Über das Warten

Dass man auf den Notfall mit Wartezeiten rechnen muss – mir scheint, das sollte allgemein bekannt sein. Je nachdem, was die Ambulanz oder der Heli noch so zwischendurch bringen, oder was halt so herein spaziert, verschieben sich Prioritäten. Kompliziertheit der Fälle, Kojenzahl, Anzahl Arzt- und Pflegepersonal und Anzahl Computerplätze sind (einige der) limitierende Faktoren. Dazu kommen Kapazität des Radiologiepersonals, die Dauer, bis eine Blutentnahme im Labor ausgewertet ist, die nebenher laufende Sprechstunde der Kaderärzte.

Manche Patienten reagieren mit ganz viel Verständnis. Vor allem, wenn sie Sirenen oder Rotoren hören und Rettungssanitäter herumwuseln sehen. Andere hingegen…

Natürlich sind es die Patienten mit den geringsten Problemen, die am unzufriedensten sind. „Ich hab gedacht ich kann einfach kurz kommen und krieg ein Medikament“ hören wir häufig. „Ich hab noch mehr vor heute, ich hab noch einen Termin“. Oder, auch ganz beliebt: „Was, in die Apotheke muss ich auch noch? Können Sie mir das nicht einfach mitgeben?“ Da sind uns dann wiederum vom Gesetz her die Hände gebunden. Spannend daran ist, dass sich die Patienten zu 99% nur beim Pflegepersonal beschweren (teils auch ganz schön heftig), dem Arzt jedoch in der Regel gar nichts sagen.

Andere versuchen, zu planen. „Ich glaub ich habe mein Handgelenk gebrochen, aber ich habe einen Säugling den ich alle 3h stillen muss, wann kann ich am besten kommen?“ ist ein lösbares Problem. Wir organisieren ein Stillzimmer, damit die Patientin zum geforderten Zeitpunkt die Milchbar eröffnen kann.

Zwei schöne Erlebnisse in diesem Zusammenhang stechen mir da hervor: Einerseits die ältere Dame mit den Knieschmerzen, die sicher eine Stunde auf mich gewartet hat, weil in kürzester Zeit zwei Ambulanzen und ein Heli Geschenke für mich brachten. Als ich mich entschuldigte, sagte die Dame: „Ach, das macht doch nichts… Man hofft ja, dass man dann selbst auch mal schnell drankommt, wenn man etwas wirklich dringendes hat. Da kann ich mit meinem kleinen Problem ja gut warten.“ Einfach liebenswert.

Oder dann war da der ältere Herr, noch während meiner Studienzeit. Das war in einem grösseren Spital, wo ein Aufenthalt auf dem Notfall auch schon mal 3-4 Stunden dauern konnte, von Ankunft bis Entlassung. Ich lief knapp an meinem studentischen, unerfahrenen Limit mit 5 Patienten gleichzeitig (ist das nicht süss, 5 Patienten), und einer davon musste einfach ganz schön lange warten. Und weil wir dort auch noch jedem Patienten einen provisorischen Bericht geben mussten, wartete er eben noch länger. Die Pflege schickte ihn vorsorglich in die Cafeteria. Dort überbrachte ich ihm eine halbe Stunde später den Brief und das Rezept. Wieder entschuldigte ich mich vielmals. Die Ehefrau des Patienten lächelte nur und sagte: „Ach, Sie sehen aus als hätten Sie’s ganz schön streng. Können wir sie auf einen Kaffee einladen?“ (Konnte sie natürlich nicht, weil ich keine Zeit hatte für Kaffee, aber die Geste zählt.)

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8 Kommentare zu „Über das Warten“

  1. Hat dies auf rescue blog rebloggt und kommentierte:
    Passend zu meinem Artikel heute morgen mal positive Gegenbeispiele. Das tut gut, sowas zu lesen.
    Freundliche und geduldige Patienten kenne ich natürlich auch, aber leider bleiben die richtig unverschämten und dreisten viel länger und deutlicher im Gedächtnis.
    Schön, hier mal von freundlichen Wartenden zu lesen. ❤

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