Oh Sh*t

Auf dem Tisch lag eine gesunde Patientin, grade mal 26jährig, die sich das Schlüsselbein gebrochen hatte. Die Narkose verlief von Anfang an nicht ganz meinen Erwartungen – die Patientin brauchte sehr, sehr viel Schlafmittel, damit sie mir nicht in den Tubus hustete. Um es mit den Worten meiner Oberärztin zu sagen: Ich bin mir halt hier die alten Omas gewöhnt. Die brauchen fast nix und sausen dir trotzdem mit dem Blutdruck in den Keller. Erschwerend kommt dazu, dass Schlüsselbeinoperationen für den Anästhesisten nicht so schön sind, weil die sterile Abdeckung den Kopf weitestgehend verdeckt. Wenn ich keine freie Sicht auf die Augen hab, fühle ich mich nicht wohl. So.

Nach relativ kurzer Zeit kam ein Anästhesiepfleger, um mich fürs Mittagessen abzulösen. Ich machte eine ausführliche Übergabe, inklusive der Bemerkung „Sie braucht einfach ganz schön viel.“ Danach ging ich essen. Eine gute halbe Stunde und ein Schinken-Käse-Sandwich später übernahm ich wieder, und mein Arbeitskollege rapportierte mir, er habe eigentlich nichts verändert und alles sei tiptop.

Gemütlich werkelte ich am Protokoll rum, rief noch die Aufwachstation an, um die Patientin für in einer Dreiviertelstunde anzukündigen, räumte den Anästhesiewagen ein bisschen auf, sortierte die Kabel.

Ein Piepsen störte den Frieden. Propofolspritze gleich leer. Also hin, neue aufziehen, kein Problem.

Während ich also mit dem Rücken zur Patientin stand, eine 50ml Spritze in der Hand, piepste das Beatmungsgerät. Ein Blick, und das Herz rutschte mir in die Hose: Keine Beatmung mehr. Die Maschine arbeitet, aber in die Lunge geht nichts rein.

Hier setzt mein Notfallplan ein.

Schritt eins: Schläuche. Alle noch dran, Tubus noch drin? Check, alles gut. Mist. Das wäre am Einfachsten zu beheben gewesen. Oh shit.

Schritt zwei: Propofol, Remifentanil und Sauerstoff hochdrehen. Mehr Mittel macht tieferen Schlaf macht bessere Beatmung. Mehr Sauerstoff macht mehr Luft nach oben und schafft somit mehr Zeit, bis es kritisch wird. Dankenswerterweise pfeift nun auch die Propofolspritze wieder, sie sei jetzt endgültig leer. Na herzlichen Dank. Gutes Timing.

Schritt drei: Maschine auf manuellen Modus stellen, Beutel in die Hand, selber drücken. Der Beutel ist prrall gefüllt. Auf mein Drücken hin geht aber immernoch nichts in die Lunge. Oh shit shit shit.

Schritt drei: Hilfe holen. Ich wähle die Nummer meiner Oberärztin. „Hi, ich bin im Saal eins. Ich brauche jemanden hier.“

Meine Oberärztin scheint mich akustisch nicht gut zu verstehen. Vielleicht hab ich auch einfach zu schenll geredet. In Plauderton sagt sie: „Du bist wieder in Saal eins, ja? Mittagspause fertig?“

„Ja, Saal eins. Ich brauch Hilfe. Jetzt. Atemwegsproblem.“ Beatmung geht immernoch nichts. Ich drücke in kurzen, kräftigen Stössen auf den Beatmungsbeutel. Die CO2-Kurve bleibt flach. Keine Atmung vorhanden.

Meine Oberärztin hat verstanden. Sekunden später steht sie bei mir. „Was haben wir?“

„Plötzlich keine Beatmung mehr. Ich krieg nix rein.“

Sie übernimmt die Beatmung, während ich endlich die dumme Propofolspritze fertig anschliesse. Als auch sie erfolglos bleibt, instruiert sie mich, einen Anästhesiepfleger dazuzurufen. Inzwischen ist seit Anfang des Problems eine Ewigkeit vergangen – tatsächlich war es wohl eine knappe Minute. Sättigung immernoch auf 100%. Kein Grund zur Panik? Fühlt sich für mich nicht so an. Hinter dem Tuch grummelt ein Chirurg, er wolle  den Tisch höher und die EKG-Elektrode sei ihm im Röntgenbild. Ich informier ihn über unsere Situation. Er schnaubt. Das versteht er jetzt nicht, dass er grade keine Priorität hat. Ich versteh ihn wiederum nicht – klarer als „Wir kriegen grad nix in die Patientin rein, jetzt ist  grad blöd“ mag ich mich nicht ausdrücken.

