Sucht

Ein ganz neues Thema für mich ist Sucht. Süchtige, ob nun Alkohol, Medikamente oder Drogen, hatten wir nur wenige im Krautundrübenspital – zu ländlich eben. Nicht, dass ich es vermisst hätte. Aber jetzt, in der Stadtklinik, sticht’s mir ins Auge, wieviele Patienten mit Suchtproblematik wir haben, und ich sehe ja nur die, welche auf dem OP-Tisch landen. Die Patienten, die zum Ausschlafen oder Entziehen kommen, sehe ich erst garnicht.

Insbesondere habe ich viele Berührungspunkte mit Patienten im Methadonprogramm. Das heisst, ein Patient, der zum Beispiel heroinsüchtig ist, kann sich von einem geeigneten Arzt Methadon verschreiben lassen. Methadon hat eine starke Wirkung, aber macht nicht diesen „Flash“, den Morphium oder Heroin machen. Die kontrollierte Abgabe (meist muss der Patient sich jeden Tag die Tabletten an einer Abgabestelle abholen), regelmässigen Drogentests und enge Betreuung durch Fachkräfte führen dazu, dass die Patienten wieder in den Alltag finden, weil sie zwar ihre Sucht befriedeigen können, dabei aber die ganzen sozialen Probleme einer Suchterkrankung in den Hintergrund rücken: Der Patient muss nicht dauernd von irgendwo her Geld beschaffen, um sich den nächsten Fix leisten zu können, kann einer Arbeit nachgehen, einem geregelten Tagesablauf. Dafür muss der Patient allerdings auch bestimmte Auflagen erfüllen. Soweit die Theorie.

Nachdem in den 80ern und 90ern die Drogenprobleme in Zürich eskaliert sind (Stichwort Platzspitz), geschah ein Umdenken: Man kam weg davon, Süchtige zu kriminalisieren, und begann stattdessen damit, ihnen zu helfen. Oder es zumindest zu versuchen. Wir nennen das „Vier-Säulen-Prinzip“: Prävention, Therapie, Schadensminderung und Repression. So ist es zum Beispiel gesetzlich geregelt, dass ich als Arzt einen Drogensüchtigen nicht bei der Polizei melden kann, zumindest nicht wegen der Sucht, aber ich kann ihn auf seinen Wunsch an einer Beratungsstelle anbinden. (Für Drogenbesitz drankommen kann man natürlich trotzdem, wenn man von der Polizei erwischt wird – allerdings ist der Fokus eben eher darauf, Drogenhersteller oder Importeure und Dealer zu erwischen, anstatt auf den Konsumenten loszugehen.) Ein schönes System, auf das insbesondere Suchtexperten sehr stolz sind. Als Vergleich: In den USA (jaja, ich weiss, nicht so gutes Beispiel) wird man als Drogensüchtiger einfach in den Knast gesperrt und hat nach dem Absitzen der Strafe natürlich noch schlechtere Karten, sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Damit rutscht der Süchtige natürlich noch weiter in die Kriminalität. Ein Teufelskreis.

So treffe ich Frau Platz an, welche mir berichtet, sie nehme 600mg Methadon pro Tag. Ich schlucke leer, als ich das höre.

Ich treffe aber auch Herrn Spitz, der ebenfalls im Methadonprogramm ist und 10mg pro Tag konsumiert. Schon fast niedlich im Vergleich.

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5 Kommentare zu „Sucht“

    1. Die Narkose funktioniert so oder so, man nimmt einfach andere Medikamente, zum Beispiel Gas und Thiopental anstatt Propofol – und warum sollte jemand wegen einer Suchtkrankheit eine Operation nicht überleben? So leicht stirbt’s sich dann auch nicht. Wir haben noch eine Menge Asse im Ärmel 🙂

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  1. Ich hab jetzt keinen Vergleich, aber der große Unterschied in der Dosierung gibt mir zu denken. Was wäre denn eine übliche Dosis?

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  2. 10mg/Tag als Suchttherapie? Tatsächlich sehr wenig, fast schon nen Placebo-Effekt.

    Ich habe einen Patienten, der von mir Methadon-Tropfen hergestellt bekommt gegen Tumorschmerzen (der kommt mit dem Methadon nebenwirkungsfreier als mit anderen Opiaten). Der ist mit maximal 2x15mg/d dosiert – so ein wenig nach Bedarf nach unten anzupassen…

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