Weil ich ein Mädchen bin

Sexismus ist allgegenwärtig in medizinischen Berufen – ich denke, soweit sind sich alle einig, die in diesem Bereich arbeiten. Sei es die Pflegeschülerin, die von 80jährigen übergewichtigen Diabetiker 20 Franken angeboten bekommt, wenn sie mit ihm unter die Dusche steigt. Die Ärztin, die generell erstmal für eine Pflegefachfrau oder im besten Fall immerhin noch eine Studentin gehalten wird. Der Pflegefachmann, der ausgelacht wird, weil er einen „Frauenjob“ hat. Die junge Chirurgin, die in ihrem Berufswunsch nicht ernstgenommen wird, weil sie „schwach“ ist.

Ich habe bisher selten darüber nachgedacht – habe sogar gedacht, ich sei damit bisher noch kaum konfrontiert worden. Gut, die „Schwester“ oder „Studentin“ hör ich dauernd, aber ich bin nunmal eine kleine, sehr jung aussehende Frau und werde generell fast 10 Jahre jünger geschätzt, als ich eigentlich bin. Was können die Patienten dafür? Auch hatte ich noch selten das Gefühl, weniger ernst genommen zu werden aufgrund meiner Brüste. Kurzum: Das war ein Trugschluss, und es ist mir wohl einfach nicht aufgefallen, weil ich nicht darüber nachgedacht habe. Bis kürzlich.

Ein Patient kommt als Notfall in die Praxis. Er ist beim Skifahren auf die Schulter gefallen und hat jetzt Schmerzen.

„Das ist sicher die Rotatorenmanschette. Ich bin Sportlehrer.“, informiert er mich. Die Rotatorenmanschette ist ein Sammellbegriff für die an der Schulterbewegung beteiligten Muskeln. Soweit so gut.

Nach der Untersuchung habe ich ein erstes Fazit: „Ich denke, das ist der Supraspinatus.“ Die klinische Untersuchung spricht dafür, und ebenfalls die Tatsache, dass dies nun mal die am häufigsten verletzte Sehne der Schulter ist. Was häufig ist, ist häufig. Denk an Pferde, nicht an Zebras.

Der Patient schüttelt den Kopf. „Sie meinen den Subscapularis.“

„Nein, den Supraspinatus. Der ist hier oben, und…“

„Nein das ist ganz sicher der Subscapularis. Ich bin Sportlehrer, ich kenn mich aus.“, unterbricht er mich. Das mag ich garnicht. Ich zucke mit den Schultern, ordne das Röntgen an und gehe was Administratives machen, um mir zu überlegen, was ich daraus jetzt machen soll.

Das Röntgen ist unauffällig. Nun kommt der Chef noch schauen. Er macht genau die gleichen Tests wie ich, und fällt schliesslich sein Urteil: „Das ist der Supraspinatus.“ Wohlig warme Zufriedenheit macht sich in mir breit. Mein Chef beginnt genau dasselbe zu erklären, wie ich vorhin, als mich der Patient so unhöflich unterbrach. Schliesslich hält er noch kurz den Ultraschall drauf, und auch dieser bestätigt die Diagnose. Während der ganzen Zeit bleibt der Patient mucksmäuschenstill.

Das ist der „Chef-Effekt“: Ein älterer und somit augenscheinlich erfahrener, männlicher Arzt, der muss ja recht haben. Dem glaubt man alles. Das dumme kleine Mädchen hingegen, was weiss das schon?

Mein einziger Trost in solchen Situationen ist, dass der Frauenanteil bei den Ärzten immer höher wird. Pech gehabt, wem das nicht passt: Ihr werdet gelegentlich mit einer Frau vorlieb nehmen müssen.

Habt ihr auch solche Geschichten? Teilt sie mit mir! Gerne auch unter:

FrauGramsel (a) gmx.ch

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