Kurze Zeit später dringt der erste Beatmungsstoss durch. Meine Oberärztin dreht das Narkosegas auf, das hilft mit der Lunge, und noch einen Moment später piepst nichts mehr.

Wir atmen durch.

Meine Oberärztin und der Pfleger lassen mich nicht allein. Ich bin unendlich froh darum. Wir besprechen, was das wohl grade war. Die Oberärztin tippt auf einen Bronchospasmus, also einen Krampf der Atemwege. Die Atemkurve zeigt immernoch eine Verengung der Bronchien. Dann gehen wir Schritt für Schritt durch, was wir gemacht haben und warum. So kann ich was lernen fürs nächste Mal. Zu dritt warten wir auf das Ende der Operation und lassen uns fürs extubieren alle Zeit der Welt.

Als ich danach aus dem OP gehe, bin ich wie gerädert. Das bin ich mir vom Adrenalin gewohnt, sobald die Wirkung weg ist, bin ich einfach nur noch müde. Wieder und wieder spiele ich in Gedanken die ganze Narkose durch. Was hätte ich besser machen können? Wie hätte ich das verhindern können?

In solchen Momenten wird mir bewusst, wie unglaublich wenig ich noch weiss und kann. Ich arbeite daran, in solchen Momenten ruhig zu bleiben, aber diesmal ist es mir nicht gelungen. Das nervt mich mehr als alles andere. Ich war unnötig aufgeregt und dazu noch schnippisch zum Chirurgen (sorry nochmal dafür). Dann wiederum: Genau das reizt mich ja so sehr an der Anästhesie. Es geht von 0 auf 100 in einer Sekunde.

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3 Kommentare zu „Oh Sh*t“

  1. Wow, eindringliches Erlebnis!
    Ich finde das beängstigend, wie schnell etwas schief gehen kann, obwohl eigentlich alles richtig läuft. Und das jede OP einfach ein Risiko ist. Schön, wie gut ihr als Team funktioniert habt.
    Mein Vater hat mir mal von seinem ersten Einsatz als Notarzt erzählt. Er wurde zu einem Mann gerufen, der von einer Schlange gebissen wurde. Er hat das auch so ähnlich ausgedrückt, auf einmal wurde ihm bewusst, dass er nichts wusste. Und auch jeder andere Arzt nicht, den er angerufen hat 🙂
    Ich glaube, es wird immer Situationen geben, in denen man sich vollkommen verloren fühlt, aber die Aufregung wird mit der Zeit wahrscheinlich weniger.
    Schön geschrieben!

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  2. Gerade deshalb find ich die Anästhesie so unpassend für mich. In der Chirurgie gibts auch „Oh Shit“, aber eben anders. Patient ohne Atemweg ist mehr Shit als Patient mit stärkstem Bauchweh. Oder nem Bruch. Auch wenn da sim OP auch mal als Shit-Case enden kann. Trotzdem reizt mich die Notfallmedizin. Etwas mehr Action und etwas weniger Bürotiger.

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    1. Der Notfall macht mich krank. Im Krautundrübenspital war das noch relativ überschaubar. Aber wenn ich jetzt auf dem Notfall bin, um mir jemanden für eine Notfall-OP anzusehen, dann könnte ich den Boden küssen, dass ich mir das nicht mehr antun muss. Es ist unsäglich, wegen welchem Blödsinn Leute auf den Notfall kommen – und sich dann beschweren, wenn der Notfall so voll ist, dass sie im Wartezimmer oder auf dem Gang warten müssen und mit ihren seit 5 Tagen bestehenden Rückenschmerzen noch nicht mal Priorität haben. Allein der Gedanke macht mich schon aggressiv. Nie, nie wieder will ich auf dem Notfall arbeiten, ich hätte nach 2 Wochen ein Magengeschwür.
      Aber hey, schzön, dass Andere das anders sehen und es auf sich nehmen! 😉

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