Incompliance

Der knapp 60jährige Herr Fitz liegt bei mir auf dem Tisch. Wegen seinem BMI von sage und schreibe 48 und seiner zahlreichen Nebenerkrankungen – unter Anderem fortgeschrittener Diabetes mit Gefühlsstörungen in den Beinen und schlechten Nieren, eine Lungenerkrankung, Bluthochdruck – wurde eine Teilnarkose gemacht. Die braucht er, weil er einen Infekt am Unterschenkel hat, der schon so übel aussieht, dass man da mal den Schorf und totes Gewebe runterkratzen muss, damit einerseits die Infektion nicht noch schlimmer wird und andererseits die Wunde endlich heilen kann.

Die Teilnarkose gestaltete sich ganz schön schwierig. Mit dem Ultraschall versuchte mein Oberarzt, die zu betäubenden Nerven unterhalb des Gesäss und in der Leiste zu finden, was bei soviel Fett einfach schwierig ist. Für den Stich in der Leiste musste gar jemand den Fettbauch nach oben ziehen – ich war’s zum Glück nicht. Herr Fitz meckerte derweil die ganze Zeit, weil das Liegen unbequem sei – glaub ich, aber Mitleid hatte von uns keiner so richtig.

Die Chirurgen machten sich ans Werk. Eine Assistenzärztin durfte den Lead übernehmen, eine erfahrene Oberärztin leitete sie an. Besonders schwierig war der Eingriff nicht, es ging ja nur ums Kratzen, aber der Befund war ziemlich gross, weil natürlich der Unterschenkel sehr gross war. BMI 48. Meine Güte.

Ich schaue den Chirurginnen bei der Arbeit zu. Es geht schnell, und unter der Schorfschicht zeigt sich schönes, lebendiges Gewebe.

„Ist bald fertig?“, fragt Herr Fitz. Ich war kurz vor Schnitt auf die dämliche Idee gekommen, ihm ein Schmerzmittel zu geben, weil wir nicht ganz so sicher waren, wie gut die Teilnarkose wirkte, und davon wurde Herr Fitz zum Plaudertäschchen. Er quasselte also lallend, aber munter vor sich hin.

„Bald“, versprach ich. „Geht das Liegen noch?“

„Jaja“, nuschelte Herr Fitz. „Ich will nur endlich eine Rauchen gehen. Kann ich nachher gleich eine Rauchen gehen? Wissen Sie, Rauchen ist mir sehr wichtig.“

„Das müssen Sie mit der Pflege ausmachen, ob die Sie schon aus dem Bett holen wollen, wenn Ihr Bein noch schläft. Aber aus chirurgischer Sicht muss ich Ihnen schon sagen, Rauchen ist schlecht für die Wundheilung.“

„SEHR SCHLECHT! SEHR SEHR SCHLECHT!“, schreit die Oberärztin hinter dem Tuch hervor. Und erklärt auch gleich, warum: „Vom Rauchen ziehen sich Ihre Gefässe zusammen. Dann wird Ihr Bein schlechter durchblutet, und deswegen können die Abfallstoffe nicht gut abtransportiert und neuer Sauerstoff herantransportiert werden. Und sie haben ja noch den Diabetes, der ist schon schlecht für die Wunde!“

Herr Fitz nimmt das alles mit einem Schulterzucken. „Wissen Sie, ich kann mit dem Rauchen einfach nicht aufhören. Das kann man nicht. Das geht nicht.“

„Sie wollen nicht.“, unterstelle ich ihm. Er schüttelt den Kopf.

„Das kann man nicht“, wiederholt er.

„Das kann man schon“, widerspreche ich. „Viele Leute hören mit dem Rauchen auf. Wollen Sie denn in ein paar Tagen wieder hier liegen?“

„Ich liebe das Rauchen“, lallt er.

Ich gebe auf. Ich führe generell nicht gerne solche Diskussionen. Mir ist das egal, ob der nächste Woche wieder da liegt und jammert, es sei unbequem. Mir ist es auch egal, wenn man irgendwann das Bein abnehmen muss. Diese Diskussionen darf er mit den Chirurgen und Medizinern führen, ich mache hier nur Narkosen. Obwohl, wenn wir bei dem mal aus irgendeinem Grund eine Vollnarkose machen müssten… Ob das wohl überhaupt geht?

Trotzdem spreche ich ihn nochmal drauf an, als ich ihn später auf der Station besuche, und erkläre ihm noch einmal, warum das Rauchen in seinem Fall eben besonders schlecht ist. Die Chirurginnen werden ihm das sicher auch nochmal sagen. Vielleicht hift’s ja was, wenn er es oft genug hört.

Die zuständige Pflege schüttelt den Kopf, als ich ihr davon erzähle, und lächelt leicht. „Der hat Bettruhe, und die hält er schon nicht ein. Dauernd haut er ab, um zu rauchen. Die Physio hat ihn auch schon aufgegeben, da macht er nicht mit. Seine Medikamente nimmt er aber immerhin, er lebt ja im Pflegeheim, da kann er nicht anders.“ Mit noch nicht mal 60? Im Pflegeheim?

Ich hoffe nur, der kommt nicht nochmal dran.

Werbeanzeigen

3 Kommentare zu „Incompliance“

  1. Rauchen ist Sucht. Manche kommen davon leichter los, manche schwerer. Andere heißen sie willkommen. Wenn ich mich in unserer Welt ab und zu umschaue, kann ich letzteren auch nicht unbedingt böse sein…

    Und wenn ich dann gesehen habe, wie ein Satz hochgradig infektiöser Tuberkulosepatienten vor der Lungenspezialklinik standen & rauchten & jeden Besucher freundlich begrüßten… (Ich war zu Besuch bei einem Verwandten, der das Rauchen schon lange aufgegeben hatte, und dem Aufgrund eines Tumors 1/2 Lungenflügel entfernt wurde…)

    Wie drückte es Terry Pratchett aus: Der menschliche Körper produziert selbst Ethanol. Bei Hauptmann Mumm von der Stadtwache (Nachtschicht) funktionierte das allerdings nicht so wie bei normalen Menschen, und so war er immer ein wenig nüchterner als der Durchschnittsbewohner von Ank Morporg. Ein sehr unangenehmer Zustand, bei dem man der Realität allzu sehr ausgesetzt ist weil man diese zu wenig gefiltert wahrnimmt. Also versuchte er dieses körperliche Manko auszugleichen, in dem er ab und zu einen Schluck von „Bärdrückers Bestem“ nahm…

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s