Hart im Nehmen

Dass die Menschen hier oben manchmal ziemlich hart im Nehmen sind, das weiss ich schon lange, und ist mit ein Grund, warum ich im Krautundrübenspital arbeite. Hier tauchen Probleme auf, die man in städtischen Gebieten kaum bis nie sieht, einfach nur, weil sich die Einheimischen Anderes gewohnt sind. Wenn man auf der Alp ist, kann man halt nicht einfach mal kurz ins Tal zum Hausarzt, und man kämpft sich durch, bis es halt wirklich nicht mehr geht.

Oft färbt das auf die Kinder ab. Die gehen nicht selten mit auf die Alp, um zu helfen. Dafür bekommen sie länger Sommerferien. So auch Niklas, 12jährig. Seine Mutter bringt ihn vorbei, den Arm in einer Schlinge und in einem wunderschön fachmännisch angelegten Verband, der nach einer Kräutersalbe riecht. „Ich glaub, er hat sich den Arm gebrochen.“, meint sie.

„Wie ist denn das passiert?“, frage ich Niklas. Der zuckt mit den Schultern. „Ich hab mit den Ziegen gespielt. Wir sind auf den Steinen gehüpft, und ich bin gestolpert.“

Vorsichtig packe ich den Arm aus. Die Fehlstellung im Handgelenk sieht man schon von weitem, die Schwellung ist auch schon ziemlich ausgeprägt.

„Joah, sieht schon gebrochen aus“, meine ich, „aber wir schauen erstmal im Röntgen.“ Ich untersuche den Rest des Arms und überprüfe Durchblutung, Gefühl und Bewegung der Hand und der Finger.

„Eigentlich wollte ich ja den Heli kommen lassen“, erzählt die Mutter. „Er hatte solche Schmerzen. Ich hab ihm gleich vom Ibuprofensirup gegeben, aber das hat nicht so viel gebracht. Und wir mussten ja gut eine Stunde ins Tal laufen.“

„Du bist damit eine Stunde gelaufen?“

Nicklas zuckt wieder mit den Schultern. „Hat schon ziemlich weh getan. Aber zum Laufen brauch ich ja die Hand nicht, hat Oma gesagt.“

„Oma ist im Samariterverein“, ergänzt die Mutter. „Sie hat den Verband und die Schlinge angelegt und mich überzeugt, dass es schon gehe. Unterwegs habe ich Niklas nochmal vom Sirup gegeben, weil er solche Schmerzen hatte, aber wir sind ja gut angekommen.“

Niklas ist ein bisschen bleich, und die Schmerzen sieht man ihm an. Die Notfallpflege hat ihm gerade ein Schmerzmittel über die Vene verabreicht, das geht schon noch einen Moment, bis das wirkt. Aber er hält sich tapfer, auch im Röntgen, das dann die Diagnose bestätigt. Niklas wird etwa eine Dreiviertelstunde später operiert, bleibt über Nacht und darf am nächsten Tag nach Hause. Bevor er geht, erkläre ich der Mutter noch den Umgang mit der Schiene, die ihr Sohn erhalten hat, und die Schmerzmittel, die ich aufgeschrieben habe, damit sie sicher zurecht kommen die nächsten Tage.

„Vielen Dank Frau Doktor, das wird schon klappen.“, lächelt sie müde. „Sein grosser Bruder hat sich erst vor einem Monat den Arm gebrochen, wir sind langsam routiniert.“

 

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