DU wirst besser.

Es ist 22 Uhr, und du bist noch immer auf der Arbeit, obwohl du schon um 7 Uhr angefangen hast. Zum wievielten Mal wohl? Keine Ahnung. Aufschreiben darfst du die Überstunden ja sowieso nicht, also zählt auch keiner mit. Du musst noch diese Berichte fertigschreiben, diese Diagnoselisten aktualisieren, und die Austritte von Patienten morgen vorbereiten. Deine Freundin ist sauer, weil du schon wieder nicht zum Abendessen da warst, und du weisst, dass es Streit geben wird, wenn du nach Hause kommst.

Eigentlich wärt ihr zu zweit auf der Station, aber der neue Assistenzarzt muss erst noch eingearbeitet werden. Die Pflege hat keine Geduld für den neuen Kollegen, weshalb sie sich bei Fragen immer direkt an dich wenden. Du weisst kaum mehr, wo dir der Kopf steht. Dein Telefon klingelt alle 2 Minuten, es gibt tausend Probleme zu lösen. Dein erfahrenster Student versucht, dir soviel Arbeit wie möglich abzunehmen und dir den Rücken freizuhalten. Du findest irgendwas, womit du ihn belohnen kannst, und du freust dich, weil er sich auch freut, und für kurze Zeit fühlst du dich besser. Du gibts ihm dafür extrafrüh frei, das Wetter ist ja so schön und es ist Freitag. Als er weg ist, bricht zusammen, was auch immer dich die letzten Tage aufrecht gehalten hat.

Du bekommst eine SMS von deinem Studienfreund. Der, der immer alles so locker genommen hat, dem immer alles so leicht fiel. „Ich kann nicht mehr.“, schreibt er. „Es ist zuviel. Ich bin konstant überfordert. Ich kündige, ich will nicht mehr.“ Du tröstest ihn, so gut du kannst, versuchst, ihn wieder aufzubauen, ihm Zuversicht zu geben. Er rappelt sich auf und macht weiter. Ein paar Monate später schreibst du ihm fast dieselben SMS, und er tröstet dich, und du fragst dich, ob es jetzt immer so weitergehen wird.

Du wurdest grade schon wieder von deinem Chefarzt total zur Schnecke gemacht. Eine geschlagene Viertelstunde hat er dich angeschrien, einfach nur, weil er schlechte Laune hat, und du warst halt grade da. Du schliesst dich im Klo des Stationsbüros ein, und du schreist und weinst, bis du nicht mehr kannst. Du weisst genau, dass deine Studentin im Büro sitzt, und dich hören kann. Du weisst, dass sie deine verheulten Augen sieht, wenn du das Klo verlässt. Sie zeigt dir, wo du dein verschmiertes Makeup noch nicht ganz weggeputzt hast. Danach wird sie so tun, als sei nichts gewesen, so, wie beim letzten Mal auch. Und beim Mal davor.

Eigentlich solltest du nur kurz für eine kranke Kollegin aushelfen. Dann kommt eine schwangere Frau auf die Station. Sie spürt seit drei Tagen keine Kindsbewegungen mehr, der Gynäkologe hat den Tod des Kinds festgestellt. Jetzt muss sie das Kind gebären, auf deiner Station, weil zu den Wöchnerinnen legen kann man sie ja nicht und auf der Gyn ist nichts mehr frei. Die Hebamme ruft dich dazu. Nie, niemals hättest du sowas sehen wollen, darauf warst du nicht vorbereitet, dafür bist du nicht ausgebildet. Du möchtest dir einen Moment Zeit nehmen, um das Ganze zu verarbeiten, aber du hast zuviel zu tun, zuviele Patienten zu sehen, zuviele Telefonate zu führen. Du kannst kaum mehr denken und vertraust dich schliesslich deiner Lieblingspflegefachfrau an. Sie treibt irgendwo Schokokuchen und Taschentücher auf, setzt dich in einen leeren Untersuchungsraum und gibt dir 10 Minuten ganz für dich allein, bevor sie dich anruft wegen des Gesprächs mit der 45jährigen neu diagnostizierten Krebspatientin und ihrer Familie.

Abends liegst du im Bett und fragst dich, woher du die Kraft für den morgigen Tag nehmen sollst.

 

Listen.

I wish I could tell you it gets better. But it doesn’t get better.

You’ll get better.“

– Joan Rivers

(Hör zu. Ich wünschte, ich könnte dir sagen, dass es besser wird. Aber es wird nicht besser. Du wirst besser.)

Du hattest die Kraft für heute. Du wirst die Kraft für morgen haben.

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7 Kommentare zu „DU wirst besser.“

  1. Offensichtlich sehr harte Zeiten gerade. Manchmal hilft es nicht zuviel nachzudenken, einen Tag nach dem anderen zu nehmen…Vielleicht wird es irgendwann besser, weil der Kollege gut eingearbeitet ist etc…..??

    Danke dir für deine Arbeit mit kranken Menschen, wir brauchen doch alle ab und an einen Arzt!!!

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  2. Du hast mein ganzes Mitgefühl!
    Wie gut kann ich Deine Resignation verstehen.
    Aber jeder kleine Erfolg baut doch wieder auf- und denk dran, es kommen auch wieder gute Tage!
    Fühl Dich gedrückt … :o)

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