Gastbeitrag Psychiatriepflege: Just listen to the nurse

Mit viel Überredungskunst konnte ich eine Psychiatriepflegekraft dazu bewegen, einen Gastbeitrag für mein Blog zu schreiben. Falls euch ihre Geschichte gefällt, bringt das doch irgendwie zum Ausdruck, damit sie das in Zukunft wiedermal macht ;o)

Als Pflegefachperson hat man ab und an die Chance, eine/n Patienten/-in mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus zu begleiten.

Auch mir wurde diese Ehre zuteil, im Wissen von Überstunden und unerwarteten Ereignissen. Doch hey- im Krankenwagen fahren wollen wir doch alle einmal.

Eine Bewohnerin unserer Abteilung (nennen wir sie mal Frau M.) hatte sich bei einem Sturz eine Platzwunde am Kopf zugezogen. Sie ist schwerst dement, kann sich nicht mehr klar artikulieren, geschweige denn Sätze verstehen, die man ihr sagt.

Im Krankenhaus angekommen wird sie ins CT gebracht, eine Pflegefachperson meint freundlich, ich dürfe sonst auch raus gehen und etwas trinken. Ich weise sie noch kurz darauf hin, dass Frau M. SCHWERST dement ist und sie nicht alleine gelassen werden sollte.

Nach 15 Minuten komme ich zurück und treffe meine Bewohnerin ALLEIN in einem Zimmer an. (Die Bettgitter sind ja oben. Was kann schon passieren.) Ich konnte das Zimmer ohne Probleme alleine finden, da ich sie schon von weitem hören konnte (She was not amused.).

Nachdem ich sie beruhigt habe kommt eine Assistenzärztin hinzu. Sie stellt sich vor und fragt Frau M. wie denn das passiert sei.
Ich erkläre ihr, was passiert ist und dass sie DEMENT ist.

„Ach so. Okay.. ja Frau M. wo haben Sie denn Schmerzen?“

Ich verdrehe innerlich die Augen.

Frau M. antwortet pflichtbewusst mit „ja schönschönschönschönschön.“

Kurzes Schweigen seitens der Ärztin.

„Frau M. ZEIGEN sie mir doch einmal wo sie Schmerzen haben.“

Ich verdrehe nun offensichtlich die Augen. Aber ich finde, mach was du willst. Die Assistenzärztin wiederholt noch einmal die Frage, bereits ein wenig ungeduldig. Frau M. schaut fragend zurück, mustert lange ihren Körper und präsentiert der langsam verzweifelnden Assistenzärztin ihren Zeigefinder, an welchem noch das Pflaster von der morgendlichen Blutzuckermessung vorhanden ist.

Sie plaudert dabei vor sich hin und wirkt langsam etwas gereizt.

Nach ca. einer halben Stunde mit weiteren Anleitungen der Ärztin („Frau M., schauen Sie doch bitte mal nach links. Nach liiinks. Also, aus dem Fenster.. nach liiiiiiiinks Frau M.“), habe ich dann doch Mitleid mit ihr und meine Geduld neigt sich auch langsam dem Ende zu.

Also sage ich in ruhigem Ton: „Wie ich bereits erwähnt habe, ist Frau M. stark dement und wie sie sicherlich bemerkt haben, ist sie auch nicht mehr in der Lage adäquate Informationen zu geben. Aber ich kann Ihnen gern selbst Auskunft geben, falls Sie etwas wissen wollen. Für das bin ich ja extra mitgekommen.“

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9 Kommentare zu „Gastbeitrag Psychiatriepflege: Just listen to the nurse“

  1. Wie Yayriel schon sagte – zuhörenm wird einfach überbewertet… (Und hier fasse ich mir mal lieber gleich prophylaktisch selbst an die Nase.)

    Aber gute Ärzte wissen, dass sie ihrem Pflegepersonal ruhig zuhören sollten. „Altgediente“ Fachpflegepersonal ist manchmal mit der Diagnose schneller als bildgebende und Labordiagnostik. Weise ist, wer nicht daran vorbeihört… 😉

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    1. Vor allem fallen gerade erfahrenem Pflegepersonal Fehler oder Unstimmigkeiten auf, oder wenn etwas nicht so ist, wie sonst immer. Ohne Pflege wäre ich aufgeschmissen.

