Ein Wort zur Grippediskussion

…oder vielleicht auch eine ganze Menge Worte. Ganz schön genervt hat mich kürzlich ein Artikel auf dem Onlineportal einer Zeitung, der davon handelte, dass die Grippe nun am Kommen ist, und wieviele Kinder bei Kinderärzten, Hausarztnotfällen und im Spital derzeit behandelt werden. Also, eigentlich hat mich nicht der Artikel genervt, sondern die Kommentare dazu – der Konsens: „Eltern rennen wegen jedem Blödsinn zum Arzt“, „Wegen einer Grippe muss man doch nicht zum Arzt“, und natürlich „Das ist eine Verschwörung der Regierung/von BigPharma, um uns Angst zu machen, damit sie mehr Impfungen verkaufen können“. Das hier ist mein Senf dazu, weil ich mir mal kurz Luft machen musste.

Eltern rennen wegen jedem Blödsinn zum Arzt, und das belastet nur die Krankenkassenprämien von uns armen, armen anderen geschröpften Bürgern, die wir ja arbeiten für das Geld

Bei uns herrscht das Solidaritätsprinzip, und das ist auch richtig so. Ich wollt nicht mehr für Übergewichtige, Raucher, Extremsportler, und nun auch nicht mehr für Kinder bezahlen? Für unsere Zukunft? Für eure Altersvorsorge? Kinder können nun mal noch nicht selber Prämien bezahlen, und Eltern können nicht die vollen Kosten übernehmen. Dann hätte bald niemand mehr Kinder. Sich Kinder leisten zu können, ist heute sowieso nicht mehr für alle ganz einfach. Nein. Wir haben das Solidaritätsprinzip, und es garantiert, dass man auch mal leichtsinnig, sich Konsequenzen nicht bewusst, oder chronisch krank sein darf, und sich die medizinische Versorgung trotzdem leisten kann. Damit es uns allen, als einig Volk von Brüdern, gut geht.

Und dann, Eltern rennen wegen jedem Blödsinn zum Arzt. Aha. Sitzt ihr denn da im Wartezimmer und führt eine Strichliste? Entscheidet nun ihr, weswegen man zum Arzt darf und weswegen nicht? Natürlich gibt es Eltern, die zu oft oder wegen Kleinigkeiten zum Arzt gehen. Es gibt aber auch solche Erwachsene. Sowieso, dürfen Eltern nun keine Angst mehr haben? Nicht jeder kann in jeder Situation einen kühlen Kopf bewahren. Manche Menschen sind verunsichert und möchten einfach beruhigt werden. Vielleicht haben sie schonmal schlechte Erfahrungen gemacht, oder das Kind von der Cousine der Nachbarin ist an der Grippe gestorben, und was, wenn das meinem Kind nun auch passiert? Angst zu haben, ist okay. Sich unsicher zu fühlen, ist in Ordnung. Sich deswegen Hilfe zu holen, ist natürlich.

Wegen einer Grippe muss man doch nicht zum Arzt

Nochmal. Eltern sind manchmal unsicher, und das ist okay. Zudem, Grippe ist kein Spaziergang, und wer was anderes behauptet, hat noch nie wirklich eine gehabt. Wie wohl fühlt man sich denn, wenn das eigene Kind 40° Fieber hat, nur noch Hustet, kaum schläft – und die Eltern selbst natürlich auch nicht, denn wenn Junior wach ist, sind sie es auch. Aus Sorge. Aus Fürsorge. Und dann will man vielleicht ein Mittel haben zur Fiebersenkung, oder einen Nasenspray, oder man will sicher sein, dass es wirklich „nur“ die Grippe ist und man keine Antibiotika braucht.

Weiter brauchen auch Kinder ein Arztzeugnis, wenn sie länger von der Schule fernbleiben. Und vielleicht auch die Eltern, wenn beide Elternteile arbeitstätig sind, oder nur ein Elternteil vorhanden ist, damit auch sie der Arbeit fernbleiben und sich um ihr krankes Kind kümmern können.

Regierung/BigPharma blablabla

Ach, was soll ich dazu sagen. Dieses Thema wurde schon von so vielen vor mir behandelt, ist auf unzähligen Blogs zu lesen (zum Beispiel bei der Pharmama oder beim Kinderdoc).  Am Ehesten drücke ich es so aus: Wissenschaftler, Ärzte und Apotheker sind Menschen. Und auch wenn es gute und schlechte Menschen gibt, so sind doch, wenigstens meiner Meinung nach, die meisten Menschen grundsätzlich gut. Es – wir – sind keine seelenlosen, habgierigen Monster. Wir sind Menschen, mit Freunden und Familien, mit Schicksalen, Geschichten, mit Leben. Wir haben uns nicht alle zusammengetan, um euch krank zu machen, sondern wir wollen, dass ihr gesund werdet, genauso wie wir wollen, dass unsere Familienmitglieder gesund werden, wenn sie krank sind. Wir impfen uns selbst. In Krankenhäusern sind generell mehr Ärzte geimpft, als Pflegepersonal. Warum würden wir uns selbst impfen, wenn wir wissen, dass es uns krank macht? Warum würden wir unsere Kinder impfen (und das tun wir)?

Ich mag keine Verschwörungstheoretiker. Darum werde ich keine Kinderärztin. Ich will nicht diese Diskussionen führen. Ich will nicht die Kinder sehen, die sterben oder Schäden davon tragen, weil der Naturheiler und die Glaubuli beim Status Asthmaticus versagt haben.

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