Über Teilnarkosen

Über Vollnarkosen hab ich mich hier ja schon mehrfach ausgiebig ausgelassen. Daher ist es endlich mal Zeit, um ein bisschen über Teilnarkosen (Regionalanästhesie) zu sprechen.

In unserer Stadtklinik machen wir viele Teilnarkosen. Mit ein Grund dafür ist, dass wir viele betagte Patienten haben, für welche eine Teilnarkose mit viel weniger Risiko behaftet ist, weil diese weniger den Kreislauf, das Herz und die Lunge belastet. Abgesehen davon ist es für manche Patienten schlicht angenehmer, nicht die komplette Kontrolle über sich abgeben zu müssen, und zwar ein bisschen weniger beweglich, aber dafür wach und aufmerksam zu sein.

Teilnarkosen gibt es für Arme und Beine, und dabei jeweils mehrere verschiedene Methoden, je nach gewünschtem Effekt. Das Vorgehen ist so: Man sucht mit dem Ultraschall die gewünschten Strukturen. Das sind natürlich die Nerven, die man betäuben will, aber zum Beispiel auch die Arterien und Venen, in welche man möglichst nicht reinpieksen möchte. Dann geht man mit der Nadel in die Nähe des gewünschten Nervs, immer unter Sicht des Ultraschalls. Auf der Nadel schlägt ein feiner Strom, welcher die Nerven erregt und eine motorische Antwort, zum Beispiel ein Zucken von Fingern, auslöst. Dies dient der zusätzlichen Sicherheit, damit ich auch ganz, ganz genau weiss, wo ich grad bin und was ich da mache. Dann spritze ich ein örtliches Betäubungsmittel um den Nerv, damit er schön drin badet und einschläft. Als Ergänzung kann man einen kleinen, feinen Plastikschlauch einlegen, über welchen die nächsten Tage auch noch Schmerzmittel reingespritzt werden kann, als längerfristige Schmerztherapie.

 

Aus welchen Gründen auch immer haben viele Menschen Vorurteile und Angst vor Teilnarkosen. Schmerzen, Folgeschäden, oder auch einfach „ich will nichts mitbekommen, bitte“. Dafür gibt es natürlich auch Lösungen, wie zum Beispiel Musik hören oder ein bisschen Propofol für ein leichtes Nickerchen. Patienten denken in der Regel, einen Narkose ist „nur ein bisschen schlafen, dann wieder aufwachen und alles ist super“. Sie sind sich nicht bewusst, dass dabei ihre Atmung aussetzt und sie künstlich beatmet werden, dass sie eine Menge ziemlich starker Medikamente bekommen- eine Narkose ist nicht einfach nur ein Schläfchen.

Risiken gibt’s bei Teilnarkosen wie bei Vollnarkosen auch. Aber die für die Teilnarkosen klingen viel schrecklicher. Nervenschäden, Verletzung von Blutgefässen, Infektionen, ein Loch in der Lunge? Nein, danke. Bei der Vollnarkose hingegen kann es zu Herz-Kreislaufproblemen kommen, Zahnschäden, Verletzungen im Rachenraum, Beatmungsproblemen. Irgendwie finden die Leute, das sei weniger dramatisch.

Ich plädiere für mehr Mut zur Teilnarkose. Natürlich kann immer mal etwas schiefgehen, natürlich gibt es die schrecklichsten Geschichten von Lähmungen oder von Schmerzen trotz Teilnarkose, und viele davon sind vielleicht sogar wahr. Aber heutzutage ist sehr viel sehr gut machbar, wir haben Asse im Ärmel für alle möglichen Situationen.

Und schliesslich, nicht ganz uneigennützig: Teilnarkosen stechen macht Spass!

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9 Kommentare zu „Über Teilnarkosen“

  1. Was ich von der blutigen Seite der Blut-Hirn-Schranke an Teilnarkosen mitbekomme ist soweit eigentlich ok (außer bei paradoxen Reaktionen auf Do.rm.i.cum. – das ist nicht schön). Ich würd sagen jeder 10. Plexus sitzt „nicht-richtig“ – also nicht perfekt, ist aber problemlos operabel. (Z.B. bei den ganz schmerzhaften Dingen wie an der Knochenhaut arbeiten merkt der Patient ein leichtes (ganz leicht!) Ziehen und Zwicken.) Vllt. bei jedem 50. Plexus – eher seltener, vllt. jeder 100. – muss nochmal die Situation verbessert werden und dann sind auch alle Beteiligten zufrieden. Letztendlich hab ich erst einmal erlebt, dass im Saal bei nem Plexus auf Schnorchel umgeschwenkt werden musste. Und da waren wir auch nicht ganz unschuldig dran, da wir einfach ewig brauchten (ja… das hat sich nicht schön operieren lassen, das Gebrösel, das zuvor mal ein Handgelenk war). Bei den Spinalen hab ich bisher nur erlebt, dass sie Bombe saßen… oder der Patient dann doch schon mit Schnorchel reingeschoben wurde.

    Alles in Allem habe ich von der Blut-Seite aus keine grundsätzlichen Vorbehalte gegen Regionalanästhesie.

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    1. Spricht für gute Anästhesisten 😉 Wir haben schon gelegentlich Versager. Nicht selten ist dabei die Blutsperre das Problem, insbesondere beim axPlex. Bei der Spinalen ist es vielleicht mal der Zug am Peritoneum, gerade beim Lichtenstein. Meist reicht schon ein bisschen Propofol oder Remifentanil am Perfusor.

