Knapp am Drama vorbei

Es war der Tag der grossen Eingriffe.

Zuerst eine Tumorentfernung aus dem Bauch. Ein riesiger Schnitt längs des Bauches -genannt Laparotomie- , dann der Tumor aus dem Fettgewebe gegrübelt und wieder zugemacht. Klingt einfach, brauchte aber über eine Stunde Vorbereitung und die Operation dauerte auch fast drei.

Während der Operation hat meine Oberärztin kein einziges Mal den Saal verlassen, weil wir alle Hände voll zu tun hatten. Spannend bis zum letzten Moment. Zu dritt kämpften wir uns durch Blutungs-, Kreislauf- und andere Probleme, die Oberärztin, meine Uhuline (weibliche Form des Uhu, Unterhund, Medizinstudent im praktischen Jahr) und ich.

Die Studentin wollte ich ursprünglich gar nicht dabei haben, weil sie eh nichts Spannendes machen durfte bei dieser kritischen Patientin – war dann aber unendlich froh über die zwei zusätzlichen Hände. Selbständig hat sie das Protokoll geführt, mitgedacht, alle Medikamente frühzeitig aufgezogen und uns somit den Rücken freigehalten. Langweilig wurde es ihr entgegen meiner Befürchtungen nicht. Im Nu war es Mittag.

Nachdem wir die Patientin im Aufwachraum abgegeben haben, werde ich zum Essen geschickt, mit der Anweisung, nach der halben Stunde Pause gleich wieder in den OP zu kommen. Ich sei für eine Hüft-OP mit allem drum und dran geplant.

Normalerweise werden wir nach dem Mittag selten wieder in den OP gerufen, sondern müssen draussen Dinge erledigen. Zum Beispiel die Patienten für den Folgetag besuchen und für die Narkose aufklären. Ich freute mich natürlich wahnsinnig auf die grosse Einleitung – sogar mit Arterienzugang zur kontinuierlichen Blutdruckmessung! Yay!

Die Einleitung zog sich. Die Arterie klappte nicht, meine Oberärztin übernahm und scheiterte genauso. Nach einer ganz schönen Anzahl Versuche hatten wir wenigstens die Spitze des Katheters drin, und das System zeigte einen Blutdruck an. Mal schauen, ob das hält. Die Intubation war auch nicht ganz einfach, der ganze Rachen von zähem, weissem Schleim belegt.

Nach Schnitt wurde es ruhiger. Ich schickte die Uhuline raus, um dem Kollegen beim Aufklären zu helfen, weil wir nun tatsächlich beide ganz schön unterbeschäftigt da sassen.

Irgendwann nach 15 Uhr kommt ein Kollege von der Anästhesiepflege. „Hey, magst du mal Pause machen? Ich kann dich ablösen.“

Dankbar ging ich in den Aufenthaltsraum, und merkte da erst, wie müde ich war. Am Morgen war keine Zeit für eine Pause gewesen, und bei nur einer halben Stunde Pause seit 7 Uhr war ich ganz schön abgerackert. Nach der erlaubten Viertelstunde kroch ich zurück in den Saal, wo mich der Kollege auslachte.

„Erholt siehst du ja nicht aus. Willst du nicht noch ein bisschen länger Pause machen? Hast du einen Kaffee gehabt?“

Und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich hatte noch keinen Kaffee gehabt – keinen einzigen! Nicht den Morgenkaffee, weil ich am Morgen keine Pause gemacht hatte, nicht am Mittag, weil’s nach dem Mittagessen nicht mehr gereicht hatte.

Ist euch klar, was das bedeutet? Kein Kaffee! Keinen Tropfen! Wie konnte ich überhaupt so lange durchhalten? Ein Desaster! Das hätte schrecklich enden können…

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6 Kommentare zu „Knapp am Drama vorbei“

  1. Aus meiner Uhu Zeit weiss ich 2 Standartrezepte
    A) Anästhesisten-Kaffe: Doppelter Espresso, gleiche Menge kaltes Wasser, gleiche Menge Zucker. Auf Ex Runter

    B) Chirurgen Kaffe: Schwarz mit Zucker. Und doppeltem Espresso. Und Pantozol. Am besten 80 mg pro Tag. Viel hilft viel.

    In diesem Sinne – ich brsuch jetzt schwarze Plörre.. viiiiel!

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  2. Vollstes Verständnis! Ich bin zwar (glücklicherweise) nicht für Menschenleben verantwortlich, aber die Arbeiten meiner Studis sollte ich ohne Koffein im Blut auch lieber nicht korrigieren.

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  3. Mir sagt man ja nach, das man mich unterkoffeiniert mit der Zange nicht anfassen möchte.

    Dazu ist zu sagen, es gibt Situationen, da materialisiert plötzlich vor mir ein Pott Kaffee.
    Hmmm. Sollte ich mir jetzt Gedanken machen?

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  4. Meine Lieblings-Nacht-Ambulanzschwester trägt uns Ärzten (egal welcher Fachrichtung) auch irgendwie Kaffee und Wasser hinterher. Manchmal auch Snacks, wenn wir schon sehr lange nix mehr gegessen haben… Ich liebe sie!

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