Pillengeschichten

Besonders an Wochenenden oder Feiertagen erreicht uns folgendes Telefon: „Hallo, ich brauche dringend ein Pillenrezept und mein Frauenarzt hat heute zu.“

Soviel vorneweg: Das kann ich gar nicht ab. Pillenrezepte sind niemals Notfälle. Nie. Pille danach, sicher. Unbedingt sogar. Gleich vorbeikommen, kein Problem. Aber die normale Verhütungspille? Nein.

Kürzlich hatte ich so ein ähnliches Telefon am Samstag Nachmittag. Ich war grade auf Station, wo ein Patient mit Bauchspeicheldrüsenentzündung sich akut verschlechterte. Ich organisierte die Verlegung. Dazu gehört: Zielspital informieren und mit ihnen absprechen, Transportorganisation benachrichtigen, Austrittsbericht schreiben, alles zusammensuchen (Labor, Befunde, was so vorhanden ist). Und das alles von einem komplizierten medizinischen Patienten, den ich vorher nicht gekannt habe. Ganz schön viel ist das. Und da ruft mich der Empfang an und sagt: „Da ist eine junge Frau, die ein Pillenrezept möchte.“

Das Standardvorgehen: es wird ein ambulanter Fall eröffnet und ein ganz normales Aufnahme findet statt. Ich führe ein Gespräch, darin erfrage ich, welche Pille die Patientin nimmt, seit wann, ich checke Risiken ab, die gegen die Pille sprechen. Danach gebe ich ein Rezept ab für eine einzelne Monatspackung und weise die Patientin an, zum Gynäkologen zu gehen. Damit sind diese Patientinnen – in der Regel zwischen 16 und 26 Jahre alt – eigentlich nie zufrieden. Geht zu lange. Ist zu aufwändig, zu teuer, nicht das, was sie sich vorgestellt haben.

Bei dieser Patientin war zusätzlich speziell: Sie hätte die Pille schon seit 3 Tagen wieder nehmen müssen. So gesehen kommt es jetzt sowieso nicht mehr drauf an, sie muss den nächsten Monat sowieso zusätzlich mit Kondom verhüten. Der Schutz ist nicht mehr gegeben.

Nach 20min Warten im notabene vollen Wartezimmer ist die Patientin dann auch wieder rausgestürmt, hat am Empfang verkündet“Das geht mir zu lange, ich bin weg“. Sie sei dann, habe ich später vernommen, am nächsten Tag erneut aufgetaucht, diesmal in Begleitung ihrer Tante. Auch diesmal musste sie warten, auch diesmal war sie nicht zufrieden. Schliesslich schrie sie die Pflege an: „Ich gehe jetzt. Und wenn ich dann schwanger werde, sind SIE schuld!“

Haha. Genau.

Ähnlich wenig für mein Vorgehen hatte die Patientin, welche am Freitag dringend ein Rezept für Montag brauchte. Ihr Gynäkologe war in den Ferien. Ich riet ihr an, einen Vorbezug zu versuchen in der Apotheke, in welcher sie die Pille sonst auch bezieht. „Ja, die haben mir eben letztes Mal schon gesagt, ich müsse das Rezept dringend erneuern.“

„Wann ist Ihr Rezept denn abgelaufen?“

„Vor zwei Monaten.“

Auch sie hatte für mein Vorgehen kein Verständnis. Sie hatte schon beim Vertretungsarzt angerufen, dort habe aber niemand abgenommen. Als ich den Vertretungsarzt dann direkt aufs Handy angerufen habe, war er grade in der Sprechstunde – die Praxis war also geöffnet. Und ihren vorwurfsvollen Hinweis, der Vertretungsarzt sei ja für die Patienten zuständig, konterte ich mit „Er ist für Notfälle zuständig, und ein seit zwei Monaten abgelaufenes Rezept ist nunmal keiner.“

Sie kam dann nicht vorbei, was mich nicht sonderlich überrascht hat.

Hat mir auch nicht besonders viel ausgemacht, wenn ich ehrlich bin.

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3 Kommentare zu „Pillengeschichten“

  1. Ach was meinst du, wie oft das bei mir in der Arbeit vorkommt…
    Allerdings Apotheke in Deutschland.
    Wir geben einen Streifen für einen Monat mit, lassen drei Streifen bezahlen und geben dann die restlichen zwei Streifen bei Abgabe des Rezeptes mit. Und ja, wir machen das wirklich so. Anweisung der Chefin. Meine Meinung wäre ja eine andere…
    Eine Erleichterung ist es jetzt allerdings schon, dass die Pille danach nun auch ohne Rezept abgegeben werden darf. Seitdem die Verschreibungspflicht dafür weg ist, habe ich kein Pille-danach-Rezept mehr in der Hand gehalten.
    LG Katja O.

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    1. Bei uns gibt’s da die Möglichkeit des Vorbezugs. Wenn man etwas Rezeptpflichtiges hat, kann man das in der Apotheke, wo man bekannt ist, in der Regel auch ohne Rezept nochmal beziehen. Die eine Patientin hat davon aber schon Gebrauch gemacht.
      Wir machen das so: Wir machen die normale Pillenberatung, klären Risiken ab und geben dann ein Rezept für genau eine Monatspackung.
      Die Pille danach geben wir auch ab, kostet aber sehr viel im Vergleich zur Apotheke.

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  2. Aus eigener Apotheken-Notdiensterfahrung sage ich mal: Ja, es ist ein Notfall. Denn…
    – der Freund ist seit zwei Wochen das erste mal wieder da
    – vor lauter Vorfreude kam man zu nix anderem
    – man (also frau) war sich auch GANZ sicher, dass noch 3 Monatsblister im Karton waren
    – der Frauenarzt hatte vorletzte Woche am Freitag Nachmittag um 17.30Uhr Urlaub
    – der Vertretungsarzt hatte um 18.10Uhr AUCH schon zu
    – man hat nie Zeit für Arztbesuche
    – Arztbesuch für Pille ist sowieso überflüssig
    – Rezept braucht man eh nicht, weil man die ja sowieso komplett selbst bezahlt (in D ab dem 20. Geburtstag)
    – gummiert ist schließlich doof
    usw. usw.

    Und weil es SO EIN NOOOOOTFALL ist, kommt frau nicht mal selber um 22.30Uhr zum Apotheken-Notdienst, sondern schickt den Freund. 😉

    Und andererseits kann man es doch wohl auch in D als Serviceleistung erwarten, dass sich alle anderen nicht an das halten, was gemeinhin als Gesetz gilt, meinte zumindest vor längerem eine Bloggerin aus Berlin – hier mal nicht der Blogeintrag sondern (ein Teil der) Berichterstattung dazu. http://www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/nachricht-detail/rezeptpflicht-bloggerin-apotheken-schaufeln-sich-ihr-grab/

    Aber so sind Menschen nun mal. Und ganz ehrlich – ich selbst suche Fehler auch lieber bei anderen als bei mir selber – aber ich habe den Gluteus maximus in der Hose, meine eigengemachten zuzugeben… 😀

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