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  2. Umgekehrt ist es lustig, wenn dir demente Oma OHNE Pflege nach dem Sturz bei uns landet. „Haben Sie Schmerzen?“ kann da schon mal in ner verpassten Schenkelhalsfraktur enden. Kein Witz, aber Frau S gab Null Schmerzen an, als wir 3 Mal die Hüfte untersuchten. Oder sie aufsitzen liessen. 3 Tage später war sie mal so klar, dass sie dies äusserte.
    Umgekehrt muss ich aber auch sagen, es gibt Pflege die einiges bagatellisieren (gerade erfahrenere Kräfte). Und dann ist die Diskussion gross, warum man den kardio-instabilen Patienten öfters monitorisieren will oder warum man nun doch nochmals ne Blutabnahme will. Oder wie schon von Anfang an gesagt die Leitung.. Da sind die Kämpfe zwischen jungen Assistenzärzten und der allwissenden Krankenschwester vorprogrammiert.. 95% sind aber wirklich mehr als nur hilfreich 🙂

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  3. Danke für diesen interessanten und mich doch etwas erschütternden Beitrag.
    Oh – solche Verhaltensweisen der Fach-Personen deuten auf mangelndes Fachwissen in mehreren Disziplinen hin :
    – Informationstransfer im Spital mangelhaft – die Patientin war doch
    angemeldet und ihr Zustand also bekannt
    – Zuhören können und die Informationen richtig verarbeiten – Defizite
    bei der Spital-Fachfrau und der Assistenzärztin
    – Als Assistenzärztin sollte man an der Uni doch einiges über
    Demenz mitbekommen haben – im geschilderten Beispiel ists
    eher nicht der Fall
    „lessons to learn“ :
    Haben die mit Defiziten behafteten Personen
    wirklich etwas daraus gelernt, oder wurde das Erlebte einfach „abgehakt“ ?
    Wurde der Vorfall im (eventuell…) vorhandenen Qualitätssicherungsprogramm des Spitals registriert und sind daraus Massnahmen abgeleitet worden ?

    Auf weitere ähnliche Erlebnisse bin ich ja gespannt.

    Mit hoffnungsvollen Grüssen an die Fachleute –
    HF_Weltweit

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  4. Nicht nur zuhören, auch vertrauen / glauben. Mir ging das so die Tage in meiner Frauenarztpraxis. Die MFA kannte ich nicht, sie sollte mir Blut abnehmen. Ich habe sie darauf hingewiesen, dass rechts nicht geht, wegen Lymphödem, links in der Armbeuge ist alles vernarbt von der Chemo, an der Innenseite des Arms gibt es eine Vene, die rollt aber gerne weg, geht also nur der Handrücken. Sie großspurig „ich bin bekannt dafür, dass ich etwas finde, wo die Kolleginnen nichts finden“. Also im Nebel (etwas oberhalb der Armbeuge) gestochert und nichts gefunden. Blieb der Handrücken. Nach der Blutentnahme kam dann: „das nächste Mal nehme ich gleich den Handrücken“. Für was erzähle ich denn, wo es geht und wo nicht? Ich mache das „Spiel“ seit 17 Jahren mit.

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  5. Danke für den Beitrag!
    Ich erkenne den Alltag aus der Sicht einer Begleitperson von Menschen mit Behinderungen 1:1 wieder.

    Vor 2 Jahren bekamen wir einen 29 jährigen ohne Abschlussgespräch aus der stationären Behandlung unserer lokalen Uniklinik wieder. Die Diagnose Sarkom erfuhr ich, weil ich den Arztbrief las. Die Prognose verheerend. 4 Wochen später starb er.

    Das ist Alltag für uns, weil wir nicht ernst genommen werden. Und der Mensch mit Behinderung schon gar nicht. Manchmal habe ich den Eindruck, dass der Grund dafür ist, dass das ja „nicht lohnt“.

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