99 problems

Eine meiner anstrengendsten Narkosen der letzten Zeit war Herr Eriksen.

Eigentlich hätte ich an diesem Morgen irgendwas total Friedliches, Kurzes, Einfaches machen sollen, und ich hab mich auch schon sehr darauf gefreut. Leider kam dann alles anders, das Programm wurde umgestellt und ich wurde für eine Hüftoperation eingeteilt. Der Patient war grenzwertig operabel. Alt und sehr krank, wäre er eigentlich ein idealer Kandidat für eine Rückenmarksnarkose (Spinale) gewesen. Leider war er bereits mehrfach wegen einer Rückenmarkskanalverengung operiert, zuletzt erst vor wenigen Monaten, und da will nun wirklich keiner reinpieksen. Also Vollnarkose.

Lungenkrank, herzkrank, rückenkrank, blutarm, stark übergewichtig. Eigentlich so ziemlich alles, was nicht schön und gut ist. Am Vorabend fand noch ein Gespräch mit dem behandelnden Chirurgen statt, währenddessen mein Kader versuchte, ihm klarzumachen, dass dies eine Hochrisikosituation ist. Der Chirurg beharrte aber auf dem „immensen Leidensdruck“ des armen Herr Eriksen, und dass dieser „sehr traurig wäre, wenn die OP abgesagt wird, weil er bereits einmal für diese Operation abgelehnt wurde“, liess sich aber darauf ein, wenigstens noch Blutkonserven zu geben, damit wir eine minimal bessere Ausgangssituation haben. Was blieb uns also übrig?

Geplant war eine Larynxmaske (Lama), also ein weicher Schlauch mit einem Kissen vorne dran, welches die Luftröhre am Kehlkopf einigermassen abdichtet. So eine Art Intubation light. Die ist ganz schön praktisch, wenn gute Voraussetzungen gegeben sind, aber wenn nicht, dann murkst du die ganze Narkose daran rum, und das kann ich nicht leiden. Die Lama sass dann auch nicht wirklich, die Luft pfiff daran vorbei, die Beatmung war ungenügend. Wir probierten eine Nummer grösser, damit ging’s so knapp, aber auch nicht wirklich zufriedenstellend. Meine Oberärztin stellte mich vor die Wahl: Mal drin lassen und abwarten oder gleich intubieren. Ich wählte die zweite Methode, denn, wenn ich dann in der Narkose allein bin und ein Problem hab, dann hab ich den Salat, und das will ich nicht, insbesondere bei einer solchen Operation, wo ich noch zahlreiche andere Probleme erwarten muss wie Kreislauf oder Blutung. Wir machten uns also daran, zu intubieren. Ich liess meine Oberärztin ran, denn ein Blick auf den kurzen, dicken Hals hat mir genügt, um für mich zu entscheiden, dass ich da bestimmt keinen Tubus reinwürgen mag. Nach dem ersten Blick tief in den Hals beschied die OÄ dann auch: „Ich seh nix, das wird nix.“

Zum Glück konnten wir den Patienten immer mit der von Hand gehaltenen Maske beatmen, aber für eine mehrstündige Operation ist das ja auch keine Lösung. Wir liessen uns also alle Zeit der Welt, beatmeten mit der Maske, versuchten es dann nochmal, scheiterten, beatmeten wieder. Wir hatten nie ein Sauerstoffproblem, aber ein deutliches Zeitproblem mit ungeduldigem Operateur, und ganz wohl ist einem ja auch nicht, wenn man den Schlauch einfach nicht reinkriegt.

Wir holten jemandem vom oberen Kader dazu,  und benützten statt dem normalen Metallspatel einen mit eingebauter Videokamera. Am Ende lag das Ding drin und wir waren schweissgebadet. Wir stellten einen offiziellen „Ausweis Schwierige Intubation“ aus, welcher allen zukünftigen Anästhesisten sagen wird, dass dieser Patient nicht ohne Risiko ist.

Während der Operation war nichts, wirklich nichts stabil. Ich war konstant nur am Rumschrauben an der Beatmung, der Kreislaufunterstützung. Mal war der Druck viel zu tief, dann wieder viel zu hoch. Mal liess er sich mit wenig Druck gut beatmen, mal brauchte er viel. Der Blutverlust belief sich auf gut einen Liter. Der Operateur fragte gelegentlich: „Anästhesie, wie geht’s da hinten?“, worauf ich jeweils nur mit „so lala, geht’s noch lang?“ antworten konnte.

