Schneeflöckchen – Follow up

Zu meinem Post über Patienten, die keine Medikamente nehmen (wollen) aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen, kamen in einem Kommentar Fragen auf: Verfälsche ich nicht den Zustand eines Kindes, wenn ich ihm vor dem Arztbesuch Medikamente gebe? Sollte ich mich oder mein Kind nicht in einem möglichst authentischen Zustand präsentieren? Dazu ist mir nur eine Liste von mehreren Gründen eingefallen, die mir dann doch zu lang war für die Kommentarspalte. Darum gehe ich einfach in diesem Post darauf ein.

Vorab: Ich bin ein grosser Fan vom Medis geben vor dem Arztbesuch. Andere Berufskollegen mögen das anders sehen und ebenfalls gute Gründe haben.

Erstens ist das Geben von frei verkäuflichen Schmerzmitteln ein hilfreiches Diagnosemittel. Eine Blinddarmentzündung wird auf Gabe von Paracetamol oder Ibuprofen nur bedingt besser werden, hingegen könnte ein Patient mit Magendarmverstimmung allein dadurch schon ziemlich schmerzfrei werden. Wenn mir der Patient sagt „ich hab X oder Y eingenommen, und die Schmerzen sind immernoch da“, dann ist das für mich ein Alarmglöckchen. Dann pack ich die richtig guten Sachen aus (in der Regel erst mal Novalgin). Wenn das aber schon geholfen hat, dann mach ich zwar trotzdem die nötigen Abklärungen, wie Blutentnahme oder Ultraschall, bin aber zumindest schon mal ein bisschen entspannter. So kann man sich unter Umständen auch einen Notfallbesuch mitten in der Nacht sparen – einfach mal was nehmen und eine Stunde warten. Wenns besser wird, am nächsten Tag zum Hausarzt gehen. Einfach und kostensparend.

Zweitens: Der Irrglaube, Schmerzmittel verfälschen Ergebnisse. Tatsächlich machen sie die Diagnose einfacher! Nehmen wir wieder die Blinddarmentzündung: Wegen der Reizung des Bauchfells kann da gut mal der ganze Bauch schmerzen. Nach Schmerzmittel kann mir der Patient viel genauer sagen, wo’s weh tut, was mir dann wieder ziemlich gute Hinweise liefert, ob denn nun der Blinddarm dahintersteckt oder nicht.

Drittens, und einer der wichtigsten Gründe: Kinder. Meinem Chef im Krautundrübenspital war es immer wichtig, dass Kinder möglichst wenig traumatisiert aus dem Spital wieder rausgehen. Der Spitalbesuch ist ja sonst schon ziemlich aufregend für Kinder (und Erwachsene). Fremde Menschen, das klinische, saubere Umfeld, überall drohende Spritzen und Nadeln, und dann der schrecklich gruslige grosse Mann im weissen Kittel, der auch noch voll da draufdrückt, wo’s weh tut? Kein Wunder sind Kinder da total aus dem Häuschen. Wir müssen also alles in unserer Macht stehende tun, um dem kleinen Patienten die Behandlung zu erleichtern. Und Schmerzmittel gehören da einfach dazu. Wenn ich Justin-Nathanael im „Rohzustand“, ohne Schmerzmittel, dafür mit furchtbaren Bauchschmerzen ins Spital bringe, und der böse Onkel Doktor drückt dann auch noch auf dem Bauch rum, dann verbindet Justin-Nathanael das Spital mit Schmerzen. Und dies vielleicht das ganze Leben lang. Vielleicht wird er immer Angst haben vor Krankenhäusern, sich dort unwohl fühlen, möglichst nicht gehen wollen. Wenn er hingegen das Paracetamol schon erhalten hat, und das Bauchi macht nicht mehr ganz so Aua, dann ist gleich alles etwas weniger schlimm.