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      1. Wie gesagt… so bei axPlex brauchts hin und wieder (irgendwo zwischen jedem 50. und jedem 100.) noch mal Zuwendung. Meist wie du schon genannt hast n bisschen Propofol. Aber wahrscheinlich ist die Quote so niedrig, da hier sicher jenseits der 80% der regional Betäubten von sich aus was zum schlummern dazu wollten. Je nach Gasmann gibts dann halt noch was Dormicum oder Propofol dazu. Da haste mit der Blutsperre meist Ruhe… es sei denn der Plexus war wirklich nicht so schön.

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  2. Ich bin Fan der Regionalen mit n bisschen Propofol , denn mein grösstes Problem auf der Blut-Seite ist, dass der Patient eben was mitbekommt. Egal ob Geruch oder Aussagen, gerade als junger Chirurge bei Unsicherheit, kann den Patienten zur Labertasche machen. „Also ich würde hier durch gehen…“ „Schneid besser hier…“ kann einen Patienten bereits zweifeln lassen, dass der Assistenzarzt die OP drauf hat. Oder wenn man das Werkzeug noch nicht auswendig kennt. Skalpell, Schnitt… Und dann bewegt der Patient sich… „Herr Meier, jetzt NICHT bewegen!“ „Wohin muss ich bewegen?“ aaaarrrrrghhh…

    Ich feiere immernoch meinen ehemaligen Chef auf der Ortho. Die Patientin erklärte dem Chef, was er zu tun und zu lassen hatte und dass auf KEEEEINEN Fall jemand anderes als er nähen durfte. Schliesslich war die letzte Narbe so hässlich geworden (lässt sich bei der Knie-TP nur schwierig vermeiden, gerade bei BMI50+). Nach 5 Minuten Augenrollen meinte mein Chef nur trocken: „Haben wir ein Problem auf der Anästhesie-Seite?“ da schaut der Anästhesist über s Tuch – mein Chef macht ne Kopf-ab-Bewegung „Supranasal hats noch zu viel Aktivität…“ ein bisschen Propofol und wir konnten in Ruhe arbeiten. Und ja. Ich als UHU hab zugenäht xD

    Ich selber hätte panische Angst vor Regionalen – aber leider auch vor Vollnarkosen. Meine OP nächsten Sommer muss ich in Regionaler/ Lokaler durchstehen, anders gehts leider nicht. Aber ich hoffe, der Anästhesist ist mir gnädig gestimmt mit dem Propofol.

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    1. Bei solchen Patienten hätt‘ ich auch Vorbehalte gegen regionale Betäubungen… Unsere Gasmänner versuchen eigentlich immer unseren Patienten laute Musik (Kopfhörer) oder ein Gespräch aufzudrängen, damit wir in Ruhe arbeiten dürfen.

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  3. Ich hatte auch immer Angst vor einer lokalen Betäubung und so mussten sie mir auch bei den 3 Knieoperationen trotz Latexallergie Vollnarkosen machen. Als ich dann nach über 40h Wehen und sinkenden Vitalzeichen von Junior einen Kaiserschnitt bekam habe ich zuerst auch mit dem Anästhesiearzt diskutiert dass ich eigentlich keine Spinal möchte und so.. Er hat dann nur kurz und trocken gesagt „Sie wollen das wirklich jetzt um diese Zeit mit mir diskutieren? (morgens um 3 und es war der Chef weil kompliziert aber die dumme Kuh (also ich) will ja nicht ins Uni) und da war ich dann ruhig. Und ganz ehrlich, ich bin super glücklich und zufrieden. Ich hab viel weniger zu leiden als mit einer Vollnarkose und so habe ich meinen Sohn gehört als er auf die Welt kam. Ich werde das nun immer so machen wenn möglich.

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    1. Finde ich schön, dass der Anästhesist dich da „überzeugt“ hat 🙂 Vollnarkosen bei Kaiserschnitten sind nicht schön. Einerseits ist die Narkose nicht einfach zu führen, andererseits wirken die gegebenen Medikamente, insbesondere die Opiate, auch auf das Kind im Mutterleib. Eine Spinale ist erstens schonender für alle – wenn auch für die Mütter öfters mal eher unangenehm – und zweitens hat Mama dann viel mehr davon.
      Teilnarkosen sind heute sehr sicher, und wenn man dazu Musik hören oder leicht dösen kann, ist es, denke ich, für die meisten Patienten machbar.

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      1. Ja, das wurde mir später auch klar aber ich hab da immer eine wahnsinnige Panik davor gehabt weil in die Wirbelsäule gestochen wird und dass da was schief geht und ich dann nichts mehr fühle… Doof aber irrationale Ängste los zu bekommen ist echt mühsam. Eigentlich wars dann so dass es im OP schon fast ins Gegenteil gekippt ist und ich neugierig war und eigentlich sehen wollte was läuft weil ich sehr irritiert war dass ich z. B. Den Pinsel mit Betaine gespürt habe.. (habe ich auch lautstark mitgeteilt weil ich in dem Moment Angst hatte vor dem Schnitt.. Das man das dann nicht spürt ist merkwürdig und für mich als Laie immer noch schwer zu begreifen) aber davon haben mir dann auch alle abgeraten. 🙂 mein Mann sagt heute noch ich soll froh sein darüber. Ich bin irgendwie immer noch etwas traurig darüber dass ich den Moment nicht gesehen habe in dem mein Kind auf die Welt gekommen ist, ist schwer zu glauben aber irgendwie war es so schwierig zu begreifen dass „mein Kind aus meinem Bauch“ raus ist.

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