Die Wunderheilerin

Wunder wirken kann ich schon lange. Ist ja auch kinderleicht.

Herr Tischler liegt vor mir auf dem OP-Tisch für eine Knie-OP. Herr Tischler ist nicht ganz unvorbelastet, sein Zucker ist ein bisschen ausser Kontrolle. Wie auch der Blutdruck. Oh, und sein Gewicht (BMI 40). Solche Patienten haben gern mehr als eine Baustelle. Die Ursachen sind ja auch nahe beieinander, Bewegungsmangel, Rauchen und übermässiger Alkoholkonsum, dann natürlich die inkonsequente Medikamenteneinnahme.

Zusätlich kommen noch kleine Dinge dazu, wie eine leichte Lungenerkrankung vom Rauchen, saures Aufstossen, kaputte Nerven und Gefässe vom Zucker.

Herr Tischler ist ein echtes Gesamtpaket.

Mit all seinen Vorerkrankungen ist er für eine Vollnarkose ziemlich ungeeignet, das schreit schon nach Beatmungs- und Kreislaufproblemen. Herr Tischler bekommt also eine Teilnarkose, genauer gesagt eine Spinalanästhesie. Ein Stich in den Rücken und die Beine schlafen. So weit, so gut.

Die Spinale gestaltet sich mühsam. Wegen dem Übergewicht tastet man die Landmarken schlecht, also Beckenknochen und auch die Wirbel. Ich stochere ein bisschen rum und lasse dann meinen Oberarzt übernehmen, welcher sich zehn Minuten später vom Chef helfen lässt. Mit der extralangen Nadel und dem Ultraschallgerät gelingt es schliesslich.

Natürlich saust dann der Blutdruck in den Keller, eine normale, aber unangenehme Nebenwirkung der Spinalen. In Folge wird dem armen Herr Tischler schlecht. Der Puls wird langsamer. Wir geben kreislaufwirksame Medikamente und lagern den Kopf tief. Dadurch breitet sich aber das Medikament im Rückenmarkskanal weiter nach oben aus, und bald schlafen nicht nur die Beine, sondern auch der ganze Bauch bis hoch zum Brustkorb. Herr Tischler fällt das Atmen etwas schwerer. Seine Sauerstoffsättigung sinkt.

Zehn Minuten später haben sich Blutdruck und Puls erholt, und mit Sauerstoff über eine Nasenbrille ist die Sättigung  schwankend zwischen 89 und 94%. Zufriedenstellend ist es aber noch nicht, und ich nehme eine Maske mit Reservoir hervor, über welche man mehr Sauerstoff abgeben kann als mit der Nasenbrille.

Die Sättigung bleibt um die 90%. Immer noch schlecht.

Aber dann fällt mir ein, dass ich ja Wunderheilerin bin.

Ich nehme den Clip vom Zeigefinger und stecke ihn an den Ringfinger.

Die Sättigung ist jetzt 100%.

Na geht doch.

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7 Kommentare zu „Die Wunderheilerin“

  1. Woran es genau liegt, kann ich nicht sagen, ist ja schliesslich ein Wunder 😉 manchmal nimmt der Sensor nicht richtig ab, wenn die Finger zu kalt sind, oder ein Finger schlecht durchblutet ist. Technik ist manchmal einfach ein bisschen sensibel.

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  2. Weil die Zigarette meist zwischen Zeige- und Mittelfinger gehalten wird. Ich bin mit einem Raucher verheiratet 😉
    Ich nehme an, dass das medizinisch keinen Sinn macht, aber laienmässiges Denken ist halt so *g*.

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  3. Ich hab persönlich den Eindruck (mal wieder nicht evidenzbasiert und keine Studie), dass bei Leuten mit etwas aber noch nicht so richtig geschädigter Fingerdurchblutung die Fingerclips oft so nach 20-30 Minuten auf einen neuen Finger gewechselt werden müssen. Vielleicht hat das was mit dem leichten Dauerdruck von den Dingern zu tun…

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