Wie mitten im Sturm stehen

Es ist gut 17 Uhr. Ich hatte einen unendlich langen Tag, sass zuerst in einer 3mehr als dreistündigen Bauch OP, durfte dann kurz Mittag machen und musste danach noch eine 2.5 Stunden Nasen-OP (ernsthaft, wie kann man so lange an einer Nase rumfummeln?) absitzen. Und das sind nur die reinen OP-Zeiten, da ist Vor- und Nachbereitung unsererseits nicht eingerechnet.

Ich bringe den zweiten Patienten in den Aufwachraum, fix und fertig. Den Nachmittagsrapport hab ich auch verpasst – wo ich wohl morgen eingeteilt bin? Hoffentlich ist es was lockeres, einfaches, danach steht mir der Kopf nach so einem Tag.

Im Aufwachraum ist das reinste Chaos. Die betreuende Pflegefachfrau sprintet von einem frischoperierten zum nächsten, gibt einer Stationspflege Rapport, um wenigstens einen ihrer Patienten loszuwerden, gleichzeitig stehen hinten im Übergang zur Tagesklinik noch zwei Patienten, die gerne ihre Papiere erhalten und gehen möchten, und irgendwo dazwischen zetert ein Mann in einem Bett mitten im Gang vor sich hin.

Ich halte meine Übergabe kurz und knapp. Als ich fertig bin, meint die Pflege: „Hey, und da ist noch ein Patient, siehst du den?“ Sie deutet auf den schinpfenden Senior im Bett. „Der bräuchte noch einen Zugang.“

Ich zucke mit den Schultern und nähere mich dem Bett. „Guten Tag Herr Wetter, mein Name ist Gramsel, ich bin Narkoseärztin.“

Das reicht, um ihn völlig ausrasten zu lassen. Irgendwas von „ich will, dass diese Übung jetzt sofort abgebrochen wird, ich will zurück ins Zimmer, dsas ist eine Frechheit, und eine Narkose will ich schon gar nicht, das kommt gar nicht in Frage, und…“ *seufz* Na das kann ja lustig werden.

„Ich bin nicht für eine Narkose hier. Ich bin hier, um Ihnen einen Zugang zu legen.“, versuche ich, ihn zu beschwichtigen. Das löst aber nur eine weitere Tirade aus über die absolut miserable Behandlung hier. „Unten haben die mir gesagt, das geht hier ruckzuck! Nur deswegen hab ich überhaupt zugestimmt! Und jetztg macht die da die ganze Zeit was anderes und läuft immer wieder davon!“

„Das tut mir sehr leid, dass Sie warten müssen. Aber Sie sehen doch, dass sie alleine hier ist. Sie kann sich halt nicht um alle gleichzeitig kümmern.“

Er schimpft weiter. Alles ist furchtbar, alle sind gemein, was auch immer. Ich bin zu müde. Ich versuche, auf ihn einzugehen, freundlich zu sein, ihn zu beschwichtigen. Irgendwann reichts mir.

„In der Zeit, in der Sie hier schimpfen, hätte ich schon einen Zugang legen können.“

Das war offensichtlich falsch. „Warum tun Sie’s dann nicht endlich!?“, schreit er.

„Ich werde doch nicht mit einer Nadel auf Sie zu kommen, wenn Sie damit nicht einverstanden sind, Herr Wetter. Das wäre nicht besonders nett, und ich denke nicht, dass Sie das besonders schätzen würden.“

Er schreit und zetert weiter. Zwischendurch habe ich das Gefühl, er ist kurz davor, mir eine zu klatschen. Ich lasse ihn meckern. Er ist nur ein Sturm, der um mich herum tobt. versuche ich mir einzureden. Einatmen, ausatmen, los.

Ich nehme mir seinen Arm und ziehe den Stauschlauch an. Er schimpft vor sich hin. „Einen Versuch gebe ich Ihnen, genau einen! Hören Sie? Danach bin ich hier weg!“, schreit er. Laut.

„Das finde ich nicht besonders fair, Herr Wetter. Sie setzen mich hier ganz schön unter Druck, finden Sie nicht?“

„Ja Sie sind doch die Expertin, oder? Dann experten Sie mal! Machen Sie vorwärts!“

Desinfektion. Einatmen, ausatmen. Will ich das machen? Was geschieht, wenn ich nicht treffe? Will ich nicht lieber die Oberärztin rufen? Oder den Anästhesiepfleger, der da hinten auch gerade einen Patienten abgibt?

Manchmal muss man Dinge machen, auch wenn man wirklich, wirklich, wirklich nicht möchte.

