Über das Rauchen

Als Anästhesist ist man ja gleich von Anfang an der Böse: Kein Essen 6h vor der OP, nichts zu trinken 2h vor der OP, nicht rauchen vor der OP. Das machen wir doch bestimmt einfach nur aus Bosheit, oder?

Über die Wichtigkeit der Nüchternheit habe ich bereits kürzlich geschrieben. Okay, Magen voll gleich Essen in der Lunge. Einleuchtend. Aber rauchen? Das tut ja wohl echt keinem weh, oder?

Naja, mir nicht. Aber dem Patienten vielleicht.

Meine Oberärztin hat mir mal erzählt, sie erkläre das den Patienten so: Dein Sauerstofftransporter ist ein Lastwagen. Der hat eine Ladefläche und kann nur eine bestimmte Menge transportieren. Wenn du jetzt rauchst, dann hast du einen gewissen Anteil deines Lastwagens schon vorher beladen, der nun dem Sauerstoff Platz wegnimmt – und wenn was passiert, hast du weniger Reserven. Das hat sie, finde ich, schön anschaulich gesagt.

Tatsache ist, dass sich beim Rauchen Kohlenmonoxid anstelle von Sauerstoff an das Hämoglobin anbindet. Kohlenmonoxid ist ganz schön hartnäckig und lässt das Hämoglobin nur ungern wieder los. Der Sauerstoff ist machtlos – er muss das einfach so akzeptieren und sich ein anderes Hämoglobin schnappen.

Im Allgemeinen ist das ja nicht so tragisch. Niemand braucht eine Sauerstoffsättigung von 100%. 98, 96, sogar 94% reichen eigentlich aus. Hier gibt’s aber mehrere Probleme. Erstens: Wir wissen nicht, wie viel die Sättigung tatsächlich ist, denn das Pulsoxymeter (die lustige Klemme am Finger, welche den Sauerstoff misst) kann nicht zwischen Hämoglobin mit Sauerstoff dran und welchem mit Kohlenmonoxid dran unterscheiden. Zweitens geht es hier eben um die Reserven. Das heisst, wenn irgendwas mit der Beatmung nicht gut läuft – und das kommt gelegentlich schon mal vor – dann landet man schneller im unbequemen Bereich von unter 90%.

Belegt ist jedenfalls folgendes: Wer vor der Operation raucht, hat nachher mehr Komplikationen. Zum Beispiel Lungenentzündungen oder eben Sättigungsabfälle. Wer vor der Operation raucht, läuft eher Gefahr, nach dem Aufwachen wieder intubiert werden zu müssen, weil sich die Atmung im Verlauf nicht als ausreichend herausstellt. Wer vor der Operation raucht, riskiert Aufenthalte auf der Intensivstation.

Davon mal ganz abgesehen, schadet das Rauchen der Wundheilung. Durch das Rauchen ziehen sich die kleinen Gefässe, die Kapillaren, zusammen und drosseln dadurch den Blutfluss. Wo weniger Blut fliesst, kommen weniger Hilfsstoffe hin und weniger Schadstoffe weg, was die Heilung verzögert. Wunden, die lange nicht heilen, machen mehr Infekte und hässlichere Narben.

Ungefähr so ausführlich hab ich das letzthin auch einer jungen Frau erklärt. die blickte mich komplett unbeeindruckt an und meinte: „Schauen Sie, letztes Mal hab ich auch einfach der Narkoseärztin gesagt, dass ich vorher noch rauchen werde, und die hat sich dann darauf vorbereiten können. Letztes Mal hat’s auch geklappt, also werde ich’s dieses mal auch tun. Sie wissen ja jetzt Bescheid.“

So was macht mich dann ein bisschen wütend. Einerseits versucht sie damit, die komplette Verantwortung abzuschieben – „Ich hab’s ja gesagt, also musst du jetzt damit umgehen“. Aber so funktioniert das nicht: Wenn ich sage, Rauchen vor der OP ist böse, und du machst es trotzdem, dann musst du mit den Konsequenzen umgehen können, wenn du es trotzdem tust. Unabhängig davon, ob du mir Bescheid gesagt hast oder nicht. Andererseits bin ich dann diejenige, die es ausbadet, weil ich dann in der Narkose stehe und damit arbeiten muss, was man mir gibt. Ich hab dann unter Umständen den ganzen Stress, und Stress mag ich nicht so gern, insbesondere, wenn er vermeidbar gewesen wäre.

Und nicht zuletzt: Passieren kann immer was, aber wenn du zu wenig Reserven hast, kann ich dir nicht mehr davon beschaffen. Auch du arbeitest damit, was du deinem Körper gibst. Ich hab kein magisches Depot für Sauerstoff, keinen externen Atem-Akku, den ich dir über Mikro-USB anschliessen kann, wenn deiner leer ist.

Verzichte doch einfach auf die Zigarette vor der OP. Dir selbst zuliebe. Mehr erwarte ich gar nicht.

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9 Kommentare zu „Über das Rauchen“

  1. Kannst Du da denn nicht die OP „verweigern“ – „Risiko unkalkulierbar“ oder so?
    Zumindest würde ich das im Aufklärungsprotokoll *deutlichst* erfassen und unterschreiben lassen…dann sieht das vmtl mit der Haftung etwas anders aus (und der Patientin auch entsprechend kommunizieren, wenn sie dann nicht unterschreibt, findet die OP eh nicht statt, oder?)

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    1. Wegen einer Zigarette verweigern wir keine Operationen, aber ich schreib es bei Rauchern jeweils schon extra auf die Einwilligung. Wenn ein Patient jedoch gegessen hat, verschieben wir den Termin, da kennen wir gar kein Pardon.

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    1. Also genaugenommen gibt es auch Pulsoxymeter die SpCO und SpO2 differenzieren können, also nicht in die „CO-wird-auch-als-Sauerstoffsättigung-gezählt“-Falle tappen. Aber die sind (soweit ich weiß) teurer und nur wenig verbreitet (halt nur da wo man sie wirklich braucht). Und letztendlich ist präoperative CO-Aufsättigung meistens ein vermeidbares Risiko. (Bei Notfällen halt nicht, da weiß der Raucher ja vorher nicht, dass 5 Minuten nach seiner Zigarette in einen Unfall verwickelt wird, der zu einer zeitnahen Operation fürht… oder so.)

      Ich selbst hab so einen Sensor bisher einmal aus der Nähe gesehen. Zu Anschauungszwecken. Sonst hab ich bisher auch nur die Rotsensoren (also die normalen) gesehen und verwenden können.

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      1. Versuchen kannst du es ja mal. Der Chef unserer Gasmänner möcht sowas gerne haben (aber der ist generell begeisterungsfähig für neue Technick). Die Verwaltung hats abgelehnt.

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      2. Eine nahe Uniklinik experimentiert grade mit einem perkutanen Messgerät für Hämoglobin mit eingebautem Zink statt Eisen, als frühes Zeichen für Eisenmangel, wenn ich das richtig verstanden habe. Das Ding misst am Lippenrot. Da hätte ich schon auch mal Lust, damit zu spielen… Technik ist was Schönes.

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