Wenn Ethik schwerfällt

„Ich werde mich in meinen ärztlichen Pflichten meinem Patienten gegenüber nicht beeinflussen lassen durch Alter, Krankheit oder Behinderung, Konfession, ethnische Herkunft, Geschlecht, Staatsangehörigkeit, politische Zugehörigkeit, Rasse, sexuelle Orientierung oder soziale Stellung.“

So steht es in der Genfer Deklaration des Weltärztebundes, welches ich hier auch schon vorgestellt habe.

Manchmal fällt mir das nicht ganz so leicht.

Herr Steiner ist der nächste Punkt im OP-Programm. Zusammen mit einer Anästhesieschwester bin ich gerade bei den üblichen Vorbereitungen – Medikamente aufziehen, Maschinen testen und programmieren, Material bereitlegen – als Sandra, die für uns zuständige Oberärztin bei uns vorbeischaut.

„Ihr habt Herrn Steiner als nächstes, gell?“, fragt Sandra, worauf wir nicken. „Ja, zu dem wollte ich euch noch was sagen, also… Weil, ich habe den schon am letzten Wochenende gehabt. Und drum wollte ich euch da vorwarnen. Herr Steiner ist ein Neo-Nazi und hat ziemlich auffällige Tattoos. Ich sag’s euch einfach, damit ihr nicht erschreckt, okay? Wir machen ja sonst genau dasselbe, wie bei allen anderen Patienten auch.“

Die Vorwarnung war hilfreich, denn zumindest ein Augenbrauchen hochziehen hätte ich mir sonst wohl nur schlecht verkneifen können. Herr Steiner präsentiert am ganzen Körper Hakenkreuze, SS-Symbole, die 88, und verschiedene Deutschland- und szenebezogene Schriftzüge. Ich schüttle innerlich den Kopf. Ganz kurz kommt mir der Gedanke, mich beim Kanüle-legen „aus Versehen“ zu verstechen, um ihn nochmal pieksen zu können. Ich verwerfe den Gedanken schnell wieder. Unethisch, geht garnicht.

Herr Steiner ist Mitte Zwanzig und eigentlich recht freundlich. Kein Wort, keine Geste, auch nicht seine Mimik verrät ihn, als der Lagerungspfleger aus Sri Lanka ihm auf den OP-Tisch hilft, ihm warme Tücher bringt und ihm das Nachthemd auszieht. Zu dritt gehen wir in die Vorbereitung und beginnen die übliche Prozedur – EKG, Blutdruckmanschette, Pulsoxy, Zugang. Schliesslich halte ich ihm die Maske ans Gesicht, um ihn vor der Intubation mit Sauerstoff aufzufüllen, und wir rufen Sandra, um uns bei der Einleitung zu helfen. Das darf ich noch eine Weile nicht allein mit der Pflege, es muss immer ein Facharzt dabei sein.

Die Unterhaltung ist auf das Minimum reduziert. Wir erklären, was wir gerade machen, stellen die nötigen Fragen. Das ist alles. Wir spritzen das Schlafmittel, Herr Steiner schläft langsam ein. Er braucht ziemlich viele Medikamente, bis er endlich nicht mehr auf mein Ansprechen reagiert. Vorsichtig ziehe ich den Kopf nach hinten, ziehe den Unterkiefer hoch und beginne, ihn zu beatmen. Um zu sehen, ob das funktioniert, schlägt Sandra die Decke etwas zurück, damit ich freie Sicht auf den Brustkorb habe. Er hebt uns senkt sich im von mit gegebenen Rhythmus, und mit ihm das flammende Hakenkreuz. Niemand von uns will wirklich hinsehen. Wir intubieren, fixieren den Schlauch, kleben die Augen zu.

Zuletzt zieht Sandra die Decke mit einer zackigen Bewegung wieder über den Brustkorb. „Das brauchen wir nicht zu sehen.“, meint sie.

„Weisst du“, meint Sandra später beim Kaffee, „wir behandeln ja eigentlich alle Patienten gleich. Und das hab ich ja am Wochenende auch so gemacht. Aber die Visite nach der Narkose, die hab ich mir gespart – nochmal sehen wollte ich den eigentlich nicht.“

Wegen seiner vielen Nierensteine wird Herr Steiner wohl noch öfters bei uns landen. Eine kleine Stimme in meinem Hinterkopf ist ein bisschen zufrieden, dass Nierensteine wenigstens ganz schön weh tun. Eine andere Stimme schilt mich deswegen.

Ich wünschte, die zweite Stimme wäre etwas lauter.

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4 Kommentare zu „Wenn Ethik schwerfällt“

  1. Ja, warum soll man auch keine Gedanken haben. Ist doch menschlich.

    Und die zweite Stimme ist doch laut genug. Immerhin so laut, das Du nicht ausführst, was die erste Stimme sagt.

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  2. Oh, das ist kein ganz einfaches Thema. In meinem Job begegnet mir das in ähnlicher Weise und ich kenne die Gedanken auch. Aber solange ich die von meinen Handlungen trennen kann, ist das für mich okay. Ich weiß, dass ich ordentlich gearbeitet habe und ich überprüfe mich da auch selbst.
    Ich habe aber in anderen Gegenden der Welt auch schon erlebt, dass medizinisches Personal diesen Anspruch an sich nicht stellt. Da werden Verletzte liegen gelassen, weil sie einem Kriterium offensichtlich nicht entsprechen. Es gibt dort auch einen zynischen Spruch, den ich öfter gehört habe: We save some lifes.
    Und wenn ich sowas sehe, bin ich froh, dass es das Abendland in dieser Beziehung etwas anders sieht.

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  3. Sehe ich auch so wie Sylana.
    Klar soll man allgemein ja niemandem was böses Wünschen, aber meiner Meinung nach kommt es eben auf das Handeln an. Auch Ärzte/medizinisches Personal sind und bleiben (zum Glück – noch?) Menschen und eine Meinung, Denken und fühlen sind Ihnen genauso gestattet wie allen anderen. Aber so lange das Tun das richtige ist und die Stimme überhaupt da ist…

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