Die hatte ich eh noch zuhause

Der Patient, ein Tourist aus Deutschland, ist bei mir in der Sprechstunde eingeschrieben mit dem Vermerk: „Grippe“.

Er beginnt zu erzählen: „Also seit gestern hab ich so Husten. Und Gliederschmerzen. Und dann, wenn ich ganz fest husten muss, tuts mir in der Brust weh“ – er fährt mit der Hand übers Brustbein – „und dann hatte ich gestern auch noch Fieber, ganz viel, 38.5! Dabei hab ich sonst nie Fieber!“

„Und läuft denn die nase auch? Und wie stehts mit Kopfschmerzen?“

„Nase geht noch so. Kopfschmerzen hab ich, wenn ich ganz fest husten muss. Also jedenfalls hab ich dann gestern mal noch ne Doxycyclin genommen.“

Doxycyclin ist ein Antibiotikum, das gegen ganz viele Arten von Bakterien wirkt, deshalb wird es auch „Breitbandantibiotikum“ genannt. Es ist so eine Art Rundumschlag. Und Rundumschläge mögen wir bei Antibiotika nicht so gern, man versucht, die Antibiotika möglichst genau auf den Erreger abzustimmen, wegen der Resistenzbildung und so.

„Ähm… Warum das denn?“

„Ja die hatte ich halt noch, und ich hab gedacht, das schadet ja nicht.“

Würd ich jetzt so nicht sagen. Gerade Antibiotika sind ja bekannt für ihre Nebenwirkungen. Und davon abgesehen, täten Mikrobiologen sowieso die Nase rümpfen, denn so entstehen ja die Resistenzen.

Wir machen kurz ein Blutbild, darin bestätigt sich mein Grippeverdacht. Ich rufe ihn nochmal ins Zimmer zur Besprechung. Ich frage ihn, was er denn so an Medikamenten möchte, und wir einigen uns auf einen Hustensirup, den Rest habe er schon zuhause. Bevor er geht, hat er noch eine Frage: „Und die Doxycyclin soll ich dann nicht mehr nehmen?“

„Würd ich nicht, nein. Die helfen ja nicht gegen die Grippe.“

Bitte. Bitte, bitte, bittebittebitte nehmt nicht einfach so verschreibungspflichtige Medikamente. Bei vielen gibt es durchaus einen Grund, warum man dafür ein Rezept braucht. Und Antibiotika zu nehmen, die man halt noch von irgendwann zuhause hat, ist eigentlich nie eine gute Idee. Bitte, bitte lasst das sein. Vielen Dank.

 

 

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11 Kommentare zu „Die hatte ich eh noch zuhause“

      1. Jap. Zum Beispiel sind Co-Amoxicillin häufig 12er Packungen, aber eine 5tägige Behandlung würde eigentlich ausreichen. Dann sagen wird in der Regel eben trotzdem, der Patient soll es 6 Tage nehmen, damit eben nix übrig bleibt.

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  1. Also ich – der Gedankenknick – habe ja neulich Schmerzen im Knie gehabt. War ganz dick und hat gepuckert, nachdem ich drauf gefallen war. Da habe ich dann ordentlich Colchi*zin genommen. Das hatte ich noch, als das Gelenk von meinem großen Zeh ganz schmerzhaft war, geschwollen und gepuckert wie blöde. Und viel hilft ja bekanntlich viel, also so einen richtig großen Schluck. Nun lade ich mal alle zu meiner Genesung des Knies ein, puckert gar nicht mehr. Dass mein Herz auch aufgehört hat zu puckern war ein blöder Nebeneffekt. Ach ja, die Feier findet am geschlossenen Sarg statt, weil mir auch die Haare ausgefallen sind kurz vor meiner Gesenung. Und die Haut ab. Aber alles Gute ist halt nie beisammen! *duck&cover*

    Satire? Leider Realsatire: http://www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/pharmazie/nachricht-detail-pharmazie/colchicin-toedliche-ueberdosierung-gicht-hyperurikaemie-purinreiche-ernaehrun/

    Btw: Doxy ist eines der Antibiotika, die ich auffällig gut vertrage. Meiner Beobachtung nach hatten die Tetracycline, und besonders Doxy, eine lange „Durststrecke“, nachdem Mitte der 90ger das Knochenwachstumsproblem bei Kindern thematisiert wurde, und als Anfang der 2000der Cipro (bei Harnwegsinfektionen und bestimmten Lungeninfektionen) patentfrei und damit viel billiger wurde. Mit verbesserter Diagnosemöglichkeiten der Borreliose hat Doxy eine kleine Renaissance erlebt. Aber wie gesagt, alles nur meine persönliche lokale Beobachtung…

    Zum Thema „noch Antibiotika übrig“: Da sagt die Verordnung „Roxithromycin 300mg 7St. N1 – 1×1“. Und die Kasse schreibt mit via Rabattvertrag die Abgabe einer Packung „10St. N1“ vor. Dann bleiben sinnvoller Weise 3 Tabletten übrig. Aber in D ist da vermutlich dann der Apotheker dran schuld! 😉

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      1. Böse ist es nicht, es ist menschlich. 😉 Aber leider ist die Geschichte aus dem Leben gegriffen. Ganz so schlimm habe ich sie zwar nicht erlebt – aber einen Patienten, der sich über die krassen Nebenwirkungen des von ihm recht freizügig eingesetzten Cholchi*zin wunderte, und auch darüber, warum ich ihm das nicht ohne Rezept gäbe. Es folgte ein halbstündiges Beratungsgespräch zum Thema Gicht…

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