Die einsamste Narkose

Meine erste Schilddrüse habe ich vor einigen Wochen schon begleitet. Operieren tat mein „Lieblings“- Oberarzt. Nein, wir sind keine besonders guten Freunde. Wir könnten es aber werden, wenn er aufhören würde, mich so arrogant von oben herab anzuschauen und in diesem Tonfall mit mir zu sprechen, als wäre ich fünf.
Beim zweiten Mal war’s natürlich wieder derselbe Oberarzt, aber diesmal kannte ich schon die wichtigsten Kniffe. Dazu kam aber: Nicht nur ein Teil der Schilddrüse wurde entfernt, sondern auch die Nebenschilddrüse. Um zu überprüfen, ob die auch wirklich draussen ist, musste ich zu Beginn und zum Ende der Operation eine Blutentnahme machen (am Fuss, weil ich Abdecktücher-bedingt nicht an die Arme kam), um das Parathormon zu bestimmen, welches in der Nebenschilddrüse produziert wird. Wenn man die Nebenschilddrüse rausnimmt, sollte der Hormonspiegel sinken.

Die Operation ging glatt. Ich war gut vorbereitet, kannte die einzelnen Schritte, wusste, wann man etwas von mir wollen könnte. Schliesslich war die Operation fertig, und während der Oberarzt zunähte, führte ich die zweite Blutentnahme durch und liess sie ins Labor schicken.

Kurz darauf beschied der Chirurg: „So, ich bin fertig. Jetzt warten wir auf das Labor und den Schnellbefund des Pathologen. Ich geh was trinken. Lass die Patientin so, bis wir den Bescheid haben, mach keinen Unsinn in der Zwischenzeit, so extubieren oder so, ja?“ Und weg war er.

Als nächstes schickte die OP-Schwester die Uhuline, die assistierende Medizinstudentin, weg. „Geh und iss was“, war die Anweisung. Wahrscheinlich nötig, denn sie sah schon ein bisschen blass ums Näschen aus.

Da waren’s nur noch zwei – für gute zwei Minuten, dann verabschiedete sich auch die OP-Schwester. „Ich helf im nächsten Saal aus“, wurde ich informiert.

Dann war ich allein mit der schlafenden Patientin. Ich hielt die Narkose aufrecht und, naja, wartete. Nicht mal wen zum Quatschen hatte ich.

Eine sehr einsame dreiviertel Stunde später bekam ich einen Anruf: alles gut, Patientin bitte aufwachen lassen. Na dann…

Das war ja mal echt langweilig. Sonst hab ich wenigstens ein bisschen Unterhaltung, wenn ich der Operation zuschauen oder mit den Chirurgen plaudern kann. Aber jetzt weiss ich’s ja, und kann mich nächstes Mal davor drücken 😉

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3 Kommentare zu „Die einsamste Narkose“

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