Jeder, der Kinder behandelt (oder welche hat), weiss, wie schnell eins von „schrecklich krank“ zu „wirkt eigentlich gesund“ gehen kann. Und am Besten gleich noch mehrmals täglich. Wir nehmen Kinder (und, wieder, Erwachsenen natürlich auch) nicht weniger ernst, wenn sie in gutem Zustand kommen, und die Eltern sagen „Vor einer Stunde lag Elsa-Kim noch total krank rum, wollte nichts essen und trinken und wollte nichtmal zum 1387sten Mal Frozen gucken!“. Man nimmt dem Kind also nichts weg, wenn man ihm schon mal was gegen die Schmerzen gibt, sondern erleichtert ihm den Arztbesuch.

ABER: Ein paar Regeln muss es ja schon geben, nicht wahr.

Regel #1: kein Aspirin. Niemals. Nicht. Wenn der Patient irgendwas braucht, wie eine Operation, oder einen Stich irgendwo rein, dann will niemand den Blutverdünnungseffekt vom Aspirin dazwischenfunken haben. Kleine Kinder sollten ja ausserdem sowieso kein Aspirin haben. Also: Asprin = tabu! Was hingegen immer geht (es sei denn, irgendwas spricht dagegen – fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker) ist Paracetamol. Damit kann man im Normalfall echt nicht viel falsch machen. Ausser, man nimmt die ganze Tagesdosis aufs Mal.

Regel #2: Doch doch, man darf schon auch was geben, wenn man sich danach direkt ins Spital begibt. Zumindest, wenn man privat fährt. Es sei denn, man hat schon die Ambulanz gerufen. Aber wenn Christopher-Robin sich beim Hockeyspielen das Handgelenk verletzt hat, und man wartet eigentlich nur noch das Ende des Spiels ab weil ihm das total wichtig ist, und danach fährt man ihn ins Spital, dann darf man ruhig was geben. Einfach dabei kurz auf die Uhr schauen und sich merken, was, wieviel und wann das war, damit macht ihr den behandelnden Arzt glücklich.

Regel #3: Keine verschreibungspflichtigen Medikamente an Andere weitergeben. Okay, du hast nach der letzten Operation Tramadol mit nach Hause bekommen, die aber nicht genommen weil die dich so müde machen und du sowieso nicht so starke Schmerzen hattest. Nun hat dein Nachbar plötzlich so Kopfweh. Nein – denk nichtmal dran. Bring die Tabletten zurück in die Apotheke zur Entsorgung, behalte sie nicht „nur für den Fall“ auf. Und gib sie nicht weiter. Nie.

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8 Kommentare zu „Schneeflöckchen – Follow up“

  1. Ich hatte natürlich vergessen, dass die Novalgin verschreibungspflichtig sind, als ich sie letztes Wochenende meinem Mann gegeben habe (standen halt neben dem gleichzeitig im gleichen Spital beim gleichen Notfall erhaltenen Paracetamol).
    Ist Novalgin wirklich so viel stärker? Er hat eh nur einmal davon genommen und ist anschliessend wieder zurück zum Paracetamol, am Montag war er dann beim Arzt.

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    1. Nun… kurz und knapp ja, Novalgin hat spürbar mehr „Wumms“ als Paracetamol. Paracetamol – schmerztechnisch – hat als Anwendungsgebiet „leichte bis mäßige Schmerzen“, Novalgin hat als Anwendungsgebiete (ebenfalls schmerztechnisch): „akuten starken Schmerzen nach Verletzungen oder Operationen“, „krampfartigem Leibschmerz (Koliken)“, „Schmerzen bei Krebsleiden (Tumorschmerzen)“, „sonstigen akuten oder chronischen starken Schmerzen“ – also ja – Novalgin zählt unter den Stufe I (WHO Stufenschema zur Schemerzbehandlung) Schmerzmitteln zu den starken Schmerzmitteln. Ich glaube jedoch der hauptsächliche Grund, dass Novalgin rezeptpflichtig ist, ist eine (sehr) seltene, jedoch schwere Nebenwirkung: Agranulozytose. Und wie immer gilt: Hat ein Patient versehentlich ein nicht für ihn vorgesehenes Schmerzmittel eingenommen: Dem Arzt Bescheid sagen, nicht vor Scham o.Ä. verschweigen. Im Regelfall passiert bei Novalgin trotzdem nix Schlimmes. Es ist nicht umsonst eines der „umsatzstärksten“ Medikamente auf allen unfallchirurgischen Stationen, auf denen ich bisher arbeitete.

