Incompliance

30jährige Frau Fell am Freitag Morgen in meiner Sprechstunde.

Frau Fell: „Ich hab seit 3 Wochen eine starke Erkältung, und jetzt hab ich Ohrenschmerzen.“

Das klingt schon mal total klassisch: Bei Schnupfen ist die Nasenschleimhaut angeschwollen und verschliesst so den Gang, der vom Mittelohr in die Nasenhöhle reicht. Dadurch haben die Bakterien im Mittelohr wohlig warm und erst noch sturmfrei, machen eine Party und verursachen so eine Mittelohrentzündung – der Grund, weshalb wir bei Erkältung Nasenspray empfehlen. Weil, damit schwillt die Schleimhaut ab, der Gang bleibt offen und die Bakterien leiden unter dem Durchzug.

Ich: „Haben Sie denn schon was genommen? Was gegen den Schnupfen, oder den Husten, oder Nasenspray?“

Frau Fell guckt herablassend. „Nein, ich nehme nicht einfach so Medikamente.“

Ach. Wow. Dann ist sie ja was total Besonderes! Alle anderen nehmen ja furchtbar gern Medikamente, einfach nur zum Spass und weil die so gut schmecken.

Ein Blick in ihr Ohr zeigt die ausgeprägte Entzündung. Das Trommelfell ist eingezogen und hat eine grosse Blase drauf.

Ich mach noch kurz die Blutwerte. Die weissen Blutkörperchen, die für die Abwehr zuständig sind, sind ziemlich erhöht.Das ist ein ganz schön anständiger Infekt, den sie da hat. Ich gebe ihr Antibiotika gegen die Mittelohrentzündung, Ohrentropfen gegen die Schmerzen und einen Nasenspray, damit der Schleim im Ohr schön ablaufen kann und das Mittelohr wider ein bisschen frische Luft bekommt. Von ihrer Reaktion her schätze ich die Wahrscheinlichkeit, dass sie die Medikamente effektiv nimmt, bei etwa 50% ein. Deswegen erkläre ich ihr alles ausführlich, und begründe sorgfältig, warum sie welches Medikament benutzen soll.

Zwei Stunden später ruft sie an, sie sei gerade in der Bergbahn auf dem Weg zur Arbeit gewesen, da habe sie plötzlich einen Knall im Ohr gehört. Sie komme also nochmal vorbei.

Dieses Mal lasse ich den Chef ran. Vielleicht dringt er eher zu ihr durch. Er sieht den Riss im Trommelfell – allerdings hat dies keine Konsequenz. Das heilt in der Regel gut ab, zusammen mit der Entzündung. Auf die Ohrentropfen sollte sie jetzt allerdings vielleicht verzichten.

Am Montag Morgen haben wir eine Mail vom anderen Hausarzt im Dorf. Er hatte Wochenenddienst, und die Patientin wurde auch bei ihm vorstellig. Immernoch mit dem gleichen Problem. Die Medikamente, steht im Bericht, habe sie nicht genommen. Haha, hab ichs doch gewusst. Er ändert nichts an der Therapie und schickt sie so wieder nach Hause.

Am Montag Vormittag ruft Frau Fell in der Praxis an. Sie informiert die Praxisassistenz, sie sei übers Wochenende bei einem anderen Arzt gewesen, und der habe etwas ganz anderes gesagt (Ach ja? Dann stimmt wohl der Bericht nicht, den wir von ihm erhalten haben). Jetzt sei sie total verunsichert und gehe zum Spezialisten. So.

Die Praxisassistentin ist vom Tonfall der Patientin ein bisschen, äh, erstaunt. „Ja gut… Und was soll ich jetzt machen?“

Frau Fell: „Sie sollen meinen Kontrolltermin streichen! Ich gehe zum Spezialisten, ich komme nicht mehr zu Ihnen!“

Jau gut, da ist ja jetzt auch niemand wirklich traurig, gell.

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Geduldsprobe

Patient: „Ich hab seit einer Woche Nackenschmerzen. Ist wohl das neue Kissen. Aber die Schmerzen müssen jetzt weg, ich will skifahren gehen.“

Ich (nach der Untersuchung): „Also, es gibt zwei Möglichkeiten: Ich kann Ihnen eine Spritze machen -“

P: „Spritzen mag ich nicht.“

I: „…oder ich kann Ihnen ein Schmerzmittel geben.“

P: Ich nehm nicht gern Medikamente.“

I: *still*

P: „Als ich Kreuzschmerzen hatte vor ein paar Jahren hat mir mein Arzt was gegeben, das total gut geholfen hat.“

I: „Was denn?“

P: Weiss nicht mehr.“

I: *zähle Schmerzmittel auf, die ich bei Rückenschmerzen abgebe*

P: „Nein, keins davon. Es hat mit A angefangen.“

I: *zähle Schmerzmittel auf, die mit A anfangen*

P: „Nein. Vielleicht wars auch nicht mit A.“

I: *still*

P: „Ja also was kann ich denn jetzt machen gegen die Schmerzen?“