Mal wieder was Positives

„Schreib mal wieder was Positives“, hat mir vor einer Weile ein Freund gesagt. Und ja, manchmal ist alles so stressig und mühsam und nervig, dass man ein bisschen aus den Augen verliert, wieviel Gutes und Schönes mal erlebt.

Die Zeit in der Praxis war diesbezüglich kein Vergleich zum Spital. Im kleinen Team habe ich mich wohlgefühlt, und es fiel mir unendlich viel leichter, schlechtere Tage und nervige Patienten wegzustecken. Und auch die schlimmsten Tage in der Praxis waren fast ein Zuckerschlecken im Vergleich zu meinen schlimmsten Tagen im Spital.

Aber auch im Spital gab es schöne Momente.

Besonders im Gedächtnis bleibt mir ein recht stressiger Samstag. Am Nachmittag war noch nicht so viel los, einfach immer mal wieder was, aber am Abend hatte ich dann plötzlich alle Notfallkojen voll und dazu noch mehrere Anmeldungen. Zwei Patienten konnte ich schnell wieder entlassen. Eine Patientin musste mit einem gebrochenen und verrenkten Knöchel in den OP, den Chirurgen hatte ich vorhin angerufen deswegen, er war gerade auf dem Weg von Zuhause in die Klinik. Das bedeutete Pause – Zeit für Abendessen.

Abendessen für den Dienstarzt, da war immer ganz viel Liebe drin. Da empfangen den armen, geplagten Dienstarzt – sofern er denn Zeit hat, zu essen – Salat und/oder Suppe, ein voll beladener Teller mit warmen Speisen, mindestens ein Dessert, ein Süssgetränk und zwei Jetons für den Kaffeeautomaten. Und am Wochenende gabs dasselbe für den diensthabenden Unterassistenten.

Ich ging also runter in die Cafeteria, wo das fertig vorbereitete Tablett, versehen mit dem „Dienstarzt“-Schild, schon auf mich wartete. Zwei Köche, davon einer der Küchenchef, waren gerade dabei, einen Apero in der Cafeteria aufzubauen.

„Wenn ihr Reste habt, bringt die doch einfach zu uns auf den Notfall“, witzelte ich.

Der Küchenchef grinste. „Wie ist deine Nummer?“

Ich hatte grade noch Zeit, etwa die Hälfte meines Abendessens zu verschlingen, als es auf dem Notfall so richtig losging. Die Zeit verging wie im Fluge. Es waren angenehme Patienten, teils in eher schlechtem Zustand. Ich arbeitete eins nach dem anderen ab. Es hab eine Verlegung auf eine Intensivstation, eine ins Unispital, eine Aufnahme auf die Medizin und dann noch ein bisschen Kleinkram. Mein Unterassistent, der mir den ganzen Tag schon tatkräftig geholfen hatte, durfte gemütlich im OP beim Knöchelbruch sitzen, während die Pflege und ich uns auf den Notfall abrackerten.

Plötzlich klingelte mein Telefon: Interne Nummer, die ich aber nicht kannte. Hoffentlich nicht das Pflegeheim. „Gramsel, Dienstärztin?“

„Hallo, hier ist [der Küchenchef]! Du bist immernoch auf dem Notfall?“

„Jap.“

„Dann kommen wir doch gleich vorbei.“

Zwei Minuten später kamen der Küchenchef und sein Koch aus dem Lift, Arme voll beladen mit Tabletts mit kleinen Köstlichkeiten. Käseküchlein, Spinatküchlein, kleine Gläschen mit Mousse und anderen Leckereien und eine Menge Desserts. Darunter die selbstgemachten Ragusa, definitiv das allerbeste, was sie da unten in der Küche so zauberten.

Sowas ist das beste und schönste, was einem im Spital passieren kann. Leckeres Essen in fingerfertigen Portionen, zu einem hingeliefert, einfach so und kostenlos. Ein besseres Geschenk kann man Arzt und Pflege nicht machen. Ernsthaft. Und so konnte ich neben der Arbeit einfach immer mal wieder an der Auslage vorbeihuschen und mir was in den Mund stopfen. Könnt ihr euch vorstellen, wie glücklich sowas macht?

(Die selbstgemachten Ragusa haben übrigens der Leitende Arzt Medizin und die Nachtärztin aufgefuttert, bevor ich auch nur eins davon hatte. Ich war am Boden zerstört. Aber die Geste seitens der Küche zählt.)

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Ein Gedanke zu „Mal wieder was Positives“

  1. Ein ähnliches Erlebnis hatte ich auch mal. Sanitätsdienst auf einer Fanmeile bei einer EM/ WM, genau weiß ich das nicht mehr. Es war voll, warm und wir haben uns den ganzen Tag und die ganze Nacht echt abgerackert, kaum eine Pause…. Als fast alle Fans zuhause waren und wir die Unfallhilfsstelle aufräumen, kommen aus dem gegenüberliegenden Gebäude zwei Personen, beladen mit acht Pizzakartons. Sie hatten sich bei ihrer Bestellung verschätzt und dachten sich wir hätten doch jetzt bestimmt Hunger. Die Pizzen waren sogar noch warm…..so glücklich waren ca. 20 Sanitäter wahrscheinlich selten nach einem langen Dienst.

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