Stress am Samstag

Samstag Morgen, alles ruhig. Ich bin grade auf der Privatstation wegen einer Schmerzpatientin, als mich die Anja, die Anästhesieschwester anruft. In freundlichem Ton plaudert sie: „Hey, magst du vielleicht in de OP kommen und mir helfen? Ich hab da einen Patienten, den kann ich kaum beatmen und seinen Kreislauf krieg ich auch nicht stabil, und die Oberärztin ist grade auf der Intensivstation beschäftigt. Meinst du, du kannst mir ein bisschen helfen?“

Der ruhige Tonfall täuscht. Das sind zwei schwerwiegende Probleme, mit welchen Anja konfrontiert ist. Beide potenziell tödlich. Ich renne zum OP-Bereich, ziehe mich in Rekordgeschwindigkeit in Grün um und frage mich zwischendurch, was um Himmels Willen ich als unerfahrene kleine Assistenzärztin wohl beitragen könnte.

Am Kopf steht eine OP-Schwester, welche die Lama (Larynxmaske, weicher Schlauch zur Beatmung) in den Hals des Patienten drückt. So ist die Beatmung wenigstens ansatzweise dicht. Anja installiert eine kontinuierliche Infusion mit Kreislaufmedikamenten. Der Blutdruck ist 50/30 mmHg (zu tief. Viel zu tief. Oh Mist, viel viel viel zu tief), Puls 115/min. Patient ist im Schock. Wahrscheinlich, weil er ausblutet.

Wir kämpfen über eine Stunde lang. Wir verabreichen 4 Liter Flüssigkeit. Ich renne 3 Mal vom hintersten OP nach ganz vorn zur Patientenschleuse, um von der Laborantin Blutkonserven in Empfang zu nehmen. Meine Oberärztin, welche nur Minuten nach mir eintrifft, legt einen Zugang in die Arterie, intubiert, gibt Anweisungen. Ich führe aus, was ich kann, insbesondere sind die Blutbeutel meine Aufgabe. Nummer kontrollieren, gegenzeichnen, erneut Nummer kontrollieren, anhängen. Nochmal dasselbe. Und nochmal. Und nochmal. Hier was bringen. Von da was holen. Und alles in der schweren Bleischürze. Nicht zu viel denken, mehr rennen.

Irgendwann sind die Chirurgen fertig und verlassen den Saal. Die Tücher kommen weg, und das Ausmass der Blutung wird offensichtlich. Der ganze Boden ist übersät mit Blut.

Während der Operation war eine Menge Blut auf den Boden getropft. Da die Chirurgen darin rumliefen, war der ganze Raum mit Fussabdrücken bedeckt. Nach der Entfernung der Abdeckungstücher und der Maschinen sieht der nun fast leere Raum aus wie ein Schlachtfeld, und eigentlich ist es das ja irgendwie auch.

Ich werde geschickt, um das Material aufzufüllen, das wir verwendet haben, damit wir für den nächsten Patienten – auch einen ganz alten, kranken – wieder alles parat hatten. Meine Oberärztin legt in der Zwischenzeit einen Schlauch in die Halsvene und bereitet den Patienten für die Übergabe auf die Intensivstation vor.

Anja kommt zu mir. „Wir bestellen den nächsten Patienten noch nicht. Wir gehen erst mal was trinken. Die Pause haben wir uns verdient.“

Ein wunderschön gedeckter Tisch steht im Pausenraum, mit allem, was zu einem guten Frühstück gehört, und wir schlagen ordentlich zu. Die Oberärztin kommt von der Intensivstation zurück, und wir besprechen den ganzen Vorfall durch, während wir mit Brot, Käse, Wurst und Kaffee neue Energie tanken. Die Oberärztin ist zufrieden mit unserer Leistung, aber nicht so zuversichtlich, was das Überleben des Patienten angeht.

Meine Schicht endet in 20 Minuten, und ich darf heimgehen. Mit vollem Bauch und vollem Kopf.

Am Montag darauf lesen wir in der Akte, dass der Patient wieder auf der Normalstation liegt, und eine gute Woche später kann er zurück ins Pflegeheim übertreten. Und wir sind ganz schön zufrieden mit uns.

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9 Kommentare zu „Stress am Samstag“

    1. Witzigerweise kriegen Chirurgen ja sowas meist absolut kein bisschen mit. Je stressiger die Situation, desto stiller arbeiten wir – anders als Chirurgen, die sich eher gewohnt sind, lauter zu werden, wenn’s stressig wird 😉 da ist dann einfach Ruhe hinter dem Tuch, und das ist für den Operateur ja ganz angenehm.
      Ich sag auch meist erst dann Bescheid, wenn ich irgendwas vom Chirurgen will, oder er was von mir, wofür ich grad absolut keine Zeit hab. Ich will ja niemanden ablenken, und je schneller das Ganze vorbei ist, desto besser.