Am Ende wurde Herr Eriksen noch auf die Intensivstation verlegt, weil das mit dem Atmen noch nicht so klappen wollte. Er hat ein Schlafapnoesyndrom – Atemaussetzer beim Schlafen – und dafür eine Art Beatmungsgerät für Zuhause, welches in der Lunge Druck aufbaut, um Atemaussetzer zu vermeiden. Leider funktionierte das nach der Operation nicht, weil irgendwas mit den Einstellungen nicht gut war. Sagte zumindest der Lungenarzt, den wir auf der Aufwachstation dazu riefen, weil eben die Atmung trotz des Geräts nicht ausreichend war. Ich versteh ja nichts von diesen Geräten.

Ein paar Tage später ging ich den Patienten auf der Station besuchen. Ich erklärte ihm, welche Probleme wir beim Intubieren gehabt haben, dass die Situation aber nie gefährlich war, und überreichte ihm den Ausweis mit einer ausführlichen Erklärung, dass dieser Ausweis eben jedem zukünftigen Anästhesisten sagt, welche Probleme er zu erwarten hat, und wie wir diese Probleme lösen konnten.

Herr Eriksen lachte und nickte. Das machte mich stutzig.

„Haben Sie das schon mal gehört, dass sie schwierig zu intubieren sind?“, fragte ich deshalb.

Herr Eriksen nickte wieder. „Jedes Mal bisher“, antwortet er und grinst mich schelmisch an.

Na herzlichen Dank auch, dass Sie uns das vorher gesagt haben. Nicht.

Immerhin waren am Ende alle zufrieden. Der Patient hat seine Operation erhalten, ich durfte mich in einer anspruchsvollen Narkose beweisen, unser Team hat wieder mal den Algorithmus „unerwartet schwierige Intubation“ geübt, der Chirurg durfte mit seinen gewetzten Messern rumfuchteln. Ist das nicht schön?

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6 Kommentare zu „99 problems“

  1. Muss ich sagen, kann ich nicht verstehen. Also den Patienten. Weiß, das schon etliche Male Probleme aufgetreten sind, und sagt nichts?
    Das ist doch euch gegenüber hochgradig unfair, und sich selber gegenüber leichtsinnig. Da frag ich mich, wie viele von den schicken Ausweisen der schon liegen hat.

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  2. Mein Stiefgroßvater ist bei einer ähnlichen Situation auf dem Tisch geblieben… Allerdings habe ich den Verdacht, dass er darüber nicht wirklich böse war, denn er hat kurz zu vor seine über alles geliebte Ehefrau verloren und hat den Verlust nicht verkraftet. Vor der Operation (die… nun nicht wirklich notwendig war, aber für eine massive Verbesserung der Lebensqualität gesorgt hätte) rief er uns an und war auch gut informiert darüber, dass die Operation und Narkose für in lebensgefährlich sein werden… Rechtlich hatten sich seine Ärzte alle abgesichert, wir und auch die restliche Verwandtschaft haben auch niemandem Vorwürfe gemacht (obwohl wir alle zusammen durchaus versucht hatten meinen Stiefgroßvater von der OP abzubringen), aber dennoch tut mir der zuständige Anästhesist leid… schließlich ist es es nicht schön einen Patienten unter seinen Händen sterben zu sehen…

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  3. Danke für den Einblick, denn er hat eine Frage die ich seit zwei Tagen hatte, beantwortet. Ich habe eine Doku über den Weg eines Paares mit Kinderwunsch gesehen. Da beide Doku Leute sind, hat der Mann auch während der Eizellentnahme seiner Frau gefilmt. Als sie vorbereitet wurde und schon in Nakose lag wurde ihr statt dieses Stabes, den man als Laie aus dem Fernsehen kennt, nur ein Schlauch mit einem breiten, flachen Ende, wie ein Blatt geformt, in den Halt geschoben. Nu weiß ich vermutlich was das war.
    Lg

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    1. Ja, das dürfte eine Larynxmaske gewesen sein. Vorteile: Sie sind weicher, schonender einzulegen, verletzen die Luftröhre nicht und reizen den Hals nicht so sehr wie ein Tubus. Es gibt aber auch zahlreiche Nachteile und unter gewissen Umständen kommen sie garnicht infrage. Ich hab da gemischte Gefühle.

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  4. Mir ging mal bei einer Rückenmarks Narkose der Blutdruck völlig tief, ich zitterte, bekam eine Wärmedecke, Infusionen mit weiss der Geier was zum hochbringen.
    Das sage ich bei Operationen jetzt vorher immer dem Narkose Arzt, der bestellt sich den Bericht und weiss alles.
    Das ist dann doch risikofreier.
    Ich verstehe den, von dir genannten, Patienten echt nicht!

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