Alltag im Spital: Narkosearzt

„Ist das nicht total langweilig, immer nur dumm rumsitzen?“

Das ist so in etwa die häufigste Reaktion, wenn jemand sagt, er ist Anästhesist (also Narkosearzt) oder will einer werden. Langweilig. Man muss ja nur den Patienten zum schlafen bringen und dann sitzt man blöd rum, bis der Chirurg fertig ist. Patient aufwecken, fertig. Und sowieso – dafür muss man Medizin studieren?

Zuallererst: Nein, Narkose ist ganz und garnicht langweilig. Es ist sogar ganz schön abwechslungsreich.

Ein Anästhesist, ja, der macht Narkosen. Er sorgt dafür, dass der Patient einschläft, er reguliert Atmung, Kreislauf, Flüssigkeitshaushalt des Patienten, während der schläft, und weckt ihn dann zum geeigneten Zeitpunkt wieder auf. Natürlich ist das im Optimalfall – junger, gesunder Patient, kleiner Eingriff, minimales Risiko – nicht unendlich schwer, und wenn die Narkose gut läuft, sitzt man gelegentlich auch mal ein bisschen rum (aber jetzt mal ehrlich, fürs rumsitzen bezahlt werden klingt ja jetzt auch nicht wahnsinnig schrecklich, oder?). Aber „Schlafenlegen“ und „Aufwecken“ klingt so einfach, wenn man nicht weiss, was es alles zu tun gibt und was alles schiefgehen kann.

Häufig sind Patienten eben nicht jung und gesund. Mit der Überalterung der Bevölkerung steigen auch Eingriffe bei schwer kranken Menschen mit kilometerlangen Medikamentenlisten, Vorerkrankungen, Risiken – da gilt es viel zu beachten. Eine Vollnarkose ist eine grosse Belastung für ein bereits krankes Herz. Manchmal sind Teilnarkosen besser geeignet, oder sogar die einzige Möglichkeit. Dabei spritzt man ein betäubendes Mittel um Nerven herum, je nach Technik zum Beispiel mit Ultraschall. Habt ihr schonmal einen Ultraschall gesehen? Das ist prinzipiell grau in grau, irgendein Rauschen, und darin soll man anatomische Strukturen erkennen. Banal ist anders.

Dann gehört natürlich nicht nur die Narkose selber zum Aufgabengebiet eines Anästhesisten. Er führt auch Aufklärungsgespräche mit den Patienten, damit er selbst alle nötigen Infos beisammen hat und damit der Patient weiss, was ihn erwartet, welche Risiken bevorstehen, und worauf er selber noch zu achten hat. Diese Gespräche sind unendlich wichtig, weil viele Patienten zwar wenig Angst vor dem eigentlichen Eingriff haben, aber ganz schön viel Angst vor der Narkose. Man muss also ein bisschen sensibel sein und eine gute Vertrauensbasis herstellen können. Diese Gespräche finden in Sprechstunden statt, oder bei Notfällen auch mal in Notfallkojen oder Patientenzimmern.

Anästhesisten sind ein wichtiger Teil des Teams bei Reanimationen, da sie Atemwege und Kreislauf eben voll im Griff haben. Dadurch rennen sie auch mal im ganzen Krankenhaus umher, wenn das Telefon diesen bösen schrillen Piepston von sich gibt. Im Schockraum, dem Ort für kritisch kranke und verwundete Patienten, versuchen sie diese zu stablisieren und lange genug am Leben zu halten, bis ein Chirurg oder anderer Spezialist das zugrundeliegende Problem identifizieren und lösen kann.

Notärzte sind häufig auch Anästhesisten, weil die Arbeit draussen eben viele Fähigkeiten erfordern, die Anästhesisten besitzen, wie das Intubieren oder Wiederbeleben von Patienten. Somit können Anästhesisten auch ausrücken, um bei schweren Fällen Rettungssanitäter zu unterstützen (das ist bei uns etwas anders als in Deutschland, in den meisten Fällen ist kein Notarzt dabei). Sie können mit Rettungshubschraubern fliegen, oder mit Jets, um Menschen zurück ins Land zu holen, die im Ausland erkrankt oder verunfallt sind.

Nicht zuletzt sind Anästhesisten Spezialisten für Schmerzbehandlung und werden von Medizinern und Chirurgen beigezogen, wenn diese einen Patienten partout nicht schmerzfrei kriegen. Anästhesisten legen Schmerzkatheter in Venen, Rücken oder um Nerven herum, kontrollieren diese und stellen sie ein. Sie werden gerufen, wenn das Legen von Zugängen in die Vene besonders schwierig ist, oder wenn es einen Zugang in eine grosse Vene am Hals, einen sogenannten zentralen Zugang, braucht.

Über diese einzelnen Punkte werdet ihr von mir wohl noch eine Menge mehr hören, aber zumindest sollte hier mal gesagt sein: Nein, langweilig und eintönig ist es bestimmt nicht!

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