Die Hausarztpraxis: Erster Eindruck

Eigentlich konnte ich mir das ja garnicht wirklich vorstellen. Ich fand es auch eigentlich keine gute Idee, mich in einer Hausarztpraxis zu platzieren. Ich sehe mich nicht als geeignet für den Beruf, und konnte mir auch nie vorstellen, Freude daran zu haben, und entsprechend war es auch nicht meine Idee. Aber der Hausarzt hat mich angefragt, und hat auf alle meine Bedenken eine gute Antwort gehabt – und mich schliesslich überredet. Und hier bin ich nun.

Ich halte Sprechstunde, ergänzend zum Hausarzt. Er und seine Praxisassistentinnen entscheiden, welche Patienten ich übernehme. Hauptsächlich sind es Notfälle, Touristen, aber auch Grippepatienten. Eigentlich sind es hauptsächlich Grippepatienten. Oder anders ausgedrückt: Ich führe die Grippesprechstunde.

Die Praxis liegt in einem wunderschönen kleinen Bergdorf, welches im Winter die Population mal kurz verdreifacht durch die Anzahl Wintertouristen. Diese kommen gerne auch direkt von der Skipiste zu uns, oder werden uns von den Hotels zugewiesen. Der Rest sind einheimische Patienten, der Chef ist mit den meisten per du. Er arbeitet hier schon lange, jeder kennt ihn. Der typische Landarzt.

Entsprechend viel wird auch von ihm verlangt. Zur Hauptsaison arbeitet er jedes zweite Wochenende und hütet 2-3mal pro Woche abends und nachts das Notfalltelefon. Er besucht Patienten im Altersheim, macht gelegentlich Hausbesuche. Als First Responder wird er bei grösseren externen Einsätzen, zum Beispiel Reanimationen, angefragt.

Das nächste Spital, mein Krautundrübenspital, ist etwa eine halbe Stunde entfernt, die nächsten Spezialisten gut eine Stunde. Entsprechend ist er sehr gut ausgerüstet, es gibt allerlei „Spielzeug“: Röntgen, Ultraschall, Spaltlampe, Ohrmikroskop, Hautlaser, um nur einige zu nennen. Das Spektrum ist nicht breit, sondern alles. Vom Säugling bis zum palliativen Patienten. Alle möglichen und unmöglichen Organe. Ausgerenkte Schultern und Finger. Walk-In Herzinfarkte und Hirnschläge. Die Aufzählung ginge endlos weiter. Entsprechend spannend und (über-)fordernd ist es für mich. So viele Dinge, die ich noch nie gemacht oder gesehen habe, die ich im Spital einfach weitergeschickt habe. Und dazu kommen noch tausend kleine Unterschiede im Vorgehen. Im Spital haben wir fast alles geröntgt. Hier wird sorgfältiger selektiert. Laboruntersuchungen fallen knapper aus, keine Rundumschläge, sondern gezielt und wohlüberlegt.

Der grösste Unterschied, und für mich onch das Schwierigste, ich das „einfach nichts tun“. Schon Samuel Shem hat in „House of God“, einem fantastischen Satirewerk über das Gesundheitswesen und die Medizin, die Regel aufgestellt: Do as much nothing as possible. In der Hausarztpraxis wird dies gelebt. Warum etwas mitgeben, wenn es nicht nötig ist, warum gleich sofort alles raushauen? Geduld ist gefragt. Man darf auch mal krank sein, zuhause bleiben, Essigsocken anziehen, Tee trinken und Salzwasser inhalieren.Ruhe bewahren. Krankheit bedeutet nicht immer gleich Blutentnahmen, Medikamente, Drama. Nein. Zurücklehnen, entspannen, schauen ob es von allein vorbeigeht, denn das tut es ja meist. Das ist schwierig. Gerade im Spital haben Patienten eine andere Anspruchshaltung, sie wollen „geholfen werden“. Sie wollen Ergebnisse vom fremden Doktor, wollen Lösungen. Der Hausarzt ist in einer entspannteren Situation, scheint mir. Die allermeisten Patienten akzeptieren „abwarten und Tee trinken“ gut, solange man es ihnen gut erklärt, begründet und ihnen anbietet, jederzeit wieder vorbeizuschauen, wenn etwas nicht bessert. Der Hausarzt ist näher, geographisch und psychisch, als der Spitalarzt in seiner grossen, sauberen, grusligen Klinik.

Alles in allem gefällt es mir bisher gut, und die ersten Geschichten sind schon niedergeschrieben. Frisches Futter ist an Lager, sozusagen 🙂

Das wird eine interessante Zeit.

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8 Kommentare zu „Die Hausarztpraxis: Erster Eindruck“

  1. Zum Thema „Einfach nichts tun“ muss man aber dazu sagen, dass das vermutlich nur gut funktioniert, wenn man sich wie im Fall deines Hausarzts über Jahre ein Vertrauensverhältnis zu den Patienten aufgebaut hat. Zumindest bei uns in der Großstadt gibt es einer größere Gruppe Patienten, die nur glücklich sind, wenn sie mindestens mit einem Privatrezept die Praxis verlassen – sonst wird direkt der nächste Arzt aufgesucht: „Morgen hab ich ganz wichtige Termine und muss wieder fit sein“ und so 😉 Eigentlich müssten eure Urlauber doch mindestens genauso ungeduldig sein – der Skipass ist ja schließlich meist auch schon für die ganze Woche bezahlt…

    Mir hat ein Hausarzt dazu mal diesen schönen, selbstironischen Witz erzählt:

    Mitten in der Nacht klingelt beim Wasserinstallateur das Privattelefon und die Ehefrau des Hausarzts ist dran: „Bitte kommen sie schnell, wir haben einen Wasserrohrbruch im Keller und brauchen dringend ihre Hilfe!“.
    Missmutig setzt sich der Installateur also in seinen Firmentransporter und fährt zum Wohnhaus des Arztes. Dort angekommen wird er auch gleich von der Ehefrau in den Keller geführt, wo der Arzt im Bademantel knöcheltief im Wasser steht und verzweifelt versucht, ein geborstenes Rohr notdürftig abzudichten. Der Installateur guckt sich den Schaden kurz an, kramt aus seiner Tasche eine Handvoll Dichtungsringe hervor und wirft sie dem Hausarzt vor die Füße: „Wenn es in drei Tagen noch nicht besser ist, rufen sie nochmal an!“

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    1. Einverstanden, viele haben eine gewisse Erwartungshaltung. Mit den Touristen habe ich bisher aber eigentlich gute Erfahrungen gemacht. Wenn man sie krankschreibt, bekommen sie die Ferientage zurück, und das ist doch immerhin ein Trost 🙂

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  2. Hey, schön das der erste Eindruck doch recht passt.
    Auch ich freue mich schon auf spannende Einblicke von dir.

    Thema Zuwarten: Wird wie oben schon geschrieben zunehmend schlechter vertragen vom Patienten, der unter gesellschaftlichem Selbstoptimierungszwang steht und ein „nicht perfektes Performen“ von sich selbst nicht aushalten kann.
    Wo wir doch alle in der Werbung die ganzen jungen, schönen, reichen, erfolgreichen Leute sehen die ganz viel Freizeit haben.

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