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      1. Danke schön. Da verstehe ich aber auch nicht, warum einem das Mittel geradezu aufgedrängt wird, wenn man sagt „Danke, ich habe eigentlich genug Paracetamol in der Reiseapotheke dabei, mir würde ein Rezept genügen, die Schmerzen sind durchaus erträglich“ – zack, bin ich trotzdem mit Original-Dafalgan und Novalgin versorgt. (Ich hatte heftige Prellungen nach einem Sturz mit dem E-Bike und war aus Sorge, es könnte doch was gebrochen oder gerissen sein in der Notaufnahme.)

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      2. Nun, wärst du bei mir in der Notaufnahme gelandet, hätt ich dir (da ja offensichtlich nichts dagegen sprach) auch 4 Tabletten Novalgin (jedoch ein Generikum, unsere Klinikapotheke kauft nicht das Orginal) mitgegeben. Damit du was Stärkeres hast, falls das Paracetamol doch nicht reicht. Allerdings hätt‘ ich dir auch kein Rezept mitgeben dürfen (damit du dir was holen kannst, falls das Paracetamol nicht reicht), es sei denn du wärst Privatpatientin, da wir keine Kassenzulassung für Rezepte haben. 😉

        Und um ehrlich zu sein, wenn man sich so richtig was geprellt hat, reicht bei den Meisten dann wirklich Paracetamol nicht mehr. Bei einigen Glücklichen kommt man mit Paracetamol aber auch sehr weit. Ich gehöre leider zu denjenigen, bei denen Paracetamol wunderbar gegen Fieber wirkt, aber leider null gegen Schmerzen. (Auf Ibuprofen sprech ich aber gut an… Ich hab dazu mal irgendwas gelesen – lang ists her – das scheint genetisch zu sein.)

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      3. Bei uns ist es umgekehrt: wir müssen Rezepte mitgeben, es sei denn, das Spital hat eine öffentliche Apotheke. Und ich hätte das Novalgin auch mitgegeben bzw es ‚aufgedrängt‘. Wie oft gabs schon Patienten, die sagten ‚Nene ich brauch nichts‘ und dann mitten in der Nacht wieder da standen, von wegen ‚Die Schmerzen sind nun doch ganz schön stark‘? Man unterschätzt doch gelegentlich, wie anders sich Schmerzen anfühlen, wenn man im Dunkeln im Bett liegt und alle Zeit der Welt hat, sich nur mit ihnen auseinanderzusetzen.

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  2. Super und vielen Dank für die tolle Erklärung. Genau davor hatte ich Angst, ich hab das auch schon erlebt und hatte auch ein schlechtes Gewissen, da bekommt man noch einen Termin nach 18:00 weil man sagt es geht dem Kind so schlecht und er läuft ins Wartezimmer und spielt ganz ruhig für sich.. Ich hab schon gedacht die halten mich für hysterisch. 🙂
    Aber nun weiss ich was ich machen kann. (Was nicht heisst das ich vorher nie selbst Medikamente genommen habe, nur halt am Tag des Termins nicht. Aber dann kann ich mir das ja sparen ohne Angst euch den Job schwerer als nötig zu machen..)

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  3. @rayne und Gramsel: danke für die geduldige Erklärung.
    Dann werde ich die Novalgin zwar nicht entsorgen, aber sicher nur nach Rücksprache mit dem Arzt nehmen.

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    1. Novalgin kann auch „wunderschöne“ Allergien machen, und die treten halt erst nach einer Weile auf. D.h. mannimmt es ein paar Tage ohne Probleme und dann geht es los. Und das ist dann nicht lustig. Deswegen rezeptpflichtig – mit gutem Grund.

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