule verbringen durfte.

      Gefällt mir

  3. Meine Pflege ist da zum Glück sehr fair. Aber ich hatte auch schon Tage, wo ich „noch schnell“ zum xten Mal mit den Angehörigen sprechen sollte. Und diese keinerlei Verständnis hatten, dass ich im OP war / Rapport hatte oder einfach Visite machen musste. Und ich gab ne Zeit an – und dann war niemand mehr da, aber ich hatte nen pampigen Anruf, dass ich mir keine Zeit nehmen würde. Bei Erwachsenen und kognitiv „normalen“ Patienten muss ich nicht die ganze Sippe über Kleinscheiss informieren. Schon garnicht wenn 3x das selbe, weil sie untereinander nicht kommunizieren. Und ganz ehrlich: wer nicht versteht, wie mein Arbeitsalltag aussieht und ich nichr wie ein Mediziner immer Zeit hab, muss einfach wsrten. Wer mir da pamig kommt. .. Ich würd mich auch beim Chef erklären. Die Angehörigengespräche sind ehrlich nicht in meinem Tag eingerechnet und gehen auf meine Überzeit, die mir niemand ausbezahlt / kompensiert, da es niemand interessiert. Wer bei uns überzeitmacht, ist unfähig und gehört nicht noch belohnt (Zitat eines LAs bei uns)

    Gerne nehme ich mir die Zeit für meine Patienten, aber irgendwo hats Grenzen. Wir sind ja auch nur Menschen.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s