Nagel-Naht

Jonas, 5jährig, wird von der Kindergärtnerin auf den Notfall gebracht. Seine Spielkameradin hat ihm ein Spielzeugauto aus Holz auf die Hand geknallt, der Finger blutet. Die Kindergärtnerin ist ganz aufgelöst, die anwesende Mama ist entspannter. Jonas weint ein bisschen, lässt mich den Finger aber untersuchen.

Die Wunde ist klein, aber direkt hinter dem Nagel, und unter dem Nagel hat’s Blut. Irgendwas schaut daran komisch aus, ich kann aber nicht genau sagen, was. Deshalb rufe ich meinen Chef dazu, der eine Nagelluxation diagnostiziert – der Nagel ist nicht mehr schön versorgt, sondern über die Haut angehoben. Der muss wieder unter die Haut gesteckt und dann noch festgenäht werden.

Mein Chef übernimmt die Behandlung gleich selbst. Er setzt die Spritzen zur Betäubung des Fingers unten beim Knöchel – ein sogenannter Oberst-Block. Die setze ich öfters, und von den Reaktionen der Patienten her nehme ich an, dass es ziemlich weh tut. Jonas weint, zieht aber den Finger nicht zurück. Die Pflege macht schonmal das Lachgas bereit für die Wundversorgung. Der Chirurg desinfiziert den Finger nochmal und überprüft, ob Jonas noch Schmerzen hat.

Jonas ist misstrauisch, aber entspannt sich, als er merkt, dass es nicht mehr weh tut. Jetzt ist sein Interesse geweckt. „Was machst du jetzt?“ will er vom Chirurgen wissen.

„Ich nähe den Nagel an. SIehst du? Ich steche hier auf der Seite durch.“

Hinter meinem Mundschutz verziehe ich das Gesicht. Dieses Nagelzeugs, das mag ich nicht. Durchs Nagelbett stechen hasse ich am meisten – das tut mir schon beim Zuschauen weh. Jonas sieht das anders. „Und was machst du jetzt?“

„Jetzt nähe ich die andere Seite auch noch an.“ Er schneidet den Faden ab. „Jetzt gibts noch einen Verband.“

Jonas bleibt ruhig liegen, bis wir fertig sind. Das Lachgas hat die Pflege längst wieder verstaut, es war diesmal nicht nötig.

Ich bleibe beeindruckt zurück. Ich hatte schon 20jährige, die schlimmer getan haben bei derselben Verletzung. Der Kleine ist zäh und supersüss. Dafür darf er sich aus der Überraschungskiste ein Spielzeug aussuchen. Er wählt einen kleinen Plüschbären und geht.

Ich freue mich schon darauf, wenn er kommt, um die Fäden zu ziehen.

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8 Kommentare zu „Nagel-Naht“

  1. Ich finds immer wieder faszinierend, wie „cool“ Kinder bei solchen Sachen bleiben können – sofern die Begleitperson relativ entspannt bleibt und nicht panisch reagiert.
    Mein Armbruch als 6jährige war zwar schmerzhaft und ich habe auch geweint. Aber nur weil die Nachbarin so entsetzt war und die ganze Zeit rief „OgottOgottOgottOgott, ich glaub, der Arm ist gebrochen“, als sie mich im Laufschritt mit Stöckelschuhen über die Kiesstraße nach Hause getragen hat, dachte ich: Scheiße, das muss ganzganzganz schlimm sein und habe angefangen das halbe Dorf zusammenzubrüllen *g*
    Es hat meine Eltern (Arzt und Krankenschwester) einiges an Zeit gekostet, bis ich nicht mehr hysterisch war und mir mein Vater so eine aufblasbare „Schiene“ (die 80ger waren so grad eben angebrochen *g*) für den Transport ins Krankenhaus anlegen konnte.

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  2. Uahh, das mit dem Nagelbett klingt aber echt schlimm. Da könnte ich nicht zusehen, auch wenn ich sonst bei meinen Verletzungen entspannt bin (bin ja schon groß).
    Hut ab vor dem kleinen Patienten. Wie Zora schon anmerkte, es macht bei Kindern soooo viel aus ob die anwesenden Erwachsenen ruhig oder panisch reagieren.

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    1. Dieses Nagelzeug ist so ziemlich das Einzige, womit ich anfangs grosse Mühe hatte. Davor wurde mir regelmässig fast schlecht, und es brauchte extrem viel Überwindung, ins Nagelbett reinzustechen, auch wenn ich wusste, dass die Betäubung sitzt. Mittlerweile bin ich da ein bisschen abgebrühter, aber die ersten Monate hat mir das richtig viel Mühe bereitet.

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      1. Das kann ich mir gut vorstellen. Schon komisch, dass manche Sachen uns einfach mehr zusetzen als andere.
        Aber ich glaub, wer sich schonmal versehentlich irgendwas unter (oder in, wuahh) den Nagel gehauen hat, leidet da viel zu sehr mit, weil man weiß wie weh es tun kann.

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  3. Nagelzeug und alles was mit Augen zu tun hat sind so gar nicht mein Ding. Hilfe 🙈 Aber ja die Kleinen sind schon geil wenn sie neugierig sind 😀 Ich hatte neulich mal eine die mir nicht glauben wollte das der Gips dann auch wirklich fest wird und bevor ich den machen durfte musste ich ihr erstmal so etwas Gips in Wasser tauchen und reichen damit sie gucken konnte ob das dann auch wirklich hält 😂 Voll süß solche Kleinen!

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  4. Erstmal: Schönes Blog, habe mich von der Pharmama hierhin verirrt und werde wohl wiederkommen.
    Ich denke wie Zora, dass die Anwesenheit und Entspanntheit der Mama sehr viel zu seiner eigenen Entspanntheit beiträgt. Vielleicht hat er auch in verschiedenen Situationen gelernt, dass Unbekanntes nicht zwingend schlimm ist sondern auch mal interessant und dass er keine Extraportion Aufmerksamkeit bekommt wenn er unnötig Rabatz macht.
    Tut es weh? Nein, Check!
    Mama da? Ja, Check!
    Mama entspannt? Ja, Check!
    Unbekannte Menschen freundlich? Ja, Check!
    Unbekannte Menschen erklären mir was los ist? Ja Check!
    => Entspannungsmodus an

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    1. Vielen Dank und herzlich Willkommen! Ja, mir scheint auch, dass die Mama da sehr viel beigetragen hat, indem sie ruhig und entspannt blieb. Was von ihr aber wahrscheinlich auch viel verlangt, denn wer nimmts schon locker, wenn sein Sprössling verletzt ist?

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