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  1. „Wir kämpfen über eine Stunde lang. Wir verabreichen 4 Liter Flüssigkeit.“ In einer Stunde 4 Liter zu trinken dürfte mit gewisser Wahrscheinlichkeit (und ohne Übung sowie ohne zusätzliche Abflüsse im Körper) zu ner Hyperhydration führen…. Wieviel Volumen pro Stunde geht eigentlich „normal“ durch einen durchschnittlich eingestellten Schwerkraft-Tropf? Oder anders gefragt, wie lange braucht nen 1-Liter-Beutel durchschnittlich um leer zu tropfen?

    Ich kann mich erinnern, dass uns damals in Oliv mal ne „Druckinfusion“ theorethisch gezeigt wurde, wo man den (damals noch nicht in der Zivilmedizin so durchgesetzten) Plastebeutel einfach mal beherzt zusammenpresste, um den Volumenstrom mit Gewalt zu erhöhen. Gleichzetig wurden wird darauf hingewiesen, sowas möglichst nur zu machen, wenn wir den Beutel in den Beintaschen der Cargo-Hosen seit ner Weile rumtragen, damit die zumindest etwas erwärmt sind und wir den Patienten nicht mit Gewalt unterkühlen. Normal ist aber sicher anders.. 😉 Lustiger Weise passte nen 500ml-Infusionsbeutel genau in die Beintasche, so dass man 2 Stück kultig mit sich rumschleppen konnte… Sanitöter halt. 😀

    Und die Perfusoren, die ich von Kinderstationen kennen, laufen (so ich mich korrekt erinnere ) mit so 50-100ml / Stunde. Aber da gehts ja nicht um Volumen, sondern meist um Medis, die im Zweifelsfall noch mit einem Infusionsmischer „verdünnt“ werden…

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      1. Danke für die Antwort. Trotzdem würde es mich interessieren, was rein volumentechnisch bei wässrigen Volumenersatz (0,9% Kochsalz, Ringer etc.) so „normal“ ist, denn ich finde da keine Angaben zu. Schwerkraft-Infusionstropfer sind alles andere als Präzise, und Präzisionstropfer kenne ich nur von der Infusion parenteraler Ernährung, die ja eine Fettemulsion ist, und wo man schon genauer hinschauen sollte… (Und bei Medis kenne ich halt noch Inusionspunpen, in die man Prefusorspriten reinklemmt…)

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    1. Entschuldige die verspätete Antwort – ich hab mir überlegt, daraus einen ganzen Eintrag zu machen, weil es ziemlich viel zu sagen gibt zu deinen Fragen, aber ich denke, das ginge ein bisschen zu weit ins Detail.
      Die Infusionsrate, also das infundierte Volumen pro Zeiteinheit, ist von mehreren Sachen abhängig. In erster Linie natürlich physikalisch vom Durchmesser des Venenzugangs. Dann hat es aber einen Regler am Schlauch, mit dem ich die Tropfrate ändern kann. So kann ein Liter Ringer in 10 Minuten oder auch in 24 Stunden drin sein, möglich ist alles.
      Für langsame Flussraten, zum Beispiel 1000ml/24h, gibt es Infusomaten, welche die Tropfen zählen und den Durchfluss so regulieren. Die Rate kann ich dabei exakt einstellen, ganz nach meinen Wünschen.
      Für den Fall, dass es wirklich schnell gehen muss, gibt es Druckbeutel, in welchen ich den Infusionsbeutel einlegen kann, damit es noch schneller geht. Wir haben die Blutbeutel, welche ungefähr 300-400ml fassen, in solche eingelegt.
      Wenn es nicht überdurchschnittlich blutet, berechnen wir den Flüssigkeitsbedarf pro Stunde nach Gewicht des Patienten in Abhängigkeit von der Grösse des Eingriffs.

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      1. Joah, meist ist es nicht nötig, irgendwas so schnell laufen zu lassen. Aber wenn man tief, tief im Schlamassel sitzt, kann es manchmal nicht schnell genug gehen…

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  2. Wow!
    Ich lag mal mit einer Anästhesistin als Patientin auf Station und mitten in der Nacht fängt sie an zu sprechen: der Patient wird instabil, flach lagern, das muss jetzt ein wenig schneller gehen.
    Für sie war das bestimmt weniger lustig, ich fand es dagegen sehr spannend. Auch dieser Patient konnte gerettet werden 🙂

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