Oh sh*t

Achtung eklige Details (Rückblende ins Krautundrübenspital).

Anruf von der Notfallpflege. Sie fasst sich kurz: „Ich brauch Hilfe mit einer Fingerverletzung. Jetzt.“ Dann hängt sie auf. Ein schlechtes Zeichen. Mein Kollege und ich – wir trinken grad gemütlich unseren Kaffee in der wunderschönen Sonne – machen uns zügig auf zum Notfall. Der Patient ist auf einer Liege, wirkt ein wenig blass ums Näschen. Sein Shirt und seine Hose sind blutbefleckt, seine linke Hand ist in ein Tuch eingebunden. Ich hole Handschuhe, und wir werfen einen Blick drauf.

Der Ringfinger ist geschält von der Fingerwurzel bis etwa in die Hälfte. Ein schlichter, schmaler Ehering steckt auf der bleichen Haut. Der Fingernagel hat eine gräuliche Farbe, die Fingerbeere ist gelblich. Als ich die Hand drehe, grinst mich eine hell weiss leuchtende, längliche Struktur an – die Sehne.

Oh, shit.

Wir setzen eine Betäubung und machen uns daran, den Ring zu entfernen. Es geht nur langsam voran, der Ring lässt sich nicht so einfach unterkriegen und die Säge ist ja auch nicht mehr das neuste Modell. Dank der Betäubung können wir aber ungestört arbeiten. Die Zeit drängt, der Finger ist nicht durchblutet. In dem Augenblick schätze ich es als realistisch ein, dass der 55jährige Mann seinen Finger verlieren wird. Mein Kollege kämpft mit der Ringsäge. Auf der Seite des Handrückens, auf medizinisch dorsal genannt, liegt er der Haut eng an, doch die Haut ist vom Finger abgelöst. Auf der Seite der Handfläche, palmar genannt, ist keine Haut unter dem Ring, er schrammt direkt über Sehnen und Fleisch. Die Praktikantin verlässt den Raum mit bleichem Gesicht. Ich halte den Finger, um es meinem Kollegen einfacher zu machen – der Finger knirscht leicht und hat zuviel Bewegung drin.

Oh shit oh shit oh shit. Sowas Ekliges hab ich schon lange nicht mehr gesehen. Oder gehalten. Oder überhaupt irgendwas.

Schliesslich können wir den Ring entfernen und ein Röntgen anfertigen – gebrochen ist er, das haben wir vom Knirschen und der Instabilität her aber shcon vermutet. Trotz gründlicher Reinigung ist das bild übersät mit kleinen Metallpoartikeln vom Sägen. Mein Kollege meldet den Patienten auf der Handchirurgie an, die Pflege alarmiert den Rettungsdienst, wir hängen schonmal  Antibiotika an auf Geheiss der Spezialisten. Der Patient selber siehts noch recht locker, er hat noch nicht ganz begriffen, wie eklig sein Finger aussieht. Er scherzt, wie böse seine Frau sein wird, weil wir den Ring zerschnitten haben – wir postulieren, dass sie wohl lieber den Finger als den Ring intakt haben wird.

Als ich dem Rettungsdienst die Übergabe mache, werfe ich noch einen Blick auf den Finger. Er ist schon wieder ein bisschen rosa. Ein sehr gutes Zeichen, und viel mehr, als wir uns erhofft hatten.

Leider, leider erfahren wir nicht, was danach aus dem Finger wurde. Die Kollegen von der Handchirurgie sahen es wohl nicht als nötig, uns einen Bericht zukommen zu lassen. Wirklich schade.

 

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5 Kommentare zu „Oh sh*t“

  1. Uh, sehr gruselig! Bis auf die Sehne, heilig’s Blechla. Interessant, aber deinen Job würde ich dann doch dankend ablehnen. Weißt du, wie es dazu kam?

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  2. Der Unfallmechanismus währe spannend.
    Ich hab auch schon nachgefragt nach Zuweisungen, aber leider oft den Satz „ohne Einverständnis des Patienten darf ich nichts rausgeben“. Danke. Hmmm..

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  3. Ja, das ist mehr als schade, wenn man nicht mitbekommt, wie es weiter ging. Häufig könnte man doch noch etwas daraus lernen für sich: zum Beispiel hier, ob ein Finger, der so aussieht doch noch gerettet werden kann. Ob es einen Unterschied machte, dass da noch Rückstände vom Sägen waren. Ob sich das vielleicht in Zukunft vermeiden lässt? Ich bin auch immer froh, wenn Patienten, die ich zum Arzt geschickt habe, zurückmelden: ob das richtig war. Was es effektiv gewesen ist. Wie es weiterging.

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    1. Ist doch eigentlich interessant. Den zuweisenden Ärzten schickt man einen Bericht. Personal vom Rettungswesen gibt man Auskunft, wenn sie nachfragen, kommt ja auch gelegentlich vor. Aber bei Apothekern denkt man da irgendwie garnicht dran.

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