Traktorunfall(Teil 1)

Ich werde auf den Notfall gerufen. In der Koje herrscht Hektik – zwei Retttungssanitäter wuseln rum, die Notfallpflege richtet Material, die Röntgenassistentin steht im Türrahmen, eine Studentin verdrückt sich in einer Ecke. Einatmen. Ausatmen. Los.

Ein junger Mann liegt mit weit aufgerissenen Augen auf der Liege. Sein Gesicht ist blutüberströmt. Er atmet schnell. Sein Blick rast vom Rettungssani, der ihm gerade eine Leitung legt, zur Pflege, zu mir, zurück zum pieksenden Sani.

„Ist vom Traktor gefallen.“, informiert mich die Pflege.

„Wie ist er hergekommnen?“

„Sein Onkel hat ihn abgeliefert. Ist aber gleich wieder gegangen, muss den Traktor bergen.“

Ich ziehe Handschuhe an, stelle mich neben den jungen Mann und lege ihm eine Hand auf die Schulter. „Wie ist dein Name?“

„Lias.“, murmelt er.

„Okay, Lias. Weisst du, was passiert ist?“

Er nickt langsam, aber entschieden. „Traktor ist umgefallen. Bin runtergesprungen.“

„Tut dir was weh?“

Er nickt und fasst sich vorsichtig ans Kinn.

„Okay. Ich werde dich jetzt untersuchen, und du sagst mit, wenn etwas weh tut.“

Ich taste ihn von oben bis unten ab. Ausser dem Kinn tut ihm nichts weh und er blutet auch nirgends sonst, ein gutes Zeichen. Wenig frisches Blut rinnt aus seinem Mundwinkel. Seine Augen sind immernoch weit aufgerissen. Ich bin nicht ganz sicher, wieviel er tatsächlich mitbekommt von dem, was um ihn herum geschieht.

„Kannst du mal den Mund öffnen?“

Nun ist klar, wo das Blut herkommt. Die Zähne im Unterkiefer auf der linken Seite sind um gut 1cm verschoben – ein Kieferbruch.

„Dein Kiefer ist gebrochen, Lias. Das muss operiert werden. Ich werde mit dem Spezialisten telefonieren, okay?“

Unterdessen haben wir die gesamten Personalien von Lias. Er ist 22, älter, als ich ihn geschätzt hätte. Ist aber auch schwierig, wenn man nur einen Teil des Gesichts sieht.

Es folgt ein kurzes Gespräch mit dem Dienstarzt der Kieferchirurgie der Uniklinik. Der sagt, er habe gerade ziemlich zu tun, und ich solle doch noch kurz ein CT fahren, bevor ich den Patienten schicke. Normalerweise machen sie das lieber selbst, heute sparen wir so Zeit. Der Mediziner hält noch kurz den Ultraschall auf den Bauch. Blut wird abgenommen. Lias ist mittendrin und komplett abwesend.

Als alle Ergebnisse da sind, steht fest: Ausser dem Kiefer ist alles heil. Gute Nachrichten. Ich organisiere die Verlegung.

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