Ich steche zu. Fühlt sich gut an. Schlauch vorschieben geht problemlos. „So, das wars schon. Ging das für Sie?“

„Sie sind doch die Expertin! Sagen Sie mir doch, wie das ging!“

„Aber Sie haben den Stich aushalten müssen, und ich möchte von Ihnen wissen, ob der Stich schlimm war. Den fühle ich ja nicht.“

„Ja der Stich, das war halt ein Stich! Was ist denn nun?“

Ich habe die Infusion angeschlossen. Läuft. Okay. Tief durchatmen. Ich schaue den Patienten an. „Der sitzt.“

Einen Moment ist er sprachlos. Nach zwei atemlosen Sekunden meint er: „Wissen Sie, und ich wollte gerade sagen, wie ich Ihren Namen auch in meinem mehrseitigen Brief an den Kassensturz erwähnen werde.“

Seine Freude ist von kurzer Dauer, denn ich weigere mich, auf seinen Befehl, den Transportdienst für seine Rückreise ins Zimmer jetzt sofort zu rufen, einzugehen. Stattdessen klebe ich unter seinem nun wieder lautstarken Protest die Kanüle fest, verabschiede mich von ihm und gebe den Auftrag an die Pflege weiter.

Irgendwie schaff ich es noch nach Hause und falle noch vor 20 Uhr völlig erledigt ins Bett.

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2 Kommentare zu „Wie mitten im Sturm stehen“

  1. Hallo Frau Kollegin 😉
    Ein schöner Blog, ich lese hier schon eine Weile mit. Vielen Dank für die Beiträge!
    Der obige Text brachte mich dazu dann doch mal einen Kommentar hier zu lassen.
    Die genauen Umstände werden es sicher erklären, aber wenn ich das so lese und mich in die Situation reindenke – man kann schon auch nein sagen, oder?
    Auch eine Blutentnahme ist eine Körperverletzung und benötigt grundsätzlich ein schriftliches Einverständnis. Es ist gleichzeitig eine der wenigen medizinischen Maßnahmen für welche das eindeutig vom Patienten geäußerte mündliche Einverständnis als ausreichend erachtet wird.
    Ich habe das in den Anfangsjahren auch gemacht. Der Kunde ist ja König, immer schön freundlich bleiben und so weiter. Ich sage Dir aus meiner Erfahrung heraus zahlst DU drauf.
    Du erscheinst mir kompetent und freundlich, dieser Patient nicht.
    Wenn jemand mich so anpampt (und nicht im Delir ist) dann gehe ich. Ich sage dann dem Patienten auch, dass ich diesen Umgangston so nicht pflege und dass wenn er sich beruhigt hat er sich gerne erneut melden könne. Wichtig ist das entsprechend zu dokumentieren z.B. “Pat. incompliant, lehnt medizinische Maßnahme ab, mündlich nicht führbar”. Oder so.
    Alles Gute auf dem weiteren Weg, viele Grüße
    der Narkosedoc

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    1. Vielen Dank für den Kommentar, darüber hab ich jetzt erstmal einen Moment nachdenken müssen.
      Als Assistenzarzt ist es ganz schön schwierig, nein zu sagen, zumindest empfinde ich das so. Es wird erwartet, dass man Aufgaben ohne wenn und aber erledigt.
      Ich habe mir tatsächlich überlegt, die Blutentnahme nicht zu machen. Damit hätte ich den Auftrag an meine Oberärztin geturft. Das wiederum hätte weitere Wartezeiten für den Patienten bedeutet, und die Wartezeit war der Hauptgrund für seine Unzufriedenheit.
      Der Patient hat auch nicht den Zugang an sich verweigert, sondern war einfach unzufrieden, weil er warten musste. Ich habe danach seine Pflegeberichte durchgelesen, und habe gesehen, dass er auch auf Station täglich ausfällig wird der Pflege gegenüber. Er hat für den Zugang selbst ganz brav stillgehalten.
      Zu guter Letzt muss ich zugeben: Wenn wir eine Blutentnahme oder einen Zugang in Auftrag bekommen, werden wir (von Pflege und Ärzteschaft) in erster Linie als Dienstleister verstanden. Jetzt, sofort, und bitte ohne Nachfrage. Häufig wissen wir gar nichts über die Patienten. Und eigentlich, da hast du mich nun ganz schön zum Nachdenken gebracht, ist das eine wirklich suboptimale Praxis. Ich werde mir dazu in Zukunft definitiv mehr Gedanken machen, und hoffe, dass ich das Rückgrat habe, im Falle eines Falles nein zu sagen.

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