Hilfreich

Wir bekommen eine Anmeldung für eine „schwierige Blutentnahme“ auf Station. Normalerweise kümmern sich die Pflegekräfte im Aufwachraum darum, aber heute ist extrem viel los. Ich habe gerade eine kurze Verschnaufpause, also stelle ich mich dafür zur Verfügung. Ist ja schliesslich auch eine gute Übung für mich.

Von der Patientin weiss ich nichts, ausser, dass sie drogensüchtig ist und sich wohl Heroin spritzt, was dann natürlich auch die schwierige Blutentnahme erklärt. Ich treffe eine schon etwas ältere Punkerin an, freundlich, zugewandt und einigermassen gepflegt. Ich schätze sie auf gut 60, finde aber später heraus, dass sie tatsächlich erst 40 ist.

„Guten Tag Frau Schnee, mein Name ist Gramsel, ich bin Narkoseärztin. Ich wurde von der Pflege gebeten, mal bei Ihnen vorbeizuschauen, weil wohl eine Blutentnahme gebraucht wird.“

Frau Schnee lächelt mich an und nickt. „Die haben’s schon versucht, aber es geht halt nicht so gut.“

Ich schaue mir erst mal die Arme an. An beiden Ellbogen hat sie Spritzenabszesse, die Arme sind vernarbt. Schwierig. Ich suche geduldig, aber finde nur ganz kleine feine Venen, und die sind zum Blut nehmen nicht so geeignet.

„Am Fuss hätte ich glaub ich noch was“, informiert mich Frau Schnee. „Ich hab’s der Pflege schon gesagt, aber die wollten nicht. Schauen Sie!“

Sie zieht flink ihre linke Socke aus und nimmt meinen Stauschlauch. Den klemmt sie sich fest um den Unterschenkel – so fest hätte ich wohl eher nicht angezogen, aus Rücksicht, ist ja auch unangenehm für die Patientin. Aber sie ist sich das gewöhnt. Und tatsächlich, eine halbe Minute später präsentiert sich mir neben dem Innenknöchel ein wunderschönes Gefäss. Eine richtige Autobahn. Ein Rohr. Riesig.

„Sieht gut aus, danke für den Hinweis“, nicke ich, und mache mich an die Arbeit. Kurze Zeit später sind die kleinen Röhrchen mit Blut gefüllt. Das hätte die Pflege auch gekonnt, wenn sie einfach auf die Patientin gehört hätten. Junkies wissen selbst am besten, wo man noch stechen kann, manchmal machen sie’s auch gern gleich selber. Für mich persönlich kein Problem. Man muss nur aufpassen, dass sie dann nicht mit der frisch gelegten Leitung wieder verschwinden. Die Pflege auf Station sticht generell nicht gern an den Beinen, ich hab noch nicht herausgefunden, ob sie das einfach nicht dürfen oder nicht wollen. Ich mach das auch nur ungern, weil es mehr weh tut als anderswo, aber man muss halt mit dem arbeiten, was man hat. Ich verabschiede mich von Frau Schnee und kommentiere nochmal, wie hübsch diese Vene war.

„Wissen Sie, seit 15 Jahren mach ich das jetzt, aber in die Beine steche ich mich nie. Immer nur in die Arme. Ehrlich! Ich wollte drum immer Röcke anziehen können, da müssen die Beine gut aussehen.“

Öhm… Gratuliere?

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4 Kommentare zu „Hilfreich“

  1. Die Pflege nimmt ungern Blut an Beinen ab, weil sie es tatsächlich eher weniger lernt… Ich persönlich mach das sehr ungern. Außerdem ist es da meist besser, jemanden zum Halten zu haben. Am Bein wird meist doch weg gezuckt… Den Arm kann man schon auch mal selbst festhalten. Aber ein Bein im Gesicht macht sich eher ungut…

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    1. Ich verstehe dich sehr gut. Ich nehme an den Beinen auch nur ungern ab. Durch den stärkeren Schmerz wird man schon hin und wieder getreten. Das mit dem Wegzucken haben zumindest die Junkies und Ex-Junkies oft sehr gut im Griff. Die sind was Blutabnahmen angeht meist (Außnahmen gibts immer) sehr schmerzbefreit. Auch schon öfter gehörte Aussage: „Ersparen Sie mir und Ihnen das Leid und Suchen Sie gar nicht erst. Stechen Sie bitte einfach direkt in die Leiste.“ Funktioniert leider nicht, wenn man gerne einen Zugang hätte, da man bei dem hässlichen Erysipel sich schon auf ein paar Tage stationären Aufenthalt und i.v.-Antibiose geeinigt hat. Das war der bisher einzige Fall, wo ich mal die Anästhesie mit dem Wunsch nach einem Zugang angerufen habe. Den bekam ich dann ne dreiviertel Stunde später dann auch. Im Hals und mit einem Kontrollbild des Thorax gratis dazu. 😉 (Jup, so scheiße war der Venenstatus der Patientin, dass mein Anästhesist nach reichlicher Evaluation der Situation in meine Patientin dann ein ZVK gebastelt hat. Hat allen Beteiligten viel Leid erspart.)

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  2. Bei uns kommt die Rettung oder Anästhesie häufiger, auch weil wir viele Patienten BMI40+ operieren. Leider ist manche Pflrge da sehr überfordert und kann auch mal ne halbe Stunde blimd in meinen Patienten herumbohren (die sich dann bei mir beschweren) – komischerweise schafft es die Rettung, Notfall oder Anästhesie innert sekunden.. Gut gibts hier bicht die Regelung „Schaffts die Pflege nicht, musd der Stationsarzt…“ sonst wäre es wirklich eine Qual für alle xD

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