‚tis but a scratch

Morgens, halb Neun. Ein junger Mann betritt die Praxis, Blutflecken auf der Arbeitskleidung. Die Praxisassistentin bringt ihn zu mir.

Auf die Frage, was denn geschehen sei, murmelt er etwas von kaputten Scheiben, Glasscherben und Kratzer. Dann zieht er sein Tshirt aus: An der rechten Flanke ist mit Maler-Klebeband feinsäuberlich ein Taschentuch befestigt. Darunter kommt eine ausgefranste Wunde von ca 3cm zum Vorschein, welche ganz leicht blutet, nicht tief, dafür breit, sicher 1cm. Eigentlich juckt es mich in den Fingern, die Wunde zu nähen – die Wundränder so nache wie möglich zusammenzubringen, gibt garantiert einfach eine schönere Narbe. Davon will der junge Mann allerdings garnichts wissen. „Einfach kurz was kleben, ich muss wieder weg.“

Klar, das kann ich – auch wenn ich es etwas schade finde. Da könnte man doch ästhetisch noch etwas rausholen. Aber das ist halt die typische Mentalität hier. Wer schert sich um Schönheit, nein, funktionieren muss man können!

Ich mache eine Fettgaze darauf, welche die Wundheilung unterstützt, und erkläre ihm, wie und wie oft er das Pflaster in nächster Zeit wechseln soll. Nun muss ich aber doch noch was wissen.

Ich: „Können Sie mir nicht doch nochmal erklären, wie das passiert ist? Ich kann mir da irgendwie noch kein Bild machen.“

Er: „Ja, moment, ich hab ein Foto, das ist einfacher.“

Er zückt sein Handy und präsentiert mir ein Bild von einem schneebedeckten Abhang. Ganz unten liegt ein Auto auf dem Dach, wie eine Schildkröte auf dem Rücken, die Räder in die Luft gestreckt. Ich hebe die Augenbrauen. „Glück  gehabt.“

Er grinst: „Ja, hab gleich rausklettern können, aber die Scheiben sind halt alle kaputt, da hab ich mich geschnitten.“

Ich seufze innerlich, frage nach Kopfschmerzen, Übelkeit, Sehstörungen, Atemnot und was ich sonst noch wissen muss. Ihm gehts gut. Ich schärfe ihm ein, sich sofort zu melden, wenn sich etwas ändert. Er lacht, nickt und verabschiedet sich. Er will zurück an der Unfallstelle sein, bevor die Polizei dort ist, um Auskunft geben zu können.

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4 Kommentare zu „‚tis but a scratch“

  1. Ja wir Landleute eben 😉
    Meine Großmutter ist da auch so. Erst wird sie auf ihrem Moped mit einem Auto gerammt, radiert mit dem Gesicht über den Asphalt weil ihr Visier hochgerissen wird. Macht dann gleich drauf den Typen der sie niedergefahren hat zur Sau und zwingt ihn ihr Moped wieder aufzustellen.. und nach den Sanitätern steht sie daheim in der Küche und macht mit großflächigen Abschürfungen seelenruhig… Pfannkuchen.

    Gefällt 2 Personen

      1. Ja aber wie! Ich bin am Tele aus allen Wolken gefallen als sie mir das brühwarm erzählt hat. Kann mich noch gut erinnern:
        „Was??? Und wo bist du? Bist du jetzt im Krankenhaus?“
        „Ich bin daheim und hab dem Vater grad Pfannkuchen gemacht“ 😀 Ich liebe sie einfach.

        Gefällt 1 Person

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