Noch eine Venflon-Geschichte

„Wie wird man eigentlich Anästhesist?“, fragt mich ein Patient, während ich – in voller Schutzkleidung, weil der Patient isoliert ist – neben seinem Bett Blut und Wasser schwitzte, um ihm einen Zugang zu legen. ‚Der hat total schwierige Venen, wir habens schon dreimal versucht‘ ist manchmal einfach Code für ‚der Patient ist in Isolation, und keiner von uns hat wirklich Bock, eine Viertelstunde in Kittel, Haube und Mundschutz dazusitzen um Venen zu suchen‘. Jedenfalls, da sitze ich, klatschnass, und suchte ein Rohr, in welches ich eine Nadel rammen konnte, und bin angenehm überrascht über unseren Smalltalk.

„Hmmh“, beginne ich, „also zuerst mal studiert man Medizin, und dann…“

„Im Ernst?“, unterbricht mich der Patient ungläubig. „Dafür muss man Medizin studieren?“

„Jap.“ Ich versuche angestrengt, nicht mit den Augen zu rollen.

„Und dann?“, löchert er weiter. Ich habe inzwischen eine Vene gefunden – war eigentlich gar nicht schwer. Sie war nur nicht auf den ersten Blick zu sehen. Hätte die Pflege auch gefunden, mit einem Quäntchen Geduld. Seufz.

„Dann bewirbt man sich und hofft, dass man eine gute Ausbildungsstelle findet.“

Der Patient brummt zustimmend.

„Warum wird man Anästhesist?“, fragt er nach einer kurzen Pause.

„Weil man Patienten mag, die nicht reden.“, antworte ich, und grinse ihn an. Das sieht er auch unter der Maske, und er grinst zurück. „Gibt ’n Stich“, warne ich, und steche zu.

Zugang liegt. Jetzt muss ich ihn nur noch ankleben und anschliessen. Ich klebe Pflaster kreuz und Quer über den kleinen rosa Knopf, damit man noch so sehr dran ziehen kann, und er trotzdem nicht rausfliegt. Nochmal machen will ich das nicht.

„Warum sind Anästhesisten die Besten im Zugänge legen?“, will der Patient jetzt wissen.

„Wir sind einfach SO gut!“, lache ich, während ich die letzten Pflasterstreifen klebe, und relativiere dann gleich wieder: „Wir machen das halt so oft am Tag. Das hat nicht viel mit Können zu tun, nur mit Übung – und wir üben am meisten.“

„Das war jedenfalls gut“, lobt er. „Da hab ich schon ganz Anderes erlebt.“

Diese Aussage höre ich oft und kommentiere sie nie. Manchmal sind die Umstände erschwerend. Oder jemand musste einfach üben – es ist ja noch kein Meister vom Himmel gefallen, nicht wahr, und dann kanns schon mal ein bisschen mühsamer sein. Akupunktur nenne ich das. Kann passieren.

Wir plaudern noch ein bisschen. Statistisch gesehen werden isolierte Patienten schlechter versorgt, weil es so ein Aufwand ist mit dem Schutzkleidung Anziehen und so. Sie werden seltener besucht und sind den ganzen Tag allein im Zimmer. Wenn da jemand vorbeikommt, der Zeit hat (haben muss?), ist das ein Highlight.

Irgendwann muss ich dann aber auch wieder los. Ich verkneife mir einen Kommentar zu den „ganz ganz schwierigen Venen“ der Pflege gegenüber, als ich ihr melde, dass der Zugang liegt und gehe erstmal mein durchgeschwiztes Oberteil wechseln.

Den beneide ich echt nicht, im Sommer bei diesen Temperaturen, eingesperrt in ein kleines Einzelzimmer.

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10 Kommentare zu „Noch eine Venflon-Geschichte“

  1. Auch beliebt sind schwere Venen bei Patienten… bei denen es außer der Isolierfrage sonst noch unangenehm ist eine Viertelstunde drin zu verbringen. Da hatte ich mal einen Patienten, eigentlich ein sehr netter Herr, an sich nicht unangenehm mit einem Mundboden-CA im Endstadium… Der hatte grad ein chirurgisches Problem (und war deshalb bei uns) und deshalb war es (nachdem meine Schwester „keinen Zugang bekommen hatte“) meine Aufgabe als diensthabende Nachtärztin ihm den Zugang für Schmerzmittel zu legen. Leider war sein Mundboden-CA, wirklich gammelig (nicht optisch, optisch war wenig zu sehen). Ich meine ich bin Gerüchen gegenüber echt nicht empfindlich, aber ich hatte echt Schwierigkeiten nicht in meinen Mundschutz (Patient Schutzisoliert) zu reihern.

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    1. Edit: Der Zugang war im ersten Versuch drin… ich musste nur 5 Minuten nach einer passenden Vene suchen. Und hätte ich mich nicht hochgradig auf meine eigenen Körpferfunktionen konzentrieren müssen, wärs schneller gegangen. So schlimm waren die Venen nicht. Die Begleitumstände hingegen schon. Da kann einem der Patient wirklich leid tun. (Der muss das ja den ganzen Tag selber riechen… auch wenn man sicher etwas abstumpft, unangenehm ist das sicher trotzdem.)

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      1. Sowas finde ich ganz schrecklich, für alle Beteiligten. In erster Linie natürlich den Patienten, denn er kriegt so bestimmt viel weniger Besuch und vereinsamt noch zusätzlich zu seiner schweren, belastenden Erkrankung. Für die Angehörigen ist es belastend, die haben sicher auch grosse Mühe mit dem Geruch. Und natürlich eben auch Pflege, Ärzte, Physiotherapeuten und alles, was sonst noch so arbeiten muss unter diesen Umständen.

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  2. Na, und ich bin so ein Übungsobjekt für Anfänger….Och, das sieht aber gut aus, darf da unsere Neue mal? Ja, alles klar. Gerne doch. Müssen ja alle üben. Allerdings, meine Venen lassen sich bereitwillig anstechen, und safteln dann auch bereitwillig weiter.

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  3. „Kannst du mal schauen? Wir haben schon 3 Mal…“ ist die beste Frsge des Spät- und Nachtdienstes an den Dienstchirurg. Zugänge gebe ich lieeebend gerne ab 😀

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  4. So jetzt weiss ich wen ich das nächste Mal im Spital verlange wenn man einen Zugang legen will 🙂 Am liebsten habe ich es immer wenn die Pfleger/innen kommen und gleich sagen dass sie sonst immer für „die schweren Fälle“ geholt werden. Und ich dann immer gleich „Super, dann geht’s ja schnell, nur die gut sichtbare Ader links sollten sie eher meiden, die haut gerne während des Stechen ab und ist auch schon weiter oben „geplatzt“, aber rechts hätte es auch zwei drei schöne, die man gut findet wenn man mal staut… “ und was kommt dann, man nimmt die rollende weil sieht einfach aus und kann man ja und überhaupt.. 8( und schlussendlich habe ich einen riesen Bluterguss links und muss dann trotzdem noch rechts hinhalten.. Ich danke allen die mich ernst nehmen und gleich rechts nehmen…

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    1. Ach ja, Rekord war der Chef der Radiologie beim Zugang für das Kontrastmittel.. 8! Versuche. Bei Nummer 8 hab ich dann gesagt das er nach diesem Versuch dann doch lieber jemanden holen gehen soll der es kann weil ich langsam Schmerzen habe.. War auch toll, am nächsten Tag beim Mittagessen waren Polizisten am Tisch und meine Arme haben einiges Interesse erweckt.. Bis die mir geglaubt haben musste ich Spital und Arzt nennen den man anrufen soll falls man mir nicht glauben wolle..

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      1. Mein rechter Arm sieht auch aus wie von einer Ex-Drogenabhängigen. Ich hab da ca. 120-150 Plasmaspenden raus abgegeben (genau weiß ich es nicht, ein paar gabs auch aus dem linken Arm). Leider tendiere ich zu einer recht ausgeprägten Narbenbildung und die Ellbeuge sieht daher… öhm… etwas mitgenommen aus. Die Plasma- und Blutspendenadeln hinterlassen halt ganz anständige Löcher.

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  5. „Weil man Patienten mag, die nicht reden.“ – Ich feier dich gerade so sehr 😀
    Ich lasse gerne an meinen Venen üben, mich stört es nicht und die Venen sind schon eine kleine Herausforderung, allerdings nichts, was die Anästhesie auf den Plan rufen würde.

    Warum war der Patient auf Isolation?

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