Der Arzt, deine Klagemauer

„Ich hab ein Geschenk für dich“, grinst Alex, die jüngste der MPAs (Medizinische Praxisassistentinnen). „Die Frau Kloss. Sie ist 93.“

„Was hat sie denn?“, frage ich misstrauisch.

„Alles. Nichts. Keine Ahnung. Meist kommt sie einfach und wettert.“

Und so ist es dann auch. Frau Kloss wackelt mit kleinen Schrittchen ins Behandlungszimmer, und schon dabei hat sie allerlei auszusetzen, insbesondere daran, dass „der Doktor“ sie nicht sehen will. Besonders begeistert ist sie nicht, dass sie mit mir Vorlieb nehmen muss. Sie beginnt mir ihre Krankengeschichte zu erzählen, wirr durcheinander. Zum Glück habe ich vorher schon ihre Berichte durchgelesen und kann alles einigermassen einordnen. Ihre Hauptklagepunkte: Ihr linkes Knie, ihre Verdauung, ihr Blutdruck, ihr Ehemann. Medikamente bezeichnet sie prinzipiell als „Gift“. Ich lasse sie reden, messe den Blutdruck, und am Ende spreche ich ihr Empfehlungen aus. Die eine ist, dass sie ihr Blutdruckmedikament vielleicht weiter nehmen soll, weil ihr Druck jetzt doch auf 190/110 ist. Dann, dass sie den Termin beim Rheumatologen nicht absagen soll, denn, nur weil ihre Freundin auch bei dem war und Kortisontabletten bekommen hat, kann ich ihr nicht einfach auch diese Tabletten geben. Und schliesslich, dass der schnelle Puls wahrscheinlich nicht vom Paracetamol kommt, das sie gestern genommen hat, auch wenn „Kreislaufprobleme“ als unerwünschte Nebenwirkung in der Packungsbeilage steht. Beim Ehemann kann ich ihr leider nicht weiterhelfen.

Das Ganze geht etwa 20-30 Minuten. Danach brauche ich erstmal Schokolade und einen Kaffee, das hat mir wahnsinnig viel Kraft geraubt. Die Patientin ist so mässig zufrieden, aber Alex versichert mir, das sei normal. Und mein Chef ist zufrieden, weil er sie dieses eine Mal nicht sehen musste.

In dieser Patientin liegt eine wertvolle Lektion für manchen jungen Assistenzarzt wie mich. Manche Menschen kommen nur oder hauptsächlich zum Arzt, um zu meckern, und die Therapie dafür ist das Zuhören, so aktiv wie möglich. Man darf sowas nicht persönlich nehmen, wir alle haben schlechte Tage, oder Wochen, oder vielleicht sogar Monate oder Jahre. Geduld und „nicken und lächeln“ sind gefragt. Danach darf man sich gerne belohnen. Ich zum Beispiel belohne mich am liebsten mit Schokoriegeln und/oder Kaffee, natürlich gibts aber auch figurfreundlichere und gesündere Varianten.

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6 Kommentare zu „Der Arzt, deine Klagemauer“

  1. Und danach kommt sie dann zu uns in die Apotheke und macht grade so weiter….erstaunlich wie schnell manchmal die Kolleginnen mit etwas gaaaanz Wichtigem im Keller verschwinden, wenn bestimmte Kunden rein kommen. 😊 Eine von meinen Kolleginnen sagt schon gleich, wenn Frau XY kommt, dann übernimm du bitte. Ich ertrage die heute nicht, auch wenn sie mich unbedingt sprechen will.

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  2. Und die zweite Lektion, die man spätestens bei solchen Patienten lernen sollte: Die Probleme der Patienten sind nicht nur nicht die eigenen Probleme, sondern man kann auch nicht alle Probleme lösen. Und da muss man sich auch sehr bewusst machen bei welchen Problemen man „zuständig“ ist…

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  3. Manch möchten auch gar nicht, daß Du ihre Probleme löst, dann brauchen sie nämlich neue. Und die müssen erst wieder stubenrein werden, an der Leine laufen lernen, wollen ein anderes Katzenfutter ….. Geht gar nicht!

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