Schlechte Laune ist ansteckend

Wir machen eine Hüfte!

Also natürlich nicht einen neue. Eigentlich noch nicht mal eine ganze. Nein, wir machen eine gebrochene Hüfte wieder heil, oder so – wir machen einen Nagel rein, damit sie schön zusammenwächst. Die Patientin ist fast neunzig, körperlich altersendsprechend nicht mehr ganz knusprig und bekommt eine Spinale, einen Pieks in den Rücken, weil dies Herz, Lunge und Niere nicht so stark belastet.

Nach einer stressigen Einleitung, weil die Patientin mit dem Blutdruck mal kurz in den Keller saust und alle ein bisschen nervös werden, machen wir es uns im Saal gemütlich. Auf dem Programm stehe zwei meiner Lieblingschirurgen – ein junger Oberarzt und eine meiner Lieblingsassistenzärztinnen – was mich wieder völlig entspannt. Das wird eine lockere Sache mit gutem Umgangston und angenehmem Miteinander.

Die Patientin ist in der Stimmung noch nicht ganz angekommen. Sie ist so ein bisschen mies gelaunt, meckert an fast allem rum. Zuviele Leute. Zuviel Aufwand. Zulange sitzen für die Spinale. Zu kalt. Zuviel Lärm. „Das ist mir einfach alles zuviel“, sagt sie.

„Möchten Sie lieber ein bisschen schlafen?“, frage ich, und blinzle schon hoffnungsvoll in Richtung Propofol.

„Nein!“, ist ihre knappe Antwort.

Nun, der Patient ist König, und gegen ihren Willen sedieren kann ich sie nicht. Beruhigungsmittel kann ich ihr wegen des Alters auch keine spritzen. Ich seufze innerlich, während sie weiter meckert. Immer noch zuviele Leute. Ja, das werden auch nicht weniger: Da wären zwei Chirurgen, zwei Operationsassistenzen, ein Lagerungspfleger und ich. Immer noch zuviel Lärm. Ja, das ist eine Operation, da raschelt und rauscht es, und später wird’s dann auch noch hämmern. Wollen Sie nicht doch lieber ein bisschen dösen? Oder Musik hören? Ich hab auch Schlager, Volksmusik, klassische Musik… Nein, will sie nicht. Na dann.

Der Oberarzt kommt rein und stellt als erstes seinen Lautsprecher auf mit irgendwas an Rockmusik. Die Patientin geht auf die Barrikaden. „Schaltet die Musik aus!“, schreit sie. Damit wäre der Oberarzt dann auch beleidigt, und die Stimmung nicht ganz in dem Bereich, in dem ich sie mir gewünscht hatte. Er lässt seine miese Laune an der Assistenzärztin aus, die dann entsprechend auch nicht mehr allzu freundlich ist.

Wenigstens geht die Operation einigermassen schnell vorwärts, und ich kann die Dame etwa eine Stunde später schon wieder abgeben. Nicht, ohne Gemecker, natürlich. Zu lange liegen müssen, alles ging viel zu langsam, zuviel Gewusel um sie rum. Hach.

Nicht alle Patienten sind psychisch für eine Teilnarkose geeignet. Aber viele unserer Patienten sind körperlich nicht für eine Vollnarkose geeignet. Wenn sich das dann überschneidet, bedeutet das immer ein gewisses Mass an Stress, und die Möglichkeiten sind einfach eingeschränkt. Manchmal muss man ein bisschen auf die Zähne beissen.

Aber sag das mal der resoluten, schlecht gelaunten 90jährigen Omi.

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2 Kommentare zu „Schlechte Laune ist ansteckend“

  1. Huh… so’n bisschen Propofol wäre für alle Beteiligten da wirklich nicht schlecht gewesen. Zu schade, dass das die Patientin nicht so sah…

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