Über Pharmavertreter

Wie wir alle wissen, sind Ärzte von BigPharma gekauft, korrupt und entweder einfach nur naiv oder richtiggehend bösartig. Dies lese ich zumindest täglich in Social Networks oder in der Kommentarspalte von Onlinezeitungen, also muss das doch stimmen, oder?

Tatsache ist: Wir sehen Pharmavertreter. Regelmässig. Ich möchte hier beschreiben, wie so ein typischer Besuch abläuft.

Frau Riese ist Vertreterin für einen grossen Medikamentenhersteller. 15 minuten sind im tagesprogramm für sie reserviert. Mein Chef, Frau Riese und ich setzen uns ins Sprechzimmer, und sie holt Prospekte raus.

„Also, ich habe da was neues, und zwar von unserem Metformin. Das gibts jetzt in einer anderen Form, sehen Sie?“ Sie nimmt eine Schachtel aus der Handtasche und daraus ein Blister, aus dem sie wiederum eine grosse, weisse Tablette herausdrückt. „Die sind jetzt viel einfacher zu teilen.“ Knacks, mit einer einfachen Bewegung ist die Tablette in der Mitte durch. „Das ist insbesondere gut, wenn Sie einen Patienten neu einstellen, mit einer geringeren Dosis.“ Wir nicken. „Wenn Sie bei uns Metformin bestellen, kommt das ab jetzt so verpackt. Einfach, dass Sie dann nicht überrascht sind, dass es anders aussieht.“

Es folgt ein kurzer Austausch darüber, welches Präparat wir verwenden – es ist zufällig ihres – und welche Alterativen und Kombipräparate wir sonst haben. Dann packt sie das Medikament wieder ein.

„Als Nächstes haben wir ein neues Teststreifensystem für Diabetiker – in einer ganz neuen, viel praktischeren Verpackung.“ Sie holt zwei kleine Plastikboxen aus der Tasche. „Das hier ist unsere alte Schachtel. Da sind die Streigfen lose drin. Und jemand mit dicken Fingern oder Probleme mit der Feinmotorik hat da vielleicht Mühe, die herauszunehmen. Wenn man die Schachtel kippt, fallen alle gleich raus. In der neuen Schachtel sind die Streifen in einer Reihe.“ Sie öffnet eine schöne blaue Box. In einem Schlitz in der Mitte stehen stramm in Reih und Glied kleine Diabetesteststreifen. „Wenn ich die Schachtel auf den Kopf drehe, fällt nix raus.“ Sie demonstriert das, indem sie die Schachtel mit zwei Fingern hält und auf den Kopf dreht. Tatsächlich, die Streifen halten. „Und wenn ich einen rausnehmen will, brauche ich nur mit einem Finger entland dem ersten Streifen zu streichen. Das geht ganz einfach, auch mit grossen oder krummen Fingern.“ sie demonstriert auch dies einmal, und lässt es uns dann selbst ausprobieren. Tatsächlich, es ist total einfach. Ich finde das Produkt super, ich kämpfe selbst oft mit den dämlichen kleinen Döschen und den losen kleinen Streifen darin. Frau Riese zeigt uns noch Besonderheiten der neuen Teststreifen – zum Beispiel ist der Sensor breiter als beim alten Modell – und erklärt, mit welchen Geräten die Streifen kompatibel sind. Sie lässt und ein Gerät mit 10 Streifen da zum Testen.

Schliesslich kommt sie noch auf ein Vitaminprodukt zu sprechen, an dem wir prinzipiell wenig Interesse haben, weil es nicht auf der Spitalliste steht – also selbst bezahlt werden muss – und keine richtige meidzinische Indikation hat. Sie erklärt, dass es viel Vitamin D drin hat ,was mich wiederum interessiert, weil Vitamin D-Mangel in der Praxis ein grosses Thema ist. Frau Riese gibt mir einen Artikel aus einer Schweizer Ärztezeitung über „Vitamin D-Supplementation in der Praxis“ zum Lesen. Der Artikel ist wahnsinnig informativ und zitiert diverse Studien. Marken und spezifische Präparate werden nicht ein einziges Mal genannt.

Sie lässt uns eine Box da mit Präbchen des Vitaminpräparats. Dann geht sie wieder.

Der Hausarzt (im Selbstdispensierungskanton oder in sehr abgelegenen Gebieten) hat eine eigene kleine Apotheke in der Praxis. Er entscheidet selbst, welche Produkte er abgibt, und aus welchen Gründen. Manchmal ist es Erfahrung. Manchmal ist es Einfachheit, irgendeine Besonderheit des Produkts, das es besser macht, als seine Konkurrenz. Pharmavertreter wiederum sind gut geschult, und akzeptieren problemlos, wenn man ihnen sagt, dass man das Konkurrenzprodukt verwendet. Manchmal haben Sie Argumente, welche für einen Wechsel sprechen könnten, aber am Ende wird niemand gezwungen oder gekauft. In zwei Monaten habe ich noch nicht mal einen Kugelschreiber bekommen. Einmal war ein Vertreter da, der meinen Chef seit 15 Jahren besucht und diesen Sommer pensioniert wird. Zur Pension darf er besonders treue Stammärzte zum Abschiedsessen auf Kosten der Firma einladen, auch die MPAs und ich sind dazu eingeladen. Wir gehen Mittagessen in einem nahegelegenen Restaurant.

Alles halb so wild. Nichts, das in anderen Branchen nicht auch üblich wäre.

So.

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5 Kommentare zu „Über Pharmavertreter“

  1. Schön, dass mal so zu lesen. Ich lese ja auch regelmäßig Apothekenblogs, da sind das schon mehr Verkaufsgespräche, zumindest wenn es um die Sichtwahl geht. Das ist aber auch klar. Was so in Social Networks von sich gegeben wird, finde ich richtig schlimm.
    Nicht für diejenigen, die sich eben selbst mit Homöopathie oder ähnlichem Geschwurbel behandeln, weil die Ärzte ja „nur dass nachplappern, was in den Büchern steht“.
    Sondern für diejenigen, die vielleicht wirklich ein akutes Problem haben und sich durch solche Aussagen verunsichern lassen und im schlimmsten Fall dem Schwurbler mehr glauben als dem studierten.

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  2. Ist ja schön, dass es bei euch so problemlos läuft! Mein bisher einziger einziges Gespräch mit einer Pharmavertreterin war ein einziges Desaster (woran – muss ich zugeben die arme Frau gar nicht Schuld war). Die hat über irgendeinen Vertrag (keine Ahnung, ob mein Chef oder die Verwaltung dafür Geld bekommen hat) mich und einen anderen Assistenzarzt für 1h zum Belabern bekommen. Das war für mich hochgradig unerfreulich, denn genau an diesem Tag war ich morgens für mehrere Stunden im OP verschwunden und von der Stationsarbeit war noch nicht viel gelaufen. Also schon bevor ich wusste, dass mir noch der Besuch dieser Dame blühte, rechnete ich mit mindestens 2 Überstunden, eher mehr, bevor die Patienten so versorgt sind, dass keine Überraschungen über Nacht blühen. Also schlug die Dame auf – weder mein Mitassi noch ich wurden vorgewahnt – und teilte uns mit, dass sie uns jetzt eine Stunde über ihr Produkt informieren würde (kurzer Anruf bei Chef bestätigte, dass das so seine Richtigkeit hat). Wir verwenden ihr Produkt eh… Also sprach Sie über die postoperative Schmerztherapie mit ihrem Produkt, dass dieses jetzt in einer noch geringeren Stärke verfügbar ist, etc. pp. Während ich versuchte im Kopf die Arbeit der nächsten Stunden so zu ordnen, damit ich rasch und effektiv da durch komme. Ich glaube mein Mitassi tat das Selbe. Außerdem schlugen in der Stunde ständig unsere Schwestern auf mit Anfragen wie: „Hast du die Blutwerte schon angeguckt und abgezeichnet?“ (Würde ich gerne, wirklich!) „Herr XYZ, der Mann von Frau XYZ, ist jetzt für die Aufklärung da, du weißt doch, die ist betreut.“ (Möchte ich auch gerne, aber Chef hat mich verpflichtet mich belabern zu lassen.) „Frau ABC hat jetzt Übelkeit, hier die Akte, was darf sie haben?“ (Öhm… Moment Frau Pharma,…) und das Ganze sowohl für mich, als auch für meinen Mitassi. Ende vom Lied: Frau Pharma schaffte nicht einmal und die Hälfte von dem zu erzählen, was sie wollte, davon blieb bei mir und Mitasse ebenfalls nicht mal die Hälfte hängen und am Ende bekamen wir nahezu neutral gehaltene Schmerzskalen (die Patientenseite hatte gar keine Werbung, auf der Arztseite, war der Produktname sehr klein aufgedruckt.) Das war insgesamt unerfreulich…

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    1. Jap, das klingt wirklich ätzend. Wir hatten sowas nur einmal im Spital, mit einem Vertreter für eine Vakuum-Fussschiene. Der Besuch war eigentlich obligatorisch, aber es intressiert dann eh keinen, wenn man dauernd rausrennt und rumtelefoniert – und inhaltlich wars durchaus interessant und relevant für uns, also eigentlich durchwegs eine positive Sache.

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  3. Danke, fand ich sehr interessant, mal zu lesen, wie das vor sich geht. Wenn es einem keine erzählt, kann man sich ja auch sonst was ausmalen. und ja, auch die harmlosen Infoveranstaltungen wie die beschriebene lohnen sich für die Firmen, sonst würden sie ’s nicht machen. Aber Klappern gehört zum Handwerk. Und der studierte Arzt entscheidet sicher immer noch kompetenter, wie er mit der Werbung umgeht, als der Normalverbraucher, und den nennt auch niemand korrupt, nur weil er Fernsehwerbung guckt.

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  4. Im Studium hatten wir genau eine Info-Veranstaltung und nen Apero spendiert bekommem plus ein Block mit Kugelschreiber. Warum? Weil sie uns ein Teil des Jahrbuchs spendiert hatten. Seither hatte ich nie wieder Kontakt zur Pharma, an Kongressen sind sie sehr dezent und spendiert wird das Mittagessen oder der Flyer. Diese Schauergeschichten, die man aus den Medien hört, hab ich in real noch nie mitbekommen oder erzählt gekriegt von meinen Kollegen. Aber das kennen wir ja von den „Schwurblern“, da ist oft nicht all zu viel dabei..

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