Ein bisschen Spass muss sein?

Ich besuche Herr Mach, ein Patient mit einem gebrochenen Handgelenk, auf Station. um ihn über die Narkose zur bevorstehenden Operation aufzuklären. Der durchaus schon betagte, nicht mehr ganz gesunde Herr erzählt mir dabei die Geschichte seiner letzten Operation.

Herr Mach hatte vor ca einem Monat eine geplante, ambulante Operation in einem anderen Spital. Er hatte, wie üblich, Aufklärungsgespräche mit Chirurgen und Anästhesisten, und dabei wurde ihm auch gesagt, er dürfe nur bis Mitternacht essen und nur bis zwei Stunden vorher klare Flüssigkeit trinken. Frau Mach, pflichtbewusst und fürsorglich, ermahnt ihn deswegen am Morgen vor der Operation, und der gute Herr Mach hält sich natürlich daran.

Im Spital angekommen, wird er von einer Pflegefachfrau auf die Operation vorbereitet. Dabei wird er auch gefragt, ob er denn heute etwas gegessen habe. Scherzhaft sagt Herr Mach: „Natürlich, ich hatte ja Hunger! Ich hatte zwei Brötchen und einen Kaffee.“

Bevor er ihr sagen kann, das sei nur ein Scherz gewesen, eilt sie davon und informiert den Chirurgen, welcher umgehend zu Herrn Mach eilt und ihm sagt, die Operation sei abgesagt, man mache diesen Eingriff nur auf nüchternen Magen. Kleinlaut muss Herr Mach nun beichten, dass er sich einen Spass erlaubt und natürlich nichts gegessen habe – zu diesem Zeitpunkt war die Operation jedoch bereits abgesagt und der operationsplan entsprechend angepasst worden. Herr Mach wurde ans Ende der Programms angefügt und musste 4 Stunden hungrig im Zimmer warten.

Mageninhalt kann bei der Narkose, wenn die Schluck- und Hustenreflexe ausgeschaltet sind, aufsteigen und in die Lunge fliessen. Das wiederum führt zu wirklich hässlichen, schweren Lungenentzündungen (nicht so gut) oder sogar zu Sauerstoffmangel und damit möglicherweise zum Tod (auch nicht so gut).

Ich weiss, wir mögen’s alle gern ein bisschen lustig. Aber wir nehmen hier gewisse Dinge wahnsinnig ernst, und verstehen dann auch wirklich keinen Spass. Im Nachhinein fand ich die Geschichte wahnsinnig witzig, was auch daran lag, wie der quietschfidele Herr Mach mir die Geschichte erzählt hat – wenn ich da allerdings beteiligt gewesen wäre, hätte ich es wohl nicht ganz so lustig gefunden.

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Schmerzrunde

Einmal pro Monat hat jeder von uns Assistenzärzten eine Woche lang Schmerzdienst. Das heisst, man besucht zweimal täglich sämtliche von uns betreuten Patienten – solche, die nach einer grösseren Operation einen Schmerzkatheter haben, über welchen ein Nervenbetäubungsmittel fliesst, oder solche, die eine Schmerzpumpe haben, welche auf Knopfdruck Morphin abgibt. Wir kontrollieren die Pumpen und Schläuche, Einstichstellen und Wohlbefinden des Patienten.

Den Rest des Tages verbringt man mit Sprechstunden. Entweder geplante, oder dann Patienten, die gerade ambulant bei einem Chirurgen waren. Sie können gleich anschliessend bei uns vorbeikommen, damit wir sie für die Narkosen aufklären können. Eigentlich ist die Abmachung, dass wir selbst entscheiden dürfen, ob wir die Patienten nehmen können oder nicht – an stressigen Tagen sollten wir sie ablehnen können. Für den Patienten bedeutet das jedoch einen neuen Termin, für den er extra herkommen muss, und ausserdem akzeptieren manche Chirurgen kein Nein als Antwort. Sie rufen gerne auch erst an, wenn der Patient schon fast bei uns im Wartezimmer sitzt, damit ich nicht mehr nein sagen kann. Und wenn ich sage „Ich habe noch drei Patienten vorher, das dauert etwa eine Stunde“ wird das auch eher nicht an Patienten weitergeleitet. Die sind dann entsprechend sauer , weil sie so lange warten müssen. Was dem Chirurg egal ist, er wird ja nicht dafür zusammengestaucht.

Natürlich geht das nicht geordnet, sondern wild durcheinander. Ich bekomme einen Notfall rein, den ich anschauen muss, dann ruft die Handchirurgin an und meldet eine kleine Handoperation an. Der Proktologe meldet kurz darauf auch noch einen Patienten an, und auf dem Notfall finde ich neben dem mir gemeldeten schwerkranken Patienten mit der gebrochenen Hüfte auch gleich noch die nette Dame mit dem Darmverschluss, die mir mitten im Gespräch mit dem Hüftpatienten gemeldet wird, und natürlich wegen dem schweren Krankheitsbild sehr viel dringlicher ist. Die Handchirurgin ruft schon wieder an. Wenn sie ihre Patienten im 15-Minuten-Takt sieht, muss ich das wohl auch. Nur muss ich dabei noch durch das halbe Spital rennen. Noch ein Notfall. Pickel am Popo. Immerhin, der kann warten, die anderen beiden Notfälle kommen garantiert zuerst. Ach nein, der will vorher noch nach Hause, muss doch gleich bei ihm vorbei. Blöd gelaufen.Nächster Anruf, die geplante Sprechstunde ist jetzt auch schon da. Und was ist das eigentlich für ein komisches Geräusch in meinem Bauch? Hunger? Ach ja stimmt, ist ja schon 14 Uhr. 8 Stunden seit der letzten Mahlzeit. Wenn ich nicht bald was bekomme, werd ich übellaunig und weinerlich. Witzige Kombination. Nicht.

Irgendwann brauch ich Hilfe. Die bekomme ich aber erst, wenn meine Kolleginnen im OP fertig sind. Und die wollen ja auch mal noch was essen.

Irgendwann so um 6 darf ich nach Hause, 14’000 Schritte auf dem Schrittzähler. Erst, als ich mich daheim hinsetze, merke ich, wie müde ich bin.

Von wegen Narkose machen ist nur rumsitzen und Kaffee trinken.