Teurer ist nicht immer besser

Die knapp 70jährige Frau Linde wird von der Ambluanz in die Praxis gebracht (jap, sowas gibt’s echt nur hier). Sie ist beim Skifahren gestürzt und hat Knieschmerzen. Im Röntgen wird klar: Das vordere Kreuzband ist mitsamt Knochen abgerissen. Das qualifiziert möglicherweise für eine OP. Allerdings ist die gute Dame Tagestouristin, also nur für heute hier, und kommt eigentlich aus dem Flachland, ca 1.5 Stunden weit weg. Sie möchte also statt ins Krautundrübenspital lieber in ein Spital zuhause – verständlich – und dann auch noch in ein ganz bestimmtes: Eine Privatklinik, wo sie vor Jahren schon mal am anderen Knie operiert wurde.

Nun. Privatkliniken. Ich bin kein Fan. Die meisten betreiben Rosinenpickerei, schöne teure Operationen von Privatpatienten, aber keine Notfälle, keine allgemein Versicherten, und viele Kliniken haben nachts und am Wochenende nicht mal auf. Aber naja. Patientin ist ja König und so, und sie versichert mir, die Klinik habe eine Permanence. Das ist nicht grade eine echte Notfallstation, aber besser als nichts.

Ich rufe also in der Klinik an und werde mit einer völlig gestressten Oberärztin verbunden. Ich erzähle ihr, worum es geht – Patientin, Kreuzband, OP etc. Sie unterbricht mich nach einem Satz.

„Ist das für stationär?“

„Öhm… Ich schicke sie zum Operieren, also denke ich mal ja.“

„Ja ein Kreuzband kann man ja auch ambulant machen“, belehrt sie mich. Ist mir neu, aber ich bin ja auch kein Experte. „Also wir haben keinen Platz. Wir sind voll. Aber Sie können sie schicken, wir schauen sie an und machen CT oder MRI oder so, und dann kann sie nach Hause bis zum OP-Termin. Sagen Sie ihr das so.“

Bestätigt nun alle meine Vorurteile gegenüber Privatkliniken. Schnell ein teures MRI machen, Patientin nach Hause und dann kosteneffektiv für eine OP aufbieten. Rosinenpickerei, sag ich doch. Mir kochts leicht im Bauch. Ich gehe und berichte der Patientin und dem inzwischen eingetroffenen Ehemann. Die Patientin schnaubt und schaut mich herablassend an.

„Das ist kein Problem“, sagt sie auf die hochnäsigste Art und Weise. In meinem Bauch kochts gleich noch mehr. „Unsere Tochter arbeitet da, die haben sicher ein Zimmer für uns.“ Wow, ich wünschte, ich könnte den Tonfall hier irgendwie rüberbringen, das war sowas von respektlos arrogant hochnäsig unfreundlich, das kann ich garnicht angemessen beschreiben. Ich beschloss in diesem Moment, dass mir völlig scheissegal ist, ob das nun klappt oder nicht. Wenn die Ärztin sagt ,wir sind voll, dann gehe ich davon aus, dass das stimmt, und dann kann auch die Tochter kein Zimmer herzaubern, egal, was sie dort für eine Position hat. Aber eben. Ist mir ja wurscht, sollen die da nur hin und gleich nach Hause geschickt werden.

Herr Linde sieht das anders. „Aber Schatz, willst du nicht hier ins Spital? Die haben hier doch viel mehr Erfahrung mit sowas.“

„Ich will aber in die Klinik!“, meckert Frau Linde.

„Aber die sind bestimmt richtig gut hier, die machen sowas sicher jeden Tag in der Skisaison. Das wäre doch viel einfacher. Komm, lass uns ins Krautundrübenspital gehen.“

Die Rettungssanitäter sind inzwischen eingetroffen, und wir stellen ein Ultimatum. „Sie haben Zeit, bis Sie auf der Trage liegen, dann brauchen wir eine Entscheidung.“

Herr Linde redet leise auf Frau Linde ein, die ihm absolut nicht zuhört, weil sie mit „auf die Trage rutschen“ und den dies begleitenden Schmerzen beschäftigt ist. Am Ende kapituliert sie aber. Nun darf ich die Patientin in der Privatklinik wieder abmelden (diese Ärztin ist hörbar erleichtert), und sie dafür im Krautundrübenspital anmelden (diese Ärztin ist auf dem gleichen Stressniveau wie die andere, hat aber noch Platz).

Kurzes Fazit: Wäre Frau Linde in die Privatklinik, hätte sie irgendeine Bildgebung – wahrscheinlich ein teures MRI – bekommen, wäre nach Hause für ein paar Tage zum Abschwellen, dann operiert worden mit maximal einem Tag Spitalaufenthalt, weils so schön konsteneffektiv ist.

Stattdessen geht Frau Linde nun ins Krautundrübenspital, wo sie drei Stunden später (und nach einem CT) auf dem OP-Tisch liegt, und dann nach Hause kann, wenn sie sich sicher auf den Beinen fühlt.

Gute Entscheidung, Frau Linde.

Werbeanzeigen

2 Kommentare zu „Teurer ist nicht immer besser“

  1. Och. Die beiden Ski als Schienen links und rechts ans Knie – die decken auch das obere und untere folgende Gelenk mit ab, und schränken schön die Bewegungsfreiheit ein. Schick sehen sie dazu auch noch aus, bunter als jeder Plastik-Gips. Dazu die Skistöcke als Krücken, und ab dafür nach Hause. Blöd nur, wenns Leihski sind. Aber die übernimmt vielleicht die private Krankenversicherung…

    Wenn die Patientin aufs Turfen besteht, und die Tochter gar ne hübsche Putzmittelkammer in der Privatklinik freiräumt, warum nicht?
    *duck&cover*

    Liken

    1. Ja, sowas ähnliches hab ich auch gedacht. So arrogant, wie die das erwähnt hat mit der Tochter, hätte ich auf Empfangsdame, Putzpersonal oder Sekretärin getippt